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Hoffnung trotz Katastrophe

12.03.2021 • 18:40 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Sant'Egidio-Generalsekräter Cesare Zucconi. <span class="copyright">Katholische Kirche</span>
Sant'Egidio-Generalsekräter Cesare Zucconi. Katholische Kirche

Cesare Zucconi über die Pandemie und die katholische Kirche.

Zu vielfältigen globalen Herausforderungen ist die Corona-Krise hinzugekommen. Wie geht die katholische Kirche Ihrem Empfinden nach damit um?
Cesare Zucconi:
Die Verwirrung war groß, auch bei den Kirchen. Viele haben sich beeilt, alles zu schließen, statt Lösungen zu finden, die religiöses Leben in Sicherheit ermöglicht hätte. Tatsächlich sind Kirchen nicht nur Orte mit Menschenansammlungen, die ein Risiko darstellen, sondern auch ein Ort des Geistes: eine Ressource in schwierigen Zeiten, die Hoffnung weckt, uns tröstet und uns daran erinnert, dass wir uns nicht alleine retten können.
Papst Franziskus war eine maßgebliche und weise Stimme, die den Menschen Orientierung gab. Wir erinnern uns an seine Rede auf dem verlassenen Petersplatz. Ein dramatischer Moment, in dem seine Worte halfen, sich zu orientieren, zu verstehen, zu reagieren. Neben dem Opfer vieler Ärzte und Krankenschwestern möchte ich an die Priester erinnern, die an Covid gestorben sind, weil sie dem Volk nahe blieben. In Italien sind das fast 200.

<span class="copyright"> Katholische Kirche</span>Webgottesdienste sind eine Notlösung und können nicht zur Norm werden, meint Zucconi.
Katholische KircheWebgottesdienste sind eine Notlösung und können nicht zur Norm werden, meint Zucconi.

Was sollte die Kirche Ihrer Meinung nach tun oder lassen, gibt es Verbesserungspotenzial?
Zucconi:
In der zitierten Ansprache sagte der Papst etwas, das mich sehr beeindruckt hat: „Wir sind mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen lassen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden.“
All dies stellt jeden in unserer reichen Welt und insbesondere unsere christlichen Gemeinschaften infrage. Nach den Monaten der Einsamkeit müssen wir den Dialog mit den Menschen wieder aufnehmen. Im Grunde ist dies die – vernachlässigte – Botschaft von „Evangelii gaudium“: hinausgehen, den Menschen begegnen, im Licht des Evangeliums Dialog führen.

Obdachlose hatten Hunger, weil die Hilfezentren geschlossen waren.<span class="copyright">Katholische Kirche</span>
Obdachlose hatten Hunger, weil die Hilfezentren geschlossen waren.Katholische Kirche

Angesichts von Corona-Partys oder dem erzwungenen Rückzug ins eigene Heim steht die solidarische Gemeinschaft auf dem Prüfstand. Ist das Konzept der Nächstenliebe gefährdet?
Zucconi:
Dieses Risiko besteht sicherlich. Unsere Erfahrung war jedoch eine andere. Es wurde gesagt, man soll zu Hause bleiben. Aber was sollte jemand tun, der keine Wohnung hat? Obdachlose hatten Hunger, weil Hilfszentren geschlossen waren. Allein in Rom hat sich die Armut in wenigen Monaten verdreifacht.
Mitten in der Tragödie zeigte sich aber etwas Überraschendes. Viele, insbesondere junge Erwachsene, haben sich an uns gewandt, um zu helfen. Ich glaube, sie haben verstanden, dass wir nur gemeinsam aus der Krise herauskommen können. Die Krise der Pandemie hat viele dazu gebracht, den Wert der Solidarität wiederzuentdecken. Es ist oft die Generation, die normalerweise nicht zur Kirche geht. Dies sind Nachrichten, die Hoffnung für die Zukunft geben, uns jedoch auffordern, uns von diesen Anfragen herausfordern zu lassen.

Zur Person

Cesare Zucconi ist Politologe und Historiker, Forschungsschwerpunkte sind Neuere Kirchengeschichte und Neuere Geschichte Europas. Seit 2008 ist er Generalsekretär der Gemeinschaft Sant’Egidio. Bei seinem letzten Besuch in Vorarlberg 2018 hat er einen Hauptvortrag beim Diözesanforum anlässlich des 50. Jubiläums der Diözese Feldkirch gehalten.

Gläubige Katholiken gibt es rund um den Erdball. Was kann in dieser Situation die Gemeinschaft der Gläubigen bewirken?
Zucconi:
Ich glaube, dass viel getan werden kann und sollte. Paul VI. sagte in seiner Rede vor den Vereinten Nationen 1965: „Nie wieder Krieg!“ Er fügte hinzu, dass die Kirche eine „Expertin in Sachen Menschlichkeit“ sei. ­Dies ist die lokale und globale Ressource der Kirche, umso mehr in dieser schwierigen Zeit. Wir müssen uns fragen: Wie können wir mehr die Stimme der Armen und der Leidenden sein? Wie kann man der „Wegwerfkultur“, die so viele ausgrenzt, mehr entgegensetzen? Wie kann man die Gewöhnung an den Krieg bekämpfen? Wie kann man zum Schutz der Schöpfung beitragen? Wie kann man die Geschwisterlichkeit fördern, die aus dem Bewusstsein entspringt, eine einzige Menschheitsfamilie zu sein?
Dieses Bewusstsein muss das Leben von Völkern, Gemeinschaften und Regierenden im internationalen Kontext durchdringen. Dadurch kann die Einsicht wachsen, dass wir uns nur gemeinsam retten, indem wir uns begegnen, die Sprache der Politik und der Propaganda mäßigen und konkrete Wege für den Frieden entwickeln.
All dies ist kein unmöglicher Traum, und die Kirche kann dazu weltweit einen großen Beitrag leisten.

