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Öffnungspläne eher „symbolisch“ gemeint

02.03.2021 • 17:01 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Archiv/APA/HERBERT NEUBAUER</span>
Archiv/APA/HERBERT NEUBAUER

Für Gartlehner ist Westen mit Mutationen zeitversetzt zum Osten.

Einige der am Montagabend von der Bundesregierung in Aussicht gestellten Lockerungen der Covid-19-Eindämmungsmaßnahmen interpretiert der Epidemiologe, Gerald Gartlehner, als eher „symbolische Ankündigungen“. Innerhalb weniger Wochen könne sich einfach extrem viel bei den Fallzahlen verändern, so der Experte für Evidenzbasierte Medizin von der Donau-Universität Krems. Sehe man sich die aktuellen Zuwachszahlen an, seien keine seriösen Aussagen in Richtung Ostern möglich.

Die effektive Reproduktionszahl (R-Zahl) ist zuletzt in Österreich wieder über 1,1 geklettert. Das heißt, dass ein Infizierter im Schnitt wieder mehr als eine weitere Person ansteckt, was der gesteigerten Verbreitung vor allem der ansteckenderen britischen Variante (B.1.1.7) geschuldet sein dürfte. Betrachte man nur diesen Wert und gehe davon aus, dass dieser so bleibt, würden sich „die Infektionszahlen so in den nächsten drei Wochen verdoppeln“, sagte Gartlehner am Dienstag zur APA: „Ob dann mit noch höheren Zahlen als jetzt geöffnet wird, wage ich zu bezweifeln.“

Dass negativ getestete Kinder wieder Schulsport im Freien betreiben können sollen, sieht Gartlehner positiv. Unter den gegebenen Voraussetzungen mit den engmaschigen Schultests im ohnedies schon bestehenden Klassenverband sei das Ansteckungsrisiko hier gering.

Wenn Vorarlberg mit seinen derzeit „eindrucksvoll niedrigen Zahlen“ dann als eine Art Modellregion für Öffnungen fungieren wird, müsse man auch berücksichtigen, dass sich B.1.1.7 dort noch nicht so weit verbreitet hat wie im Osten des Landes. In den kommenden Wochen sei daher auch im westlichsten Bundesland mit Zuwächsen zu rechnen, betonte Gartlehner: „Es ist zum Osten einfach noch ein bisschen zeitversetzt.“ Vorarlberg werde dann angesichts der Öffnungen sehr aufpassen müssen, dass die Kontrolle nicht entgleitet.

Die umgekehrte Idee, etwa Bezirke mit sehr hohen Infektionszuwächsen beispielsweise nur noch mit negativem Testergebnis verlassen zu dürfen, erscheint dem Epidemiologen zumindest im Osten des Landes schwer umzusetzen. Die Geografie in alpinen Gebieten des Landes, lasse derartiges vielleicht noch eher zu, wenn man jedoch alleine an die Pendlerbewegungen zwischen Niederösterreich und Wien denke, sei das kaum vorstellbar.

Wirklich kümmern sollte sich die Politik möglichst bald darum, wie Menschen, die im vergangenen Jahr bereits eine Covid-19-Infektion durchgemacht oder bereits geimpft wurden, künftig behandelt werden. Hier handle es sich geschätzt schon um mehr als eine Millionen Österreicher, denen ein „eigener Status“ zuerkannt werden sollte, was etwa Quarantänevorschriften betrifft. Wenn jemand auch länger als sechs Monate nach der Infektion noch Antikörper in größerer Anzahl aufweise, gebe es wenige Argumente, so jemanden noch als Infektionsgefahr einzustufen. Auch wenn Antikörpertests nicht komplett verlässlich seien, bräuchte es schon einen falsch positiven PCR- und einen ebensolchen Antikörperbefund, um hier einen schwerwiegenden Fehler zu machen, betonte Gartlehner. Nicht zuletzt sollten angesichts rarer Impfressourcen auch Personen identifiziert werden, die nicht unbedingt in den ersten Phasen der Kampagnen immunisiert werden müssten.

APA