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Chancenlos kopfüber im Schnee

21.02.2021 • 12:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit

Interview mit Martin Burger, Chef der Vorarl­berger Bergrettung.

Es ist derzeit nicht gerade viel los in der Höhe, Übungen und große Zusammenkünfte sind im Lockdown gestrichen. Wie bleiben die Bergretter auf Betriebs­temperatur?
Martin Burger:
Rettungstechniken und Bergetechniken kann man durchaus auch allein üben oder im Familienverband, dann spielt das Kind oder der Partner das Opfer. Zudem haben wir über unsere Online-Lernplattform einiges angeboten. Wichtig war uns, dass die Anwärter ihre Grundausbildung machen können. Das waren im letzten Jahr 100 Personen.

Und wie hat sich die Corona-Situation hinsichtlich der Einsätze ausgewirkt?
Burger:
Aufgrund des ersten Lockdowns im März und April sind die Einsatzzahlen massiv zurückgegangen. Wir hatten aber in Gebieten zu tun, wo es sonst nicht viele Einsätze gibt, etwa auf Spazierwegen. Vor allem in Bregenz gab es eine Einsatzhäufung. Im Sommer hatten wir aufgrund des geänderten Urlaubsverhaltens sehr viele Einsätze in den Bergen, rund 40 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Auf den Skipisten ist diese Saison klarerweise weniger los. Am deutlichsten zeigte sich das im Bereich der Flugrettung. Da hatten wir von Anfang Dezember bis Ende Jänner um 70 Prozent weniger Einsätze als im vorigen Winter. Die Abwicklung der Einsätze war aufgrund der Hygienevorschriften schwieriger.

zur Person

Martin Burger ist seit 2015 Landesleiter der Vorarl­berger Bergrettung.

Geboren: 26. September 1976 in Kirchdorf (OÖ), aufgewachsen in ­Hinterstoder

Ausbildung: Studium internationale Wirtschaftswissenschaften

Wohnort: Bregenz

Familienstand: verheiratet, zwei Kinder

Heuer gibt’s viel Schnee, wirkt sich das auf die Verletzungen aus?
Burger:
Klar. Die Pisten sind anders als in einem schneearmen Winter, in dem man fast zu hundert Prozent auf Kunstschnee unterwegs ist. Da gibt’s andere Verletzungsmuster. Wenn es mich jetzt zerlegt, falle ich weicher, als wenn ich auf eine eisige Kunstschneepiste knalle.

Und was ist noch anders in dieser Wintersaison?
Burger:
Wir wussten schon im Herbst, dass zwar auf der Piste weniger, aber im alpinen Raum mehr los sein wird. Die Nachfrage nach Skitourenausrüstung und Schneeschuhen war laut Sporthändlern enorm.

Es tummeln sich also mehr Ungeübte am Berg?
Burger:
Wir wussten, dass es mehr Skitourengeher geben wird. Und es war uns klar, dass es zu einer Verschiebung kommt. Auf den Trampelpfaden sind jetzt mehr Anfänger unterwegs, weshalb die Fortgeschritteneren, die dort bisher unterwegs waren, den nächsten Schritt wagen. Und so weiter und so fort. Wir sind auch davon ausgegangen, dass die Leute auch bei Schlechtwetter Skitouren unternehmen. Und wenn der Hubschrauber nicht fliegen kann, müssen wir mit den Skiern den Berg hoch und einen Akja (Anm.: Rettungsschlitten für den Transport von Verletzten) nachziehen. Das kann mitunter mehrere Stunden dauern. Für den Betroffenen ist ein verletztes Knie dann das kleinste Problem. Eine Unterkühlung kann lebensbedrohlich sein.

