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Zusätzliche Risikofaktoren

21.02.2021 • 18:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
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Ulrike Furtenbach leitet seit über zehn Jahren die ifs-Gewaltschutzstelle. Hartinger

Ulrike Furtenbach von der ifs Gewaltschutzstelle im Gespräch.

Seit rund einem Jahr ist die Welt aufgrund der Corona-Pandemie in einem Ausnahmezustand. Wie hat sich die Situation auf Ihre Tätigkeit ausgewirkt?
Ulrike Furtenbach:
Wir haben auch im Lockdown durchgehend Beratungen für Betroffene von Gewalt angeboten, beim ersten Lockdown haben wir vorwiegend telefonische Beratungen, durchgeführt. Jetzt ist kein Unterschied in der Beratungstätigkeit mehr spürbar, außer Maske tragen und Abstand halten. Geändert haben sich im vergangenen Jahr aber die Fallzahlen. Die sind gestiegen.

Die prognostizierte und auch beobachtete Zunahme an häuslicher Gewalt können Sie also bestätigen?
Furtenbach:
Ja, das lässt sich anhand der Zahlen bestätigen. Es gab eine Zunahme bei den Betretungsverboten sowie bei der Gesamtzahl der Klientinnen. Die großen Belastungen für Familien, die Einschränkungen im Alltagsleben, die zusätzlichen Belastungen durch Homeoffice oder Homeschooling, das sind hohe Stressfaktoren und somit auch Risikofaktoren für häusliche Gewalt.

Wie sehen die konkreten Zahlen aus?
Furtenbach:
Bei den Betretungsverboten haben wir in Vorarl­berg von 2019 auf 2020 eine Zunahme von zwölf Prozent festgestellt. Das heißt, die Zahl hat sich von 304 auf 339 Betretungsverbote gesteigert. Das sind jene Schutzmaßnahmen, welche die Polizei bei Gewalt aussprechen kann. Die Gesamtzahl der Klientinnen ist von 735 auf 795 gestiegen. Das ist glücklicherweise kein massiver Anstieg, das Ausmaß der Dunkelziffer wissen wir nicht.

Furtenbach: "Das Ausmaß der Dunkelziffer wissen wir nicht." <span class="copyright">Hartinger</span>
Furtenbach: "Das Ausmaß der Dunkelziffer wissen wir nicht." Hartinger

Haben sich die Ursachen für Gewalt im vergangenen Jahr verändert?
Furtenbach:
Es sind durch die Pandemie die vorhin erwähnten zusätzlichen Belastungen und Risikofaktoren dazugekommen. An den Formen von Gewalt haben wir in den Beratungen keine Änderungen feststellen können.

Wirkt sich die Pandemie irgendwie dahingehend aus, dass Opfer früher oder später zu Ihnen kommen?
Furtenbach:
Ob sich Opfer jetzt früher oder später melden, kann man nicht sagen. Man weiß aber, dass Betroffene von Gewalt eher länger zuwarten, bis sie sich an Beratungseinrichtungen wenden. Sich frühzeitig Hilfe zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sich über mögliche Schutzmaßnahmen zu informieren, sich beraten zu lassen, sind die ersten Schritte aus einer Gewaltsituation.

Wie hängen häusliche Gewalt und Lebensumstände zusammen bzw. wie wirken sich die aus?
Furtenbach:
Diese Krise stellt alle Familien und Partnerschaften vor eine große Herausforderung. Es gibt Einschränkungen im Alltag, ungewohnte Tages­abläufe und zusätzliche Belastungen, dazu kommen große Unsicherheiten, Angst um den Arbeitsplatz, finanzielle Sorgen, und das sind bekannte Stressfaktoren. Stress kann ein möglicher Auslöser für Streit sein. Streit, Meinungsverschiedenheiten in Beziehungen sind ja nicht ungewöhnlich und nicht grundsätzlich gefährlich. Der nächste Schritt kann aber sein, dass dieser Streit, diese Aggressionen auch zu Gewaltausbrüchen führen.

Zur Person

Ulrike Furtenbach, geboren 1958 in Innsbruck, lebt in Feldkirch. Sozialarbeiterin, Ausbildung im Sozialmanagement und in der Täterarbeit.

Seit 1995 beim Institut für Sozialdienste, seit 2002 in der ifs-Gewaltschutzstelle, seit 2009 Leitung der Stelle.

ifs-Gewaltschutzstelle, Tel. 05-1755-535, gewaltschutzstelle@ifs.at

Hat es seit Beginn der Pandemie auch Gewalt in Familien gegeben, in denen das vorher kein Thema war?
Furtenbach:
Die Zunahme von Gewalt hat schon eher Partnerschaften betroffen, die dazu neigen, Konflikte auch mit Gewalt zu lösen. Man muss aber betonen, dass ganz viele Familien und Partner auch derart schwierige Situationen gut und ohne Gewalt meistern können.

Inwiefern spielen die derzeit fehlenden Kontakte nach außen in Hinblick auf Gewalt eine Rolle?
Furtenbach:
Die sozialen Kontakte nach außen spielen sicher eine wesentliche Rolle. Während des Lockdowns wurde dazu aufgerufen, zu Hause zu bleiben, sich nicht mit anderen Menschen zu treffen. Die Möglichkeit, sich mit nahestehenden Menschen zu treffen, bietet Entlastung, Ablenkung und die Gelegenheit, über Sorgen und Ängs­te zu reden. Gewalt in Familien und Partnerschaften passiert hinter verschlossenen Türen, und nicht immer ist das eigene Zuhause der sicherste Ort. Die pandemiebedingten Beschränkungen haben diese Türen noch fester verschlossen.

