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Langzeitarbeitslosigkeit am Zenit

18.02.2021 • 20:20 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Gruppenbild vor Carla in Altach. <span class="copyright">Serra</span>
Gruppenbild vor Carla in Altach. Serra

Menschen, die länger arbeitslos sind, brauchen Unterstützung.

Die Pandemie hat die Situation am Arbeitsmarkt innerhalb eines knappen Jahres drastisch verändert. Waren es Ende April 2020 noch 9000 Personen, die beim AMS arbeitslos gemeldet waren, sind es mittlerweile über 16.000 Menschen. Die Zahl hat sich in einem Jahr nahezu verdoppelt. Insgesamt 3000 der vorgemerkten Personen zählen zum Kreis der sogenannten Langzeitarbeitslosen. Knapp jeder Fünfte ist länger als ein Jahr beschäftigungslos. Die Pandemie verschärft die Lage dieser Personengruppe.
Der Verband arbeit plus, das Land Vorarlberg und das AMS versuchen, hier gegenzusteuern und das soziale und arbeitspolitische Netz enger zu knüpfen. Ein wesentlicher Faktor dabei ist der zweite Arbeitsmarkt. Dabei handelt es sich um vom Land und vom AMS geförderte Arbeitsplätze im Sozialbereich.

Arbeit plus

Geschäftsführerin: Benedicte Hämmerle

Obmann: Florian Kresser

Mitgliedsbetriebe: Aqua Mühle, Kaplan Bonetti Arbeitsprojekte, Integra, Carla – Caritas Vorarlberg, Dornbirner Jugendwerkstätte

AMS-Förderung: 9 Millionen (2021)

Landesförderung: 3,5 Millionen (2021)

Betreuungsangebot: diverse gemeinnützige Tätigkeiten Arbeitstrainings, Qualifizierungs­angebote, Schulungen, persönliche Unterstützung durch Sozialarbeiter

Einer dieser Betriebe ist Carla von der Caritas. „Zu alt, zu wenig qualifiziert. Damit ist der Abstieg in die Langzeitarbeitslosigkeit oft vorprogrammiert“, wie Benedicte Hämmerle vom Verband arbeit plus Soziale Unternehmen Vorarlberg zu berichten weiß. Zu diesem Verband zählen fünf Betriebe: Die Aqua Mühle, das Kaplan Bonetti Arbeitsprojekt, Integra, Carla und die Dornbirner Jugendwerkstätten. Insgesamt werden diese Einrichtungen mit 12,5 Millionen Euro gefördert. Davon übernimmt das AMS neun Millionen und das Land 3,5 Millionen. Ohne diese Förderungen könnte der zweite Arbeitsmarkt nicht existieren.

<span class="copyright">Archiv/Mathis Fotografie</span>
Archiv/Mathis Fotografie

„Die Corona-Krise hat den Arbeitsmarkt in eine uns bis dahin nicht bekannte Situation gebracht. Und wir wissen ja von früheren Krisen, wie etwa der Finanzkrise von 2008, dass solche Situationen dazu beitragen können, dass sich Arbeitslosigkeit verfestigt“, führt Hämmerle weiter aus. Und da ist der zweite Arbeitsmarkt eines von mehreren Mitteln, dem entgegenzuwirken. „Denn je länger jemand keine Arbeit hat, desto schwerer wird es für diese Person, wieder eine Arbeit zu finden. Das gilt insbesondere für ältere Menschen.“ Mittlerweile wurden 28 kurzfristige neue Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose geschaffen. Ein Arbeitsplatz kann von zwei bis drei Personen genutzt werden, weil die Arbeitszeit am zweiten Arbeitsmarkt auf zwischen fünf und sechs Monate befristet ist. „Es werden jährlich etwa 1000 Langzeitsarbeitslose in den fünf Unternehmen von arbeit plus beschäftigt“, ergänzt Hämmerle.

Höchststand

Die AMS-Zahlen belegen, dass Vorarlberg krisenbedingt hinsichtlich Langzeitbeschäftigungslosigkeit auf einen historischen Höchststand zusteuert. Wirtschaftslandesrat Marco Tittler sieht den besten Jobmotor in einer funktionierenden Wirtschaft: „Die bewährten niederschwelligen Beschäftigungs- und Ausbildungsinitiativen im Rahmen der Vorarlberger Joboffensive unterstützen langzeitbeschäftigungslose Menschen beim Wiedereintritt in ein geregeltes Berufsleben. Deshalb haben wir uns klar für deren Fortsetzung und weiteren Ausbau entschieden“, erläutert Tittler.
Die Praxisqualifizierung von Personen, die bereits länger ohne Beschäftigung sind, sieht auch Karoline Mätzler, die Leiterin des Fachbereichs Arbeit & Qualifizierung der Caritas Vorarlberg, als wichtigen Hebel. „Langzeitbeschäftigungslosigkeit ist vielschichtig. Bisher waren überwiegend Ältere oder Geringqualifizierte betroffen. In der Krise jedoch kommt die Langzeitarbeitslosigkeit in der Mitte der Gesellschaft an.“

betroffene

Arbeitslos: Zu alt, zu wenig qualifiziert

Mit 51 Jahren plötzlich arbeitslos zu werden, ist eine harte Prüfung. Eine Betroffene berichtet darüber.

Dagmar Jarc ist 58 Jahre. Mit 51 Jahren wurde sie von heute auf morgen nach 37 Jahren in einer Lustenauer Stickerei unverschuldet arbeitslos. „Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Das war schrecklich, keine Arbeit mehr zu haben und zum AMS gehen zu müssen.“ Frau Jarc wusste nicht, was sie mit der Zeit anfangen sollte und ist in ein dunkles Loch gefallen. „Ich musste dann auch zum Psychiater gehen, und der hat mir Medikamente verschrieben. Ich hatte Selbstmordgedanken. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich mich wieder halbwegs gefangen habe.“ Zu Beginn bekam sie überall nur Absagen, manchmal nicht einmal das. Der Grundtenor war immer: zu alt, nicht qualifiziert. Generell werde man von der Gesellschaft abgestempelt. „Die meisten sagen, die ist doch nur zu faul zum Arbeiten.“ Das hat mich ungemein gekränkt.

Sie hatte während ihrer Zeit als Arbeitslose sehr mit finanziellen Engpässen zu kämpfen. „Wenn man nicht mehr weiß, wie man die Rechnungen zahlen soll, dann wird es schlimm. Ohne die Unterstützung von meinem Mann wäre da gar nichts mehr gegangen.“

Man ist auf jede Hilfe angewiesen, da man alleine kaum die Chance hat herauszukommen.

Über das AMS kam der Kontakt zum Carla-Shop in Lustenau zustande. So ist sie in den zweiten Arbeitsmarkt gekommen. Und das hat Frau Jarc wieder neuen Lebensmut und Auftrieb gegeben. „Ich bin so gern wieder arbeiten gegangen. Arbeit ist für mich einfach wichtig. Ich brauche diese Struktur.“ Die Stelle bei Carla in Lustenau ist dann den Sparmaßnahmen der letzten Regierung zum Opfer gefallen. Durch die Streichung der „Aktion 20.000“ wurde Frau Jarc wieder arbeitslos, denn Carla in Lustenau wurde zugesperrt.

In zwei Jahren kann Dagmar Jarc in Rente gehen. Sie ­arbeitet jetzt seit September Carla in Altach. Sie würde gerne hier bleiben. Das geht aber leider nicht. „Man muss einfach nach vorne blicken. Das habe ich gelernt. Auch wenn es noch so ausweglos erscheint, es geht irgendwie immer weiter.“