Die Vorarl­berger Bergretter absolvierten im Corona-Jahr 2020 336 Einsätze, das sind um 7,4 Prozent weniger als im vorigen Winter. Die Einsatzstunden gingen um 28 Prozent zurück.  <span class="copyright">Symbolbild/Bergrettung/Schöch</span>
Die Vorarl­berger Bergretter absolvierten im Corona-Jahr 2020 336 Einsätze, das sind um 7,4 Prozent weniger als im vorigen Winter. Die Einsatzstunden gingen um 28 Prozent zurück. Symbolbild/Bergrettung/Schöch

Kam es zu solchen Situationen?
Burger:
Es ist schon ein paarmal Spitz auf Knopf gestanden. Dann hat sich aber doch noch ein Nebelloch aufgetan, und der Hubschrauber konnte fliegen. Wir hatten unsere Einsatzräume deshalb vorsorglich vorbereitet. Wir deponierten Akjas im Gelände, etwa auf Alpen, um im Notfall schneller am Einsatzort sein zu können. Am Ende des Tages ist aber nicht so viel passiert, wie wir befürchtet haben.

Was gilt es grundsätzlich zu beachten, wenn man in die Berge geht?
Burger:
Es braucht eine gute Planung, das gilt für jede Jahreszeit. Man sollte unter anderem wissen, wo man geht, wie lange man dafür braucht und ob man konditionell dazu in der Lage ist. Nach der Planung kommt die Einschätzung, die Ausrüstung und die Kontrolle. Die Anfangsbuchstaben ergeben das Wort Peak – eine Eselsbrücke.

Sind Wanderer und Tourengeher gut genug ausgerüstet?
Burger:
Im Sommer tauchten in den Bergen sehr viele Personen mit schlechter Ausrüstung auf. Das soll aber kein Vorwurf sein. Denn eines ist klar: Eine gute Ausrüstung ist zwar hilfreich, aber nur dann, wenn ich mit ihr umgehen kann. Wenn ein Flachländer, der noch nie am Berg war, mit funkelnagelneuen Bergschuhen daherkommt, ist das eher kontraproduktiv. Denn er wird es nicht gewohnt sein, mit solchen Schuhen zu laufen.

Burger empfiehlt allen einen Kursen zu machen - im Notfall kann dieser nützlich sein. <span class="copyright">Symbolbild/Bergrettung/Rogen</span>
Burger empfiehlt allen einen Kursen zu machen - im Notfall kann dieser nützlich sein. Symbolbild/Bergrettung/Rogen

Auch mit dem Lawinensuchgerät muss man umgehen können, vor allem in der Hektik eines Notfalls.
Burger:
Genau. Einmal einen kleinen Kurs zu machen, reicht hier nicht aus. Selbst wir bei der Bergrettung üben das jedes Jahr aufs Neue. Denn man muss da einfach sehr schnell sein.

Wie schnell?
Burger:
Die ersten 15 Minuten nach der Verschüttung sind kriegsentscheidend. Da muss aber schon der Kopf freigelegt sein. Wenn jemand eineinhalb Meter tief verschüttet ist, braucht man allein fürs Schaufeln zehn Minuten.

Man kann auch im Schnee ersticken, ohne von einer Lawine verschüttet zu werden. Nämlich dann, wenn man kopfüber im Tiefschnee stecken bleibt, Erst kürzlich ist ein Variantenfahrer in der Silvretta so umgekommen. Kann man dieser Todesfalle überhaupt entkommen?
Burger:
Mir ist das als Jugendlicher auch passiert. Da hast du überhaupt keine Chance. Aufgrund des fehlenden Widerstands kann man sich nicht selbst ausgraben. Und mit den Händen irgendwie zum Mund zu kommen, ist nahezu unmöglich. Ich hatte das große Glück, dass mich meine Kollegen aus dem Tiefschnee gezogen haben. Wäre ich als Letzter abgefahren, hätte es wahrscheinlich niemand bemerkt. Dann säße ich jetzt definitiv nicht hier.

