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„Dann ging alles Schlag auf Schlag“

04.03.2021 • 20:02 Uhr / 12 Minuten Lesezeit
Bürgermeister Bischofberger: „Man muss einfach das Beste aus der Situation machen.“ <span class="copyright">Hartinger</span>
Bürgermeister Bischofberger: „Man muss einfach das Beste aus der Situation machen.“ Hartinger

Mellauer Bürgermeister Tobias Bischofberger im Interview über Krise.

Herr Bürgermeister, kurz nachdem in Mellau der erste Corona-Fall Vorarl­bergs bekannt geworden war, sagten Sie in einem Interview: „Das Leben geht weiter, lassen wir uns nicht verrücktmachen. Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.“ Jetzt ist ein Jahr vergangen, wir haben drei Lockdowns erlebt und Mitmenschen an Corona verloren. Wie stehen Sie heute zu dieser Aussage? Haben wir uns verrücktmachen lassen?
Tobias Bischofberger:
Ich denke, wir müssen ständig aufpassen, dass wir uns nicht verrücktmachen lassen. In diesem Sinne stehe ich nach wie vor zu dieser Aussage. Corona ist auf vielen Ebenen ein Verstärker. Die Gesellschaft scheint sich in zwei Lager zu teilen, alles spitzt sich zu. Das stört mich. Für eine Pandemie gibt es kein Patentrezept. Insofern würde ich meine Aussage heute noch mehr unterstreichen als damals. Natürlich müssen wir bis zu einem gewissen Grad mit dem Virus leben, aber dazu haben wir im Moment noch nicht alle Instrumente.

Wie haben Sie damals davon erfahren, dass es in Ihrer Gemeinde den erste Corona-Fall in Vorarlberg gibt?
Bischofberger:
Es war ein Donnerstag, die Tage davor war ich krank. Da es mir noch nicht so gutging, war ich erst gegen 14 Uhr im Büro. Um 14.15 Uhr hat dann das Telefon geklingelt. Die Landeswarnzentrale teilte mir mit, dass wir in Mellau den ersten Corona-Fall in Vorarlberg haben und ich um 15.30 Uhr zur Lagebesprechung ins Landhaus kommen soll. Es blieb mir quasi noch eine Viertelstunde zum Nachdenken, bevor ich mich ins Auto setzte. Unsere Gemeindeärztin begleitete mich. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Da es sich bei dem Erkrankten um den Sohn einer Volksschullehrerin handelte, war mir wichtig, dass die Eltern der Schüler die Neuigkeiten nicht aus den Medien erfahren. Nach der Lagebesprechung hatten wir dafür noch fünf Minuten Zeit. ­Glücklicherweise haben wir eine App, mit der wir die Eltern der Schüler schnell informieren konnten.

zur person

Tobias Bischofberger (45, VP), gelernter Tourismuskaufmann, Bilanzbuchhalter und Controller, ist seit 2015 Bürgermeister der Bregenzerwald-Gemeinde Mellau. Bischofberger ist verheiratet und hat vier Kinder.

Die Schließung der Schule und weitere Ansteckungen standen im Raum. Haben Sie da gezittert?
Bischofberger:
Nein. Ich bin bei der Feuerwehr und dort für die Pressearbeit zuständig. Da bin ich schon geeicht. Da muss man dann einfach Entscheidungen treffen. Dazu kommt, dass die betroffene Familie sehr verantwortungsbewusst reagiert hat. Als die Mutter von der Ansteckung ihres Sohnes erfuhr, hat sie sich sofort krankschreiben lassen und ist nicht mehr in die Schule gegangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es hier zu weiteren Ansteckungen gekommen sein könnte, war relativ gering. Zudem hatte der Betroffene selbst im Dorf wenig Kontakt. Wenn es jemand gewesen wäre, der mitten im Dorfleben steht und in einem Verein tätig ist, wäre das sicher anders ausgegangen.

Wann konnten Sie dann Entwarnung geben?
Bischofberger:
Das negative Test­ergebnis der Mutter kam noch in der Nacht. Ich habe sie dann gleich informiert und am Morgen die Eltern der Schüler. Dass das Testergebnis so schnell da war, dafür bin ich heute noch dankbar. Ich habe im Sommer die Pathologie in Feldkirch besucht und den Mitarbeitern ein Geschenk vorbeigebracht.

