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Zahl der Spielsüchtigen steigt

07.03.2021 • 12:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Spielsucht ist eher männerlastig, die Dunkelziffer bei Frauen könnte aber dennoch nicht unerheblich sein, sagt der Experte.   <span class="copyright">Symbolbild/dpa</span>
Spielsucht ist eher männerlastig, die Dunkelziffer bei Frauen könnte aber dennoch nicht unerheblich sein, sagt der Experte. Symbolbild/dpa

Die Nachfrage nach Behandlung steigt, sagt Primar Kloimstein.

Casinos und Spielhallen sind seit Beginn der Pandemie zwar häufig geschlossen, die Spielsucht ist dadurch aber nicht weniger geworden. „Das hat sich in den Onlinebereich verlagert“, sagt dazu Philipp Kloimstein. Er ist ärztlicher Leiter der Stiftung Maria Ebene, zu der das gleichnamige Krankenhaus in Frastanz gehört, in dem auch Spielsüchtige ambulant und stationär behandelt werden.
Man müsse zwischen Glücksspiel und Gaming unterscheiden, so der Primar, wobei insgesamt eine Zunahme zu verzeichnen sei. Als Grund dafür führt er in Hinblick auf die Pandemie an, dass die Menschen seit einem Jahr vermehrt zu Hause seien, oft wenig bis nichts zu tun hätten und daher häufiger vor dem Bildschirm sitzen würden.

Ausbau wird überlegt

Derzeit überlege man, den stationären Bereich für Spielsüchtige auszubauen, erklärt er, „weil wir sehen, dass die Nachfrage steigt“. Ein Ausbau gehe aber auf Kosten anderer Plätze, gibt er zu bedenken. Rund 50 spielsüchtige Menschen würden jährlich behandelt, informiert Kloimstein. Stationär seien es etwa sieben Personen in den achtwöchigen Zyklen, die zwei Mal jährlich stattfinden.
Spielsucht sei grundsätzlich in allen gesellschaftlichen Schichten vorhanden, so Kloimsteins Erfahrung, vom Bankbeamten bis zum Arbeiter. Tendenziell gebe es allerdings mehr Männer, die davon betroffen seien, wobei er sich nicht sicher ist, ob es da nicht auch eine große Dunkelziffer an Frauen gibt. In vielen Fällen seien neben der Spielsucht noch andere Süchte vorhanden, „eine Sucht kommt selten allein“. So kämen auch häufig der Missbrauch von Alkohol, Cannabis oder anderen Substanzen dazu. Das Bild vom kiffenden Gamer kenne man, sagt der Primar, besonders fatal sei das bei Jugendlichen. „Die verspielen sich damit in vielen Fällen ihre Zukunft“, warnt er.

Philipp Kloimstein: Ärztlicher Leiter der Stiftung Maria Ebene.                               <span class="copyright">Hartinger</span>
Philipp Kloimstein: Ärztlicher Leiter der Stiftung Maria Ebene. Hartinger

Während bei Gamern vielfach jüngere Menschen betroffen seien, seien es beim klassischen Glückspiel eher ältere, weil es da auch gewisse finanzielle Voraussetzungen brauche. Und gerade da seien die finanziellen Folgen aber manchmal extrem. So wurde im vergangenen Jahr ein Patient behandelt, der zwei Millionen Euro Spielschulden hatte, erzählt Kloimstein. Dabei habe es sich um einen einfachen Angestellten gehandelt.
Spielsucht wirkt sich aber nicht nur psychisch, sondern auch körperlich aus. Nervosität, hoher Blutdruck, Zittern, zählt der Experte als Symptome auf. Diese seien so, wie man sie auch von Substanzen kenne, erläutert er. Am Anfang einer Spielsucht stehe der Kick, wobei das die Industrie auch sehr clever machen würde. So brauche etwa ein einarmiger Bandit keinen Hebel, so Kloimstein. Der gebe allerdings dem Spielenden das Gefühl, eine Kontrollmöglichkeit zu haben.
Bei Onlinespielen sei es manchmal auch so, dass bemerkt werde, dass es für den Spieler nicht so läuft, dann werde das Spiel wieder leichter, und damit einhergehend gebe es Erfolgserlebnisse, die zum Weiterspielen animieren.

Ausklinken aus der Realität

Prinzipiell sei Spielen aber nichts Schlechtes, sagt der Primar. Spiele gebe es seit Jahrhunderten, und gerade in Zeiten von Nöten dienten sie auch der Ablenkung. Gerade in schwierigen Zeiten wie der aktuellen seien Spiele eine Möglichkeit, sich eine Zeitlang aus der Realität auszuklinken. Problematisch werde es laut Kloimstein dann, wenn dafür andere Dinge vernachlässigt werden, wenn jemand kaum bis gar nicht zu einer Pause zu bewegen ist oder auch schon körperliche Symptome auftreten.
Der Casinobesuch mit Freunden einmal im Jahr ist nicht das Problem, weiß der Experte, wenn er aber ständig als Flucht vor Problemen dient, dann schon. Neben anderem hätten Spiele auch an sich, dass man relativ schnell einen Kick bekommt, für den man sich bei anderen Beschäftigungen vielleicht mehr anstrengen muss, liefert der Primar eine weitere Erklärung. Darin liege auch eine Gefahr. Der Spieltrieb als solcher sei auch nicht bedenklich, sondern wichtig, sagt Kloimstein. Besser sei es aber etwa, Poker um Erdnüsse zu spielen als um Geld. Damit sei die Gefahr für eine Sucht schon deutlich geringer.

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