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Es reicht erst, wenn es wirklich reicht

27.02.2021 • 16:32 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Aber irgendwann müssen wir doch einsehen, dass wir unser Leben gelebt haben. Wie alt wollen wir denn noch werden? Was will ich denn mit 90 noch erreichen?“ Diese Frage war als philosophischer Diskussions-Anstoß von einem jungen Mann in eine Gesprächsrunde geworfen worden, die sich gerade intensiv mit Impfen, Lebenserwartung der Menschen und Medizin und deren Anwendung im Allgemeinen beschäftigte.
Im ersten Moment dachte ich mir auch „Stimmt. Irgendwann langt’s.“ Beim näheren Hindenken merkte ich aber, dass das ganz schön verkorkst war. Dieses „Irgendwann langt’s“ verschiebt sich nämlich kontinuierlich. Als Steinzeitfrau wäre ich schon tot, im Mittelalter zumindest eine Greisin mit kaputten Zähnen und schiefem Gestell, im 19. Jahrhundert wäre ich womöglich an den Masern, Pocken oder Röteln gestorben, und im 20. Jahrhundert wäre ich jetzt höchstwahrscheinlich Oma.
Weil es uns so gutgeht, haben wir das Privileg und die grandiose Chance, möglichst lange auf dieser Erde zu verweilen. Das ist doch toll. Vielleicht ist der nächs­te Planet besser, aber nachdem ich das nicht weiß, möchte ich das Leben auf diesem hier so gut wie möglich nutzen. Das heißt aber auch, wenn ich mit 90 noch das Bedürfnis habe, mich auf der Uni zu inskribieren, weil ich das Gefühl habe, noch mehr wissen zu wollen, oder ich es total genieße, jeden Tag am Alten Rhein meine Runden drehen zu können oder mich einfach von Abend zu Abend auf die nächste seichte Netflix-Serie freue und dabei Spaß habe, möchte ich nicht, dass irgendein Jungspund zu mir sagt „Jetzt langt’s denn abr oh mol!“.
Ich habe keine Ahnung, wie ich mich mit 90 fühlen werde, aber mit Sicherheit wäre ich sauer, wenn jemand anderer meint, ich hätte schon genug gelebt. Ich weiß noch, mit zwölf war ich überzeugt davon, das Greisenalter von 35 Jahren niemals zu erreichen. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, wie sich das anspüren wird. Deshalb hab ich mir eine besondere Zukunftsfantasie zurechtgelegt. James Dean war damals mein Held. Ich konnte jeden Film mitsprechen und war überzeugt davon, ich würde auch einmal solch eine grandiose Schauspielerin werden. Das Dilemma dabei, ich müsste einen tragischen und frühen Tod sterben. Egal, Hauptsache eine Ikone. Heute sitze ich hier, tippsle ganz unikonenhaft vor mich hin und kann mir nichts Besseres in meinem Leben vorstellen. Ich verändere mich und meine Vorstellung vom Leben, und wie ich es genießen will. Ich bin ehrlich gespannt auf später, bis ich entscheide, wann’s langt.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.