<span class="copyright">Katholische Kirche</span>Allein in Rom hat sich die Armut in wenigen Monaten verdreifacht.
Katholische KircheAllein in Rom hat sich die Armut in wenigen Monaten verdreifacht.

Wird die Gemeinschaft durch Corona kleiner, oder finden vielmehr viele gerade jetzt zu ihrem Glauben (zurück)?
Zucconi:
Sicherlich besteht das Risiko, dass Covid die Gemeinschaften weiter verkleinert. Diejenigen, die während der Pandemie nicht zur Messe gegangen sind, werden möglicherweise nicht zurückkehren. Web-Gottesdienste sind eine Notlösung und können nicht zur Norm werden. Nicht nur, weil dort die Möglichkeit fehlt, die Kommunion zu empfangen. Der Glaube braucht Gemeinschaft. In diesem Sinne können wir, wie die Märtyrer von Abitene sagten, nicht ohne Sonntag leben. Die Sonntagsliturgie versammelt die Gläubigen, und das „Wir“ der Kirche erneuert sich beim Herrn. Das Risiko besteht darin, dass die Pandemie den schon fortgeschrittenen Prozess der Individualisierung des Glaubens in bereits stark individualistischen Gesellschaften verstärkt.

Die Gemeinschaft Sant’Egidio

Sant’Egidio ist eine 1968 nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstandene christliche Gemeinschaft. Ein Netzwerk in über 70 Ländern ist entstanden. Zur Gemeinschaft gehören Männer und Frauen jeden Alters und aller Schichten, vereint im Hören auf das Evangelium und im ehrenamtlichen Einsatz für die Armen und für den Frieden. Ihn zu bewahren, wo er bedroht ist, ihn wieder aufzubauen und den Dialog zu fördern, wo er nicht mehr möglich zu sein scheint, diese Friedensarbeit wird als „­Verantwortung aller Christen“ gelebt.

Gleichzeitig wird die Schere zwischen Arm und Reich größer. Bereitet Ihnen das Sorge?
Zucconi:
Wir sind sehr besorgt. Viele Menschen, die in Würde gelebt haben, gerieten ins Elend. Der Tod so vieler älterer und zerbrechlicher Menschen ist eine Tragödie. Das muss uns zutiefst infrage stellen und Gesellschaft und Politik antreiben, dem zerbrechlichen Leben mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Und dann ist da noch der Notfall Schule. Viele Kinder verlassen die Schule oder fallen durch, nicht nur in Italien. Es zeichnet sich eine „Covid-Generation“ ab, die vor allem aus schon benachteiligten Kindern und zerbrechlichen Familien besteht.
Außerdem sehen wir zum Beispiel ein exponentielles Wachstum der Armut in Afrika. Sant’Egidio hat Gemeinschaften in 35 afrikanischen Ländern, Armut und Arbeitslosigkeit haben dort stark zugenommen. Eine Welt von Menschen, die von informellen Jobs lebten, die plötzlich verschwunden sind. Das Virus ist in Afrika noch nicht so verbreitet, aber die Mutationen sind besorgniserregend, und der Impfstoff ist nicht da. Dabei darf es keinen nationalen Ansatz für Impfungen geben. Nicht nur wegen eines ethischen Imperativs, sondern auch weil die berühmte „Herdenimmunität“ die ganze Welt betreffen muss. Sonst werden auch wir nicht sicher sein.

Sant‘Egidio hat Gemeinschaften in 35 afrikanischen Ländern. <span class="copyright">Katholische Kirche</span>
Sant‘Egidio hat Gemeinschaften in 35 afrikanischen Ländern. Katholische Kirche

Was macht Ihnen Hoffnung für die Zukunft?
Zucconi:
Papst Franziskus sagte, dass schlimmer als diese Krise nur die Tragödie sei, sie nicht zu nutzen und uns zu verschließen. Ich glaube, dass sich ein neuer Anfang für das Christentum auftut. Franziskus schreibt: „Jünger sein bedeutet, ständig bereit zu sein, den anderen die Liebe Jesu zu bringen, und das geschieht spontan an jedem beliebigen Ort, am Weg, auf dem Platz, bei der Arbeit, auf einer Straße.“
Wir müssen einen Weg finden, aus der Selbstbezogenheit herauszukommen, die die Kirche krankmacht, und die Zeichen der Zeit zu lesen: In den Wunden und Fragen, die die Pandemie hinterlässt, gibt es viele Bitten um Liebe, neues Leben und Hoffnung. Ich bin zuversichtlich, dass wir es gemeinsam verstehen werden, sie aufzugreifen, um uns und die Welt, in der wir leben, zu erneuern.