Was soll man tun, wenn man glaubt, dass jemand Gewalt ausgesetzt ist?
Furtenbach:
Gewaltschutz geht uns alle an. Diesbezüglich war und ist es besonders wichtig, alle Anzeichen von Gewalt wahrzunehmen und ernstzunehmen. Anzeichen für Gewalt können etwa Schreie und Hilferufe aus der Nachbarswohnung sein, offensichtliche Zeichen von Gewalt wie Hämatome oder auch ein auffälliger und unerklärbarer Rückzug von Nachbarn oder Angehörigen. Das kann ganz unterschiedliche Ursachen haben, es könnte jemand aber auch Gewalt erleben. Das sollte man nach Möglichkeit behutsam ansprechen und nachfragen, ob alles in Ordnung ist. Wenn man befürchtet, dass in der Nachbarwohnung eine Frau oder die Kinder geschlagen werden, ist es wichtig, die Situation zu unterbrechen und lieber einmal zu viel die Polizei zu rufen als einmal zu wenig.

"Lieber einmal zu viel die Polizei rufen als einmal zu wenig." <span class="copyright">Hartinger</span>
"Lieber einmal zu viel die Polizei rufen als einmal zu wenig." Hartinger

Weiß man, wie häufig Kinder von Gewalt betroffen sind?
Furtenbach:
Die Situation hat sich natürlich auch für Kinder verschärft, weil in vielen Fällen der Kontakt zu Schulen und Betreuungseinrichtungen abgebrochen ist. Nur noch wenige Personen außerhalb der Familie können unübliche Veränderungen bei Kindern feststellen, die vielleicht auch ein Anzeichen dafür sind, dass ein Kind Gewalt ausgesetzt ist.

In Hinblick auf die Gewaltprävention gab es immer wieder Kritik an der mangelnden Zusammenarbeit zwischen den Institutionen. Hat sich da etwas geändert bzw. verbessert?
Furtenbach:
Im Institut für Sozialdienste gibt es eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen. Gemeinsam handeln gegen Gewalt ist unsere Leitlinie in der Kooperation. Die Beratung und Unterstützung für Opfer von häuslicher Gewalt ist ein essenzieller Bestandteil im Beratungsangebot. Es braucht aber auch Beratungsangebote für jene Menschen, die Gewalt ausüben, und deshalb arbeiten wir auch sehr eng mit der ifs-Gewaltberatung zusammen. Gewalt hört nämlich erst dann auf, wenn Gewalttäter ihre Verhaltensweisen ändern.

Und wie ist es mit der Zusammenarbeit mit Polizei und anderen Institutionen außerhalb des ifs?
Furtenbach:
In Vorarlberg gibt es seit vielen Jahren eine sehr enge und gute Zusammenarbeit mit der Polizei. Diese Zusammenarbeit ist eine ganz wichtige Voraussetzung für gelingenden Opferschutz, weil keine einzelne Einrichtung Gewalt in Familien oder Partnerschaften lösen kann. Dafür brauchen wir ein gutes und tragfähiges Netzwerk, und das gibt es in Vorarlberg zwischen ifs-Gewaltschutzstelle, der Polizei, dem Gericht, der Kinder- und Jugendhilfe und auch dem Verein Neustart, Bewährungshilfe.

Ist seit über 25 Jahren beim Institut für Sozialdienste: Ulrike Furtenbach. <span class="copyright">Hartinger</span>
Ist seit über 25 Jahren beim Institut für Sozialdienste: Ulrike Furtenbach. Hartinger

Wie sieht das genaue Geschlechterverhältnis bei Gewalttaten aus?
Furtenbach:
Bei häuslicher Gewalt zwischen Paaren geht man österreichweit davon aus, dass etwa 90 Prozent der Opfer Frauen sind. Dieses Verhältnis zwischen den Geschlechtern wird auch durch die jährlichen Statistiken der Gewaltschutzzentren belegt. Der Anteil jener Männer, die Gewalt durch ihre Partnerinnen erleben, beträgt in etwa zehn Prozent. Beim Betretungsverbot wird von der Polizei vor Ort eingeschätzt, von wem die Gefahr ausgeht, unabhängig vom Geschlecht, und auch in diesem Zusammenhang sind Männer Opfer von Gewalt. Direkt bei der Gewaltschutzstelle melden sich wenige Männer. Für sie steht das Beratungsangebot der ifs-Gewaltschutzstelle ebenso zur Verfügung.

Nehmen Sie es an, oder ist die diesbezügliche Hemmschwelle bei Männern noch größer als bei Frauen?
Furtenbach:
Über Gewalt zu reden, ausgeübt vom Partner oder der Partnerin, ist meistens sehr schambesetzt, niemand redet gerne darüber. Bei Männern scheint die Hemmschwelle noch einmal höher zu sein. Ein Mann als Opfer passt nicht in das Bild von Männlichkeit. Das hat wahrscheinlich immer noch stark mit den tradierten Rollenbildern zu tun.

Gehen Sie davon aus, dass mit der Fortdauer der Einschränkungen aufgrund der Pandemie auch die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt weiter steigen wird?
Furtenbach:
Die Befürchtung gibt es, dass häusliche Gewalt zunehmen werden. Das schafft man schon, da kommt man schon durch, hat irgendwann Grenzen, und das, befürchten wir, gilt auch für häusliche Gewalt. Umso wichtiger ist es, sich schon bei den ersten Anzeichen von Gewalt Hilfe zu holen.

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