Manch ein Skitag endet für den einen oder anderen in einer Abfahrt im Ajak, im Rettungsschlitten der Bergrettung. <span class="copyright">Symbolbild/Bergrettung/Schöch</span>
Manch ein Skitag endet für den einen oder anderen in einer Abfahrt im Ajak, im Rettungsschlitten der Bergrettung. Symbolbild/Bergrettung/Schöch

Bergretter begeben sich mitunter selbst in Gefahr. Wie kann man das Risiko minimieren, wann muss ein Einsatz abgebrochen werden?
Burger:
Zuerst kommt die Eigensicherung, dann der Rest. Das klingt einfacher, als es ist. Wir hatten vor ein paar Jahren einen Einsatz in Lech. Wir wussten, dass es eine verschüttete Person gibt und wo diese in etwa liegt. Bevor wir den Skifahrer ausgraben konnten, musste allerdings zu unserer Sicherheit eine Lawine abgesprengt werden, wir haben die Person also wissentlich noch einmal verschüttet. Der Mann lag eineinhalb Stunden unter der Lawine und war bei der Bergung ansprechbar. Ein gewisses Restrisiko wird für uns aber bleiben. In Salzburg wurden vor Kurzem zwei Bergretter bei einem Einsatz verschüttet, nachdem über ihnen ein Freerider eine Nachlawine abgetreten hatte. Die Kollegen haben ihren Airbag gezogen und gewusst, jetzt erwischt’s uns. Sie konnten sich glücklicherweise selbst befreien.

Die Fahrradsaison steht vor der Tür. Führt der E-Bike-Boom zu mehr Einsätzen am Berg?
Burger:
Definitiv. Man kommt leichter rauf, aber mitunter schwieriger runter. Eine beachtliche Anzahl von Einsätzen verzeichnen wir aber auch in Bike-Parks.

Was sind eigentlich die Hauptgründe für Bergrettungseinsätze?
Burger:
Im Sommer ist es die Erschöpfung. Das kann ein Kreislaufzusammenbruch sein oder ein Sturz, wenn die Kraft nachlässt.

Häufig überschätzen sich Personen mit den E-Bikes - rauf geht es schnell, runter wird es schwieriger. <span class="copyright">Symbolbild/Stiplovsek</span>
Häufig überschätzen sich Personen mit den E-Bikes - rauf geht es schnell, runter wird es schwieriger. Symbolbild/Stiplovsek

Ist Selbstüberschätzung ein Thema?
Burger:
Ja. Ein Beispiel: Im Sommer hatten wir einige Klettersteigeinsätze. Leute, die noch nie auf einem Klettersteig waren, haben sich im Sportgeschäft eine Ausrüstung ausgeliehen und sich gedacht, sie probieren das mal. Die waren dann irgendwann fix und fertig und konnten weder vor noch zurück. Gottseidank setzten sie einen Notruf ab.

Der größte Einsatz war im vergangenen Jahr jener in der Üblen Schlucht. Sie haben damals fünf Tage lang einen jungen Mann gesucht, der letztlich nur noch tot geborgen werden konnte. Wie belastend sind solche Einsätze?
Burger:
So ein Einsatz ist zum einen organisatorisch herausfordernd, weil es dazu viele Leute braucht. Psychisch belastend war der Umstand, dass wir eigentlich ab dem zweiten Tag relativ genau wussten, wo wir suchen müssen, aber dort aufgrund der gewaltigen Wassermassen nicht suchen konnten. Das war sehr frustrierend. Erschwerend kam hinzu, dass das öffentliche Interesse sehr groß war. Auf der einen Seite war es bewundernswert zu sehen, wie engagiert nicht nur von uns gesucht wurde. Auf der anderen Seite stellten die privaten Suchtrupps ein nicht unerhebliches Risiko für uns dar. Eine Gruppe löste einen Steinschlag aus, der in unsere Richtung abging. Eine andere Gruppe mussten wir suchen, weil sie sich verlaufen hatte. Unser Hubschrauber konnte zeitweise nicht fliegen, weil private Drohnen unterwegs waren. Das war alles wahnsinnig schwierig und hat den Druck auf die Mannschaft unnötig erhöht.

Wie haben Sie den Mann schluss­endlich gefunden.
Burger:
Da hatten wir einfach Glück. Die Bergung war sehr schwierig und irgendwann auch nicht ungefährlich, da das Wasser noch einmal gestiegen ist. Wir waren unter Zeitdruck. Es war knapp, aber zum Glück haben wir es geschafft.

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