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Von Generation zu Generation weitervererbt

06.03.2021 • 18:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Komet Pubertät ist mit voller Wucht im Haus Salmhofer eingeschlagen, und ich finde mich erstmals in Situationen wieder, die mir nur allzu vertraut sind. Mutter-Tochter-Gespräche zum Beispiel.
Es fühlt sich an, als ob es keine fünf Minuten her ist, dass meine Mutter ernsthafte Unterhaltungen mit mir geführt hat, mit dem zum Scheitern verurteilten Versuch, an meine Vernunft zu appellieren. Die Worte „Weißt du Heidi, auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst, ich war auch einmal so alt wie du. Ich weiß wovon ich spreche. Es wäre doch klug, wenn du aus meiner Erfahrung lernst und es von vornherein besser machst.“
Vernünftige Worte einer Erwachsenen, die ihre junge Tochter als ebenbürtig annimmt. Die Reaktion an jenem Ort in meinem Gehirn, an dem sich in ferner Zukunft einmal Weisheit einnisten würde, entsprachen aber in keiner Weise dem, was sich meine Mutter gewünscht hätte. Anno dazumal saß dort nämlich, verkleidet als Allwissenheit – schlicht und einfach – Blödheit. So nickte ich vermeintlich weise, aber innerlich brodelte es. Unfassbar, niemand auf der Welt hat eine Ahnung, wie es mir gerade geht, welchen Weltschmerz ich zu ertragen habe. Mich auf meine schulischen Leistungen zu konzentrieren war etwas, das man nicht von mir verlangen konnte. Ich würde niemals dieses grauenhafte Alter von 30 Jahren erreichen. Wozu also mich auf schnöde Dinge wie Universitäten vorbereiten.
So liest sich auch mein Tagebuch wie ein einziger Leidensweg. Der Junge, in den ich verliebt war, ignorierte mich und meine Liebes-Zettelchen, meine Eltern verlangten Unmenschliches wie Küche aufräumen und schon wieder wuchs ein Pickel auf meiner Stirn. Stundenlang saß ich vor einem Atlas, um zu erkunden, wie ich nach Neuseeland abhauen könnte. Dort wäre dann nämlich alles anders, und außerdem würden dann endlich alle merken, wie unentbehrlich ich eigentlich bin.
Pfft! Heute hatte die erwachsene Heidi ein Gespräch mit ihren Mädels. Die schulischen Leistungen sacken ab, dafür nehmen Shopping, Quatschen über Jungs und Augenrollen, wenn ich etwas sage, zu. Wir haben uns an den Tisch gesetzt um zu plaudern und – zack – hörte ich mich sagen: „Auch wenn ihr es nicht glaubt, ich war auch einmal so alt wie ihr und furchtbar in der Schule. Das hat mir damals große Schwierigkeiten gemacht. Ich glaube aber, dass ihr zwei viel schlauer seid als ich und von dem Blödsinn, den ich gemacht habe, lernen könnt.“ Sie haben weise und verständnisvoll genickt und ich wusste, das wird noch ein langer, schwieriger Weg.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.