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„Mein Gesicht wird mit Pandemie verbunden“

06.03.2021 • 21:05 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Martina Rüscher wurde im November 2019 als Gesundheitslandesrätin angelobt. <span class="copyright">Hartinger</span>
Martina Rüscher wurde im November 2019 als Gesundheitslandesrätin angelobt. Hartinger

Martina Rüscher über Virus, Fehler und Anfeindungen.

Am 5. März 2020 wurde in Vorarlberg der erste Corona-Fall bekannt. Können Sie sich noch erinnern, als Ihnen das erste Mal die Tragweite dieses Virus bewusst wurde?
Martina Rüscher:
Das ist mir noch sehr gut in Erinnerung. Im Grunde begann es im Jänner, als die ersten positiven Fälle publik wurden. Mit Armin Fidler haben wir einen Experten im Land, und er hat sich bereiterklärt, die Situation für Vorarlberg einzuschätzen. Er hat alle Schreckensszenarien aufgezählt, was auf uns zukommen könnte. Auch wenn wir es nur schwer glauben konnten, haben wir begonnen, Vorbereitungen zu treffen und unter anderem Schutzmaterial wie Masken bestellt. Das hat sich sehr bewährt, und ich verdanke es immer noch Armin Fidler, dass er so früh auf die möglichen Szenarien aufmerksam gemacht hat.

Sie waren gerade einmal vier Monate im Amt, als die Pandemie ausbrach. Gab es Momente, in denen Sie das Gefühl hatten, die Felle schwimmen Ihnen davon?
Rüscher:
Eigentlich weniger, aber das war dem geschuldet, dass die Situation für alle neu war. Es war für alle gleich. Und der Zusammenhalt über alle Institutionen hinweg war enorm. Die letzliche Entscheidung liegt natürlich bei mir, aber ich hatte nie das Gefühl, den Weg zur Entscheidung alleine gehen zu müssen. Wir haben als Team Überlegungen angestellt und Konsequenzen abgewogen.

Welche Entscheidungen würden Sie rückblickend heute anders treffen?
Rüscher:
Am Ende des Frühjahres gab es eine gewisse Euphorie, die Zahlen gingen zurück, und der Sommer stand vor der Tür. Wir waren der Meinung, die Lage entspannt sich, und wir können wieder öffnen. Wir haben dann zu stark geöffnet. Eigentlich wurde der Großteil der Sicherheitsvorkehrungen wie die Maskenpflicht über Bord geworfen. Wir waren zu sorglos und hätten mit mehr Beschränkungen in diesen Sommer gehen müssen. Das hätte das Explodieren der Zahlen reduzieren können.

Rüscher ist für die frühe Einschätzung vom Armin Fidler dankbar, da aufgrund seiner Einschätzung Vorkehrungen getroffen wurden. <span class="copyright">Hartinger</span>
Rüscher ist für die frühe Einschätzung vom Armin Fidler dankbar, da aufgrund seiner Einschätzung Vorkehrungen getroffen wurden. Hartinger

Was noch?
Rüscher:
Die Übersiedelung des Contact-Tracings auf das Messegelände ist zu spät erfolgt. Dort können 200 Menschen gleichzeitig arbeiten, was an den drei Standorten zuvor nicht möglich war. Wenn wir die Übersiedelung nur drei Wochen früher geschafft hätten, wäre die Phase im Herbst, in welcher wir die KP2 (Anm. zweite Kontaktpersonen) nicht mehr kontaktieren konnten, nicht passiert. Außerdem hätten wir im Herbst noch strenger sein und die Strukturen früher aufgleisen müssen. Es hätte zum Beispiel mehr Reisebegrenzungen geben müssen, denn 60 bis 70 Prozent der Neuinfektionen waren auf Reiserückkehrer zurückzuführen.

Jetzt wird aber ab 15. März wieder geöffnet. Hat die Landesregierung aus der Vergangenheit nicht gelernt?
Rüscher:
Diesen Fehler, zu locker zu sein, machen wir sicherlich nicht nochmals. Für die kommende Öffnungen werden extrem strenge Präventions- und Hygienekonzepte vorausgesetzt. Außerdem können wir auf eine ganz andere Testlogistik zurückgreifen, und es wird die Verpflichtung geben, sich testen zu lassen, wenn man die Leistungen in Anspruch nehmen möchte. Zusätzlich wird das Contact-Tracing nochmals verschärft, und wir testen alle Kontaktpersonen mittels PCR-Test, um mögliche Mutationen früh herauszufiltern. Die fortschreitende Impfung hilft zudem auch. Gleichzeitig müssen wir mutig einen Schritt vorangehen und lernen, mit diesem Virus auch zu leben.

