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Stärker von der Krise betroffen

28.02.2021 • 18:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Kinder und Jugendliche trifft die Corona-Krise hart.                <span class="copyright">Shutterstock</span>
Kinder und Jugendliche trifft die Corona-Krise hart. Shutterstock

Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch im Interview.

Ist der Kinder- und Jugendschutz im Land durch die Corona-Krise gefährdet?
Michael Rauch:
Er ist mit Sicherheit beeinträchtigt. Für den Kinderschutz brauchen wir nämlich nicht nur die Einrichtungen, die damit beauftragt sind, sondern vor allem auch Schulen, Kinderbetreuungseinrichtungen, Kindergärten. Sie nehmen als Systeme, in denen Kinder regelmäßig auftauchen, eine wichtige Funktion im Kinderschutz ein. Konkret melden sie etwa Kindeswohlgefährdungen, wozu sie auch verpflichtet sind. Wenn Kinder über Wochen oder gar Monate nur im häuslichen Umfeld sind, haben wir ein Problem mit dem Kinderschutz.

Wo sind die größten Defizite aufgetreten?
Rauch:
Es sind besonders durch die Lockdowns an den Schulen negative Folgen bei Kindern wahrzunehmen. Das ist auch durch Studien belegt. Und dadurch, dass Kinder aus belas­teten Familien in einigen Fällen nicht in Schulen oder Kinderbetreuungseinrichtungen aufgetaucht sind, haben wir insbesondere beim ersten Lockdown gemerkt, dass uns Kinderschutzinformationen fehlen. Daher war es wichtig, diese Einrichtungen nicht nur für systemrelevante Professionen zu öffnen, sondern zu appellieren, dass jeder die Kinder bringen kann, der es braucht, auch als Entlastung.

Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch.                          <span class="copyright">Hartinger</span>
Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch. Hartinger

Was hat sich für Kinder und Jugendliche im letzten Jahr verändert?
Rauch:
Bei einer Bilanz muss man die Phasen dieser Pandemie genauer in den Blick nehmen, auch in Hinblick darauf, dass die Situation ja schon ein Jahr dauert. In der ersten Phase war eine Art Schockstarre. Es waren ganz massive, rigide Maßnahmen und wir haben dann in weiterer Folge gemerkt, dass sich das ein bisschen nach hinten verlagert.

Was heißt das?
Rauch:
Das heißt, man hat zuerst mit den Maßnahmen besser umgehen können. Als im Herbst die zweite Welle gekommen ist, haben wir gemerkt, dass die Zahlen bei den Beratungsstellen massiv steigen. Wir haben lange Wartelisten bei psychotherapeutischen und bei Familienberatungsangeboten und mittlerweile auch lange Wartezeiten bei psychosozialen Unterstützungssystemen und der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

zur person

Michael Rauch geboren 1961, aufgewachsen mit fünf Geschwistern in Rankweil. Matura am BG Feldkirch, Studium Sozialarbeit in Bregenz und Personal- und Organisationsentwicklung an der Universität Innsbruck. Zwei erwachsene Kinder. Kinder- und Jugendanwalt seit 2002, davor Familienberatung im Vorarlberger Kinderdorf. Vorstandsmitglied der Offenen Jugendarbeit Rankweil und in der Mitgliedervertretung der Agrargemeinschaft Rankweil.

Wie weit wurde auch Ihre Arbeit eingeschränkt?
Rauch:
Wir haben natürlich die gleichen Einschränkungen wie andere Beratungsstellen auch. Für uns am schmerzhaftesten ist, dass uns der Zugang zu Schulen verwehrt ist. Die unterstützenden Bereiche, die noch in Schulen dürfen, sind durch das Bildungsministerium ganz stark limitiert worden. Wir haben gefordert, dass präventive Angebote, etwa die Mobbingprävention, aber auch die Kinder- und Jugendanwaltschaft in die Schulen gehen darf. Das hat das Bildungsministerium abgelehnt.

