Allgemein

Reintesten in Veranstaltungen?

20.02.2021 • 15:13 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Hartinger</span>
Hartinger

Pro un Kontra – Eine aktuelle Frage aus zwei Blickwinkeln beantwortet.

Ein Friseur-Besuch ist mit einem negativen Corona-Test möglich. Bei der Frage, ob dies auch für Veranstaltungen ermöglicht werden soll, gehen die Meinungen der Kulturschaffenden auseinander.

Pro: Stephanie Gräve, ­Intendantin des Landestheaters Vorarlberg.

Tests helfen den Menschen, sich solidarisch und ­verantwortungsbewusst zu verhalten. An der Supermarktkassa ebenso wie im Theater.

Eine Situation gilt als tragisch, wenn ein Mensch, obschon gänzlich unverschuldet in ein Dilemma hinein geraten, einfach keine Chance hat, uneingeschränkt richtig zu handeln. Der junge Orest ist so ein Fall: Nach antiker Rechtsauffassung ist es seine Sohnespflicht, den Mord am Vater zu rächen, die Schuldigen zu töten – doch unglücklicherweise ist seine Mutter die Mörderin.
Mit der Pandemie fühlt es sich ähnlich an: Der Lockdown ist ein Weg, Menschen vor dem Tod oder vor schweren gesundheitlichen Folgen zu bewahren, doch gleichzeitig richtet er große Schäden in der Gesellschaft an, wirtschaftliche, aber auch psychische und soziale Schäden. Der enorm gestiegene Bedarf an kinder- und jugendpsychiatrischer Betreuung ist nur ein Beispiel.
Was also tun? Das Virus mit seinen Mutationen wird so bald nicht verschwinden, nicht in der global agierenden Gesellschaft, die wir nun einmal sind. Es geht also darum, Wege aus dem Lockdown zu finden und trotzdem größtmögliche Sicherheit zu erreichen. Flächendeckende Tests können so ein Weg sein, und deshalb befürworte ich sie auch für Kulturveranstaltungen. Um unserem Publikum ganz konkret einen sicheren Theaterbesuch zu ermöglichen – und aus ­gesamtgesellschaftlicher Verantwortung.

Stephanie Gräve, Intendantin des Landestheaters. <span class="copyright">Anja Köhler<span class="copyright"></span></span>
Stephanie Gräve, Intendantin des Landestheaters. Anja Köhler

Klar, das Prozedere ist einigermaßen unkomfortabel – für uns als Theater, weil wir unsere Gäste kontrollieren, die Infrastruktur bereitstellen müssen, möglichst sogar Tests für diejenigen offerieren, die weniger mobil sind und die öffentlichen Testangebote nicht wahrnehmen können; unkomfortabel für die Besucher, die gleich zwei Termine koordinieren müssen.
Aber eben: Es ist unkomfortabel, nicht unzumutbar; und niemand hat wohl noch die Illusion, es könne einfache Wege aus dieser Pandemie geben. Und regelmäßig einen Test zu machen, das scheint mir ein eher kleines Übel, verglichen mit der augenblicklichen Lockdown-Situation – und verglichen mit der ständigen Bedrohung, jemanden unwissentlich anzustecken. Denn persönlich geht es mir mit den Tests wie mit dem Autofahren: Ich möchte eine verantwortungs- und rücksichtsvolle Fahrerin sein und niemanden gefährden. Und deshalb bin ich dankbar für Verkehrsregeln, bin dankbar, wenn ein Schild mich auf eine Schule hinter der scharfen Kurve hinweist und mich auffordert, mein Tempo zu drosseln.
Ebenso möchte ich auf keinen Fall Gefahr laufen, andere mit einem gefährlichen Virus zu infizieren, nicht die, die in der Supermarktschlange vor mir stehen, nicht die, die mit mir ins Theater gehen. Die Tests helfen mir, mich solidarisch und verantwortungsvoll zu verhalten. Da kann ich doch nur sagen: Cool, danke für das Angebot!