Als Landesrätin kennt mittlerweile ganz Vorarlberg Ihr Gesicht. Wie hat das Ihr Leben verändert?
Rüscher:
Meine Arbeitstage sind lang, die Nächte kurz. Da gibt es Zeiten, da ist es wichtig, ein bisschen Normalität mit der Familie zu schaffen oder einfach mal einkaufen zu gehen. Vor der Corona-Krise konnte ich ganz normal einkaufen gehen, mittlerweile dauert ein Einkauf gleich mehrere Stunden. Viele Menschen sprechen mich an und geben mir Feedback zu meiner Arbeit. Meist Kritisches, aber es sind auch positive Aussagen dabei. Mein Gesicht wird immer mit der Pandemie verbunden. Und dann gibt es Phasen, da meide ich bewusst öffentliche Plätze, weil ich eine Auszeit brauche, um zur Ruhe zu kommen und Situationen strategisch durchzudenken, für die im hektischen Alltag keine Zeit war. Es gilt, einen Mittelweg zu finden, und das hat sich für mich persönlich am meisten verändert.

Personen des öffentlichen Lebens sind oft Anfeindungen ausgesetzt. Wie erleben Sie das?
Rüscher:
Wer sich entscheidet, Politikerin und auch Landesrätin zu werden, ist sich der Situation bewusst. Es ist auch klar, dass man nicht nur Freunde hat. Es gibt Menschen, die können mit Anfeindungen besser umgehen als andere. Ich habe den Vorteil, dass ich viele Jahre andere in diesen Belangen beraten habe. Es ist nicht immer leicht, aber es gilt zu unterscheiden, dass die Menschen nicht mich als Person, sondern meine Rolle als Landesrätin angreifen. Dadurch kann ich eine gewisse Schutzwand aufbauen.

Seit der Pandemie dauert ein Einkauf für Gesundheitslandesrätin Rüscher mehrere Stunden. <span class="copyright">Hartinger</span>
Seit der Pandemie dauert ein Einkauf für Gesundheitslandesrätin Rüscher mehrere Stunden. Hartinger

Persönlich wird es jedoch in der Diskussion um Ihre positive Mimik, selbst wenn Sie negative Nachrichten überbringen.
Rüscher:
Es ist mir durchaus bewusst, dass ich so wirke. Es tut mir leid, wenn ich den Eindruck erwecke, ich würde Themen und Situationen nicht ernst nehmen, oder mir fehle das Bewusstsein dafür. Das ist nicht der Fall, und ich versuche bewusst, strenger zu schauen, wenn ich negative Nachrichten verkünden muss. Aber ich bin ein extrem optimistischer Mensch, und wäre ich das nicht, würde ich in dieser Situation untergehen. Es hat mir mehr geholfen als geschadet. Ich kann mich nicht gänzlich verstellen, und ich bin zutiefst überzeugt, dass wir die Krise meistern werden. Gleichzeitig bekomme ich auch das Feedback, dass mein positiver Umgang Menschen Mut macht.

Ihre positive Mimik gab Anstoß zur Kritik.
Ihre positive Mimik gab Anstoß zur Kritik.

Wann ist in Bezug auf Kritik für Sie eine Grenze überschritten?
Rüscher:
Wenn mein Team angegriffen wird. Das sind Menschen, die kein politisches Amt haben, sondern einfach ihrem Job nachgehen. Oder wenn meine Familie involviert wird. Da werde ich zur Löwin. Es darf nicht sein, dass meine Kinder weinend nach Hause kommen. Das geht definitiv zu weit. Ich habe aber viel Verständnis für Menschen, die anderer Meinung sind, und setze mich mit der Kritik auch auseinander. Es ist wichtig, zu hören, warum die Menschen ihre Position einnehmen. Nicht jeder, der eine kritische Meinung hat, ist ein Corona-Leugner. Es geht viel um Unsicherheit und Zukunftsängste. Ich schätze den Austausch. Es ist Aufgabe der Politik, aufbauend auf guten Entscheidungsgrundlagen, die Entscheidungen zu treffen, zu kommunizieren, zu erklären und dafür einzutreten. Man darf kein Fähnchen im Wind sein, sondern muss seiner Linie treu bleiben.

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