Warum?
Rauch:
Schutz. Es wird bei diesen Einschränkungen immer mit dem medizinischen Aspekt argumentiert. Der wird immer stärker gewichtet. Das ist auch ein Mangel in der ganzen Pandemiebekämpfung. Man setzt ganz stark auf den medizinischen Aspekt und vernachlässigt alles andere.

Das kritisieren Sie?
Rauch:
Ja, allerdings wurde von der Politik schon im letzten Jahr eingestanden, dass man Kinder und Jugendliche zu spät in den Blick genommen hat. Das hat sich aus meiner Sicht durch massive Lobbyarbeit auch geändert. Es gibt jetzt einen stärkeren Blick dafür, was Kinder brauchen. Jetzt werden in der Priorisierung viel häufiger Kinder bei den Öffnungsschritten genannt, beispielsweise letzte Woche vom Landeshauptmann. Das ist ein erheblicher Unterschied zum vergangenen Jahr. Zudem hat man auch begonnen, genauer zu schauen, was die Familien, die Kinder brauchen, um die negativen Folgen der Maßnahmen aufzufangen.

Öffnungen für Kinder und Jugendliche sind dringen notwendig, sagt Rauch. <span class="copyright">Hartinger</span>
Öffnungen für Kinder und Jugendliche sind dringen notwendig, sagt Rauch. Hartinger

Diese Woche hat die Vorarlberger Jugendarbeit eine Öffnung der Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche gefordert. Wie dringend ist die?
Rauch:
Das ist eines der dringendsten Ziele, die zu erreichen sind, eine Öffnung im Sportbereich, bei der Offenen Jugendarbeit. Ich war bei der Sitzung des Jugendbeirats letzte Woche dabei, bei der ein entsprechendes Forderungspapier ausgearbeitet wurde. Außerdem passiert es ja sowieso.

Inwiefern?
Rauch:
Wer am letzten Wochenende, als es wirklich warm war, durch die Gegend gegangen ist, hat gesehen, wie voll Spielplätze und Fußballplätze waren. Es ist nicht mehr erklärbar, warum man das nicht zulassen kann, zumal viele Kinder vor allem im Volksschulbereich getestet sind. Da kann auch niemand mehr erklären, warum diese Tests nicht ausreichen, um auch Freizeitangebote zu nutzen.

Trifft die Krise Kinder und Jugendliche stärker als andere Altersgruppen?
Rauch:
Sie trifft sie insofern stärker, weil sie an den Folgen am längsten zu leiden haben. Kinder und insbesondere Jugendliche haben Phasen in der Entwicklung, die sind nicht nachholbar. Es fehlt dann in der Entwicklung zum Erwachsenwerden ein Jahr. Ein Jahr, in dem sie monatelang von der Öffentlichkeit mehr oder weniger abgeschnitten sind und wo jene Sozialisationserfahrungen, die ein Jugendlicher elementar machen muss, gar nicht oder nur eingeschränkt möglich sind.

Welche sind das?
Rauch:
Mit anderen Jugendlichen zusammen sein, Kontakte zu knüpfen, zu experimentieren oder Beziehungen aufzubauen, das ist durch die Pandemie eingeschränkt und daher ein klares Ja: Kinder und Jugendliche sind durch die Maßnahmen überdurchschnittlich betroffen.

Die Krise ist eine Belastungsprobe für Familien.   <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Krise ist eine Belastungsprobe für Familien. Hartinger

Es ist auch immer wieder von einer „verlorenen Generation“ die Rede. Ist es eine solche?
Rauch:
Da würde ich vor Pauschalierungen warnen, weil es Jugendliche, das muss man auch betonen, unterschiedlich stark betrifft, in Abhängigkeit vom familiären Hintergrund. Von einer gesamten Generation als einer „verlorenen“ zu sprechen, wird den Jugendlichen auch nicht gerecht. Man muss differenzieren und die Debatte dahin lenken, was jetzt umgehend notwendig ist, um die negativen Folgen zu reduzieren. Viele Jugendliche können die Maßnahmen nachvollziehen und damit umgehen. Es gibt aber einen erheblichen Anteil, der liegt bei knapp einem Drittel, bei denen die Krise Folgewirkungen hat und es gibt einen erheblichen Anteil, der längerfristig durch Bildungsverlust und im mentalen Bereich an den Folgen leiden wird.