KONTRA: Dieter Heidegger, Geschäftsführer Figurentheaterfestival Homunculus

Veranstalter und das ehrenamtliche Personal sind keine Kultur-Sheriffs. Die Kontrollen der Tests darf nicht in der Verantwortung der Mitarbeiter liegen.

Mir geht es wie den meisten, ich vermisse den „sozialen Kontakt“, wie es so schön heißt. Der beginnt bei der Familie, bei Freunden und Bekannten und geht natürlich bis hinein ins Geschäftliche. Eine persönliche Begegnung, eine Besprechung oder das klassische „Achtele“ nach einer Veranstaltung, wo das Erlebte diskutiert wird, kann durch „Zoom“ nicht ersetzt werden. Nun steht einmal mehr im Raum, Veranstaltungen zuzulassen, wenn davor ein negativer Corona-Test vorgelegt wird. Und diese Vorgabe würde bedeuten, dass dies auch durch jemanden vor Ort kontrolliert werden muss. Und hier sind wir auch schon bei der Hauptschwierigkeit. Wir sind keine Kultur-Sheriffs, die am Eingang stehen und neben der Eintrittskarte auch noch das Testergebnis überprüfen. Nach den aufgetauchten Fälschungen sollte am besten noch jeder Zettel gescannt und der Name kontrolliert werden.

Dieter Heidegger, Geschäftsführer des Figurentheaterfestival Homunculus. <span class="copyright">Privat</span>
Dieter Heidegger, Geschäftsführer des Figurentheaterfestival Homunculus. Privat

Wir in Vorarlberg sind im Kulturbereich sehr klein strukturiert und auf ehrenamtliche Helfer angewiesen. Ich kann und will diesen Freiwilligen nicht die Verantwortung übertragen, Tests kontrollieren zu müssen. Womöglich werden sie dann sogar noch zur Verantwortung gezogen, wenn etwas nicht so gelaufen ist wie vorgeschrieben. Wenn jemand mit einer gefälschten Eintrittskarte „durchschleicht“ – ok – unser Problem. Aber hier geht es ja um viel mehr. Diese langwierigen Kontrollen haben zudem sicher Schlangenbildungen am Eingang zur Folge und alle Besucher werden wohl nicht im Foyer Platz haben, müssen also draußen warten. Na hoffentlich schneit, regnet oder stürmt es nicht.
Viele Kulturveranstalter haben im vergangenen Jahr die Ausbildung zum Covid-19-Beauftragten absolviert. Dank der Unterstützung des Landes sogar kostenlos. Es wurden ausgefeilte Konzepte erarbeitet und in die Tat umgesetzt. Geschäft war es dort schon keines mehr. Die Kosten sind die gleichen. Bei maximal halber Besucherzahl ging sich das weder für die Künstler noch für die Veranstalter aus. Viel Abstand, Masken, Besucherstrom-Lenkung, Kontakt-Erfassung … das alles hat super funktioniert. Und dann hieß es „Stopp“ – nix geht mehr.
Ich nehme das Virus sehr ernst, aber wäre es nicht besser, kontrolliert Kultur und auch Gastronomie zu öffnen, als die Treffen und Partys weiter ins unkontrollierte Private zu verlagern?
Unser 30. Figurentheaterfestival Homunculus wird vom 6.–14. Mai stattfinden. „So oder so“. Mit ganzer oder halber Kapazität. Hoffentlich nicht vor leeren Rängen und nur virtuell. Das wünsche ich weder den Künstlern noch uns als Veranstalter und schon gar nicht den vielen treuen Besuchern. Vor 30 Jahren haben wir vor ganz wenig Publikum begonnen, da sich keiner etwas unter Figurentheater vorstellen konnte. Auf so eine Wieder­holung können und wollen wir verzichten.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.