Wann hat der Sohn von seiner Ansteckung erfahren? Er ist ja damals mit dem Zug von Wien nach Hause gefahren?
Bischofberger:
Eine Freundin, mit der er Kontakt hatte, informierte ihn darüber, dass sie positiv sei. Da war er schon in Vorarlberg. Er hat dann gleich die 1450 angerufen, die Gesundheitsbehörden veranlassten dann die nächsten Schritte. Das Wiener Magistrat aber behauptete zunächst, dass ihm der Corona-Kontakt schon in Wien mitgeteilt worden sei und er eigentlich gar nicht mehr nach Hause hätte ­fahren dürfen. Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich kenne den Buben, das würde er nie machen. Einen Tag später klärte sich die Sache auf. Er erhielt das SMS aus Wien erst, nachdem er bei uns schon die Behörden informiert hatte.

Bischofberger erfuhr vom ersten Corona-Fall in seinem Büro und dann "ging alles Schlag auf Schlag." <span class="copyright">Hartinger</span>
Bischofberger erfuhr vom ersten Corona-Fall in seinem Büro und dann "ging alles Schlag auf Schlag." Hartinger

Hand aufs Herz: Haben Sie sich damals nicht auch einmal gedacht: Warum ausgerechnet in meiner Gemeinde?
Bischofberger:
Nein. Das bringt nichts. Ich bin es als Bürgermeister gewöhnt, dass man von der einen Minute auf die andere mit besonderen Situationen konfrontiert wird. Da muss man dann einfach das Beste daraus machen.

Und wie war die Stimmung im Dorf?
Bischofberger:
Das war nicht so dramatisch. Wir haben alle sehr schnell und gut informiert. Wir verteilten sofort einen Postwurf, und ich selbst klapperte alle Tourismusbetriebe ab. Dass zwei Wochen später ganz Österreich in einen Lockdown gehen wird, konnten wir uns damals natürlich nicht vorstellen.

Ihnen selbst ging es nach diesen Ereignissen nicht so gut. Möchten Sie darüber sprechen?
Bischofberger:
Da ist vieles zusammengekommen. Zuerst war ich drei Tage krank, dann aufgrund des Krisenfalls unter Dauerfeuer, und darüber hinaus hatte ich damals noch 20 Kilo zu viel. Am Wochenende nach dem Bekanntwerden des Corona-Falls wurde ich mit Verdacht auf einen Hirnschlag ins Krankenhaus eingeliefert. Es war ein sogenannter Vorbote.

Wie hat sich der geäußert?
Bischofberger:
Ich wachte am Samstag auf und konnte nicht mehr gerade laufen. Ich dachte mir, ach, komm, das ist nach drei harten Tagen nicht so schlimm. Typisch Wälder eben. Meine Frau schätzte das glücklicherweise anders ein und meinte, dass ich die Ärztin anrufen soll. Als es am nächsten Morgen nicht besser war, habe ich ihr geschrieben, dass ich einen Rechtsdrall beim Gehen habe. Sie rief mich dann sofort in ihre Praxis. Eine Viertelstunde später lag ich im Rettungswagen. Im Spital sagte man mir zuerst, dass es wahrscheinlich nichts Ernstes sei. Zur Abklärung hat man mich dann noch in die Röhre geschoben. Danach hieß es, ich sei haarscharf an einem Hirnschlag vorbeigerauscht.

Für Bischofberger waren die Tage danach ebenfalls sehr erreignisreich: er wurde am Wochenende nach bekannt werden des Corona-Falls mit Verdacht auf Hirnschlag ins Krankenhaus eingeliefert. <span class="copyright">Hartinger</span>
Für Bischofberger waren die Tage danach ebenfalls sehr erreignisreich: er wurde am Wochenende nach bekannt werden des Corona-Falls mit Verdacht auf Hirnschlag ins Krankenhaus eingeliefert. Hartinger

Was ziehen Sie für Lehren daraus?
Bischofberger:
Der Herrgott hat mir noch einmal eine Chance gegeben – und die nütze ich. Ich habe 20 Kilo abgenommen und weiß jetzt, dass ich ab und zu mehr auf mich selbst schauen muss. Ich bin kein Egoist, deshalb tue ich mir da etwas schwer. Es hat sich auch gezeigt, wie gut es ist, wenn man transparent kommuniziert – sowohl mit den Verwaltungsmitarbeitern als auch im Gemeindevorstand. Als ich krank war, hat es keinen einzigen Anruf gebraucht.

Wie lange wollen Sie noch Bürgermeister bleiben?
Bischofberger:
Ob ich noch einmal zur Bürgermeisterwahl antrete oder in vier Jahren aufhöre, weiß ich jetzt noch nicht. Das lass ich auf mich zukommen. Es bringt nichts, langfristige Pläne zu machen, weil es meistens eh anders kommt. Wenn man mir vor vielen Jahren gesagt hätte, dass ich einmal vier Kinder mit einer Frau aus Wien haben werde und Bürgermeister von Mellau sein werde, hätte ich Haus und Hof verwettet. Aber eines ist klar: Ich möchte mich nicht von dem Job abhängig machen.