Was muss daher passieren?
Rauch:
Der erste Punkt sind wie gesagt die Schulen. Es muss das Ziel sein, die so lange wie möglich offen zu lassen. Da können wir auch in andere Länder schauen. In der Schweiz beispielsweise sind die Schulen immer offen gehalten worden, in Frankreich waren sie mehr oder weniger offen. Jugendliche und jungen Menschen möchten aber nicht nur als Schüler wahrgenommen werden. Der Freizeitbereich, Begegnungsmöglichkeiten, natürlich mit Schutzmaßnahmen, sind ebenso wichtig.

"Das Unterstützungssystem ist über er Belastungsgrenze."                     <span class="copyright">Hartinger</span>
"Das Unterstützungssystem ist über er Belastungsgrenze." Hartinger

Wie irreparabel sind die „Schäden“ bei Kindern und Jugendlichen, die entstanden sind?
Rauch:
Wir haben ein gutes Unterstützungssystem im psychosozialen Bereich. Gleichzeitig muss man betonen, dass es über der Belastungsgrenze ist und manche Dinge kurzfristig einfach nicht verfügbar sind. Man kann die Bettenanzahl in einer stationären Einrichtung der Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht innerhalb von wenigen Wochen oder Monaten erhöhen.

Was kann man also tun?
Rauch:
Es muss im ambulanten Bereich aufgestockt werden. Wir brauchen zusätzliche Plätze. Aber wir können gar nicht so viele Plätze schaffen, wenn wir nicht im präventiven Bereich in die Gänge kommen und deshalb ist es viel wichtiger, zu schauen, dass Schulen offenbleiben und Freizeitangebote wieder ermöglicht werden. So wie im letzten Sommer. Da gab es ein sehr umfangreiches Sommer- und Entlastungsprogramm nicht nur im schulischen Bereich. Und in Hinblick auf den Sommer müssen wir den Freizeit- und Jugendorganisationen eine Planung ermöglichen. Wir können nicht Ende Juni die Entscheidung treffen, jetzt könnt ihr ein Ferienlager machen.

“Das Budget 2021, wie es im letzten Jahr in Unkenntnis der Dauer der Pandemie und deren gravierender Folgen erstellt wurde, ist für mich Makulatur.”

Michael Rauch, Kinder- und Jugendanwalt

Sie sprechen von einer Aufstockung der Plätze im ambulanten Bereich. Nun wird nach dem großen Geldausgeben das große Sparen kommen bzw. ist teilweise schon im Gang. Wie realistisch sind da zusätzliche Gelder?
Rauch:
Sehr realistisch. Da bin ich 100-prozentig überzeugt. Wir hatten ja letztes Jahr beim Budget 2021 im Sozialbereich ein großes Ringen mit dreieinhalbprozentigen Einsparungen. Dieses Budget ist aus meiner Sicht bereits jetzt obsolet, weil wir diesen dringenden Bedarf nachgewiesenermaßen jetzt schon haben. Das ist bei der Landesregierung und auch im Landtag aber schon angekommen. Das Budget 2021, wie es im letzten Jahr in Unkenntnis der Dauer der Pandemie und deren gravierender Folgen erstellt wurde, ist für mich Makulatur.

Sie gehen also davon aus, dass die Gelder da sein werden?
Rauch:
Davon gehe ich mit Sicherheit aus. Es ist gar nicht anders möglich, weil er Bedarf so offensichtlich ist, dass eine Erhöhung unumgänglich sein wird. Da wird auch der gesamte Landtag unabhängig von der Fraktion zustimmen, wenn es notwendig ist, die Budgets zu erhöhen, um die negativen Folgen bei Kindern und Jugendlichen abzufedern.