Was sagen Sie zu den Lockerungen, die es ab 15. März geben soll?
Bischofberger:
Grundsätzlich bin ich froh, dass es in diese Richtung geht. Als Bürgermeis­ter einer Tourismusgemeinde bin ich allerdings etwas skeptisch. Ich hoffe nicht, dass wir mit den jetzigen Öffnungsschritten die Möglichkeit verbauen, rechtzeitig in die Sommersaison starten zu können. Wenn die Grenzbalken zu sind, wird es schwierig für uns. Wir leben von den deutschen Gästen. Wir wollen ab Mai Vollgas geben.

Wie fühlt sich Mellau ohne Touristen an?
Bischofberger:
Ganz anders. Ein Beispiel: Am Faschingssamstag war ich mit meiner Familie auf der Skipiste. Ich habe zu meinen Kindern gesagt, dass sie sich diesen Tag merken sollen. Das ist normalerweise einer der stärks­ten Skitage, da geht man als Einheimischer eigentlich nicht auf die Piste. An diesem Tag war es aber so, dass es schon viel war, wenn ein zweiter Skifahrer auf derselben Abfahrt unterwegs war. Für Einheimische ist das natürlich toll, aber ich will so etwas nicht mehr erleben. Da hängen viele Existenzen dran.

Wie sehr hat die Krise den Tourismusbetrieben zugesetzt? Ein Großteil der Einnahmen wird ja im Winter lukriert.
Bischofberger:
Viele meinen ja, dass sich die Betriebe mit den Wirtschaftshilfen eine goldene Nase verdienen. Ich glaube aber, es ist zu wenig, um gut davon zu leben, und zu viel zum Sterben. Ich bin froh, dass wir in unserer Gemeinde Betriebe haben, die eine gewisse Substanz haben und im Sommer wieder durchstarten. Ein großes Thema neben der wirtschaftlichen Situation sind die Mitarbeiter. Da haben sich mitunter schon einige eine andere Arbeit gesucht. Da bin ich noch gespannt, wie sich das entwickelt.

In Mellau trat der erste Corona-Fall Vorarlbergs auf. <span class="copyright">Hartinger</span>
In Mellau trat der erste Corona-Fall Vorarlbergs auf. Hartinger

Auch die Gemeinden haben massive Einnahmeausfälle. Können Sie diese für Mellau beziffern?
Bischofberger:
400.000 bis 500.000 Euro fehlen uns sicher. Gott sei Dank haben wir es in der Vergangenheit geschafft, Rücklagen zu bilden. Das hilft uns im Moment. Wir haben uns auch dazu entschieden, weiter zu investieren, dadurch können wir auch unseren Anteil der Gemeindemilliarde abrufen. Letztlich sind wir aber darauf angewiesen, dass der Tourismus wieder anläuft.

Sie hatten zwar den ersten Corona-Fall in Vorarlberg, aber bislang noch keinen Todesfall in der Gemeinde.
Bischofberger:
Sie ist mühsamer geworden. Man kann zwar durch Online-Konferenzen einiges abdecken, aber das größte Werkzeug, das wir Bürgermeister zur Verfügung haben, fehlt. Ich meine damit das persönliche Gespräch. Sei es bei schwierigeren größeren Themen oder aber auch bei kleineren Sachen, die man am Sonntag auf dem Kirchplatz besprechen könnte. Ich hoffe, dass das kein Dauerzustand wird.

Wie sehr hat Corona Ihre Arbeit als Bürgermeister verändert?
Bischofberger:
Wir hatten Glück. Auch unser Pflegeheim ist bisher verschont geblieben. Nichtsdestotrotz kenne ich Leute in meinem Bekanntenkreis, die Todesfälle zu beklagen haben.

Wenn Sie auf das Vorjahr zurückblicken: Gibt es auch Dinge, die sie positiv bewerten würden?
Bischofberger:
Ich habe einen sehr starken Familienzusammenhalt erlebt. Wir spielen mehr und gehen noch öfter in die Natur, als wir das ohnehin schon getan haben. Ich habe dabei viel Kraft tanken können. Auch die Gemeinschaft im Dorf funktionierte. Die kleinen Strukturen vor Ort haben sich in der Pandemie bestens bewährt. Die müssen wir weiter stärken.