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Ist Gastro-Öffnung in Vorarlberg sinnvoll?

13.03.2021 • 20:02 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Gastro darf aufmachen, allerdings unter strengen Auflagen. <span class="copyright">APA</span>
Die Gastro darf aufmachen, allerdings unter strengen Auflagen. APA

Pro und Kontra – Aktuelle Frage aus zwei Blickwinkeln beantwortet.

Pro: Roland Frühstück, Klubobmann der ÖVP im Vorarlberger Landtag

Die Öffnung ist eine Einladung und ein Angebot, aber keine Pflicht. Die Gastronomen haben nun endlich mehr Planungssicherheit und einen Startvorteil gegenüber anderen Regionen.

Die Öffnung der Gastronomie ist ein starkes Signal der Hoffnung, und ich würde mir wünschen, es wäre positiver konnotiert. Unsere Gastronomie wird daraus einen Startvorteil ziehen. Wenn in Zukunft bundesweit die Maßnahmen gelockert werden sollten, haben die Vorarlberger bereits Erfahrung und können voll durchstarten.
Natürlich wäre es mir für die Gastronomen auch lieber gewesen, die Sperrstunde wäre auf 23 Uhr festgelegt worden, doch man darf nicht vergessen, mit welcher Ausgangsposition wir in diese Verhandlungen gestartet sind. Ursprünglich war geplant, nur draußen zu öffnen und bereits ab 19 Uhr die Sperrstunde anzusetzen. Daher ist es ein großer Erfolg für Vorarl­berg, wie es nun gekommen ist. Denn diese Verhandlungen waren nun mal kein Wunschkonzert.

Roland Frühstück. <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
Roland Frühstück. Oliver Lerch

Was in der Diskussion ein bisschen untergeht, ist die Tatsache, dass weiterhin ein Umsatzersatz basierend auf dem Vergleichsmonat März 2019 ausbezahlt wird. Voraussetzung ist, dass der Gastronom unter 60 Prozent des Umsatzes des Vergleichsmonats bleibt. Somit kann jedes Res­taurant selbst entscheiden, ob es am Montag öffnet oder nicht. Das Öffnen ist eine Einladung und ein Angebot, aber keine Pflicht. Auch ein Soft-Opening ist durch diese Förderung denkbar.
Die Sperrstunde ist so sehr in den Fokus gerückt, dass vergessen wurde, dass es noch weitere attraktive Möglichkeiten der Bewirtung außerhalb der Abendstunden gibt. Sei es nach dem Wochenmarkt, der Nachmittagskaffee samt Kuchen, ein Frühschoppen oder After-Work-Treffen. Das ist jetzt alles wieder möglich, und am Wochenende können Familien mittags ausgiebig essen gehen. Das ist wichtig für die Gastronomen, aber auch für die Gesellschaft. Die Politik ist beiden verpflichtet.
Sehr bitter ist die Situation für die Nachtgastronomie, und ich verstehe den Unmut. Aber es ist derzeit nicht zu verantworten, diese Teilbereiche zu öffnen. Die Gastronomen forderten Planungssicherheit, und die haben sie jetzt weitestgehend. Die Alternative wäre gewesen, nach Ostern nur draußen zu öffnen. Da hätte eine Woche Schneefall gereicht, und es wäre wieder Stillstand eingekehrt. Nun kann zumindest mit dem Personal dauerhaft geplant werden.
Die strengen Regeln sind notwendig, um die Sicherheit zu gewährleisten. Allerdings wäre ein Ansteigen der Inzidenz kein Grund, nervös zu werden. Die Bettenauslastung auf den Intensivstationen ist entscheidend. Da immer mehr Menschen geimpft werden oder die Krankheit überstanden haben, haben wir eine reelle Chance, bei gutem Wind ohne weiteren Lockdown durch die Pandemie zu segeln. Und das mit geöffneter Gastronomie. Das ist eine durchaus positive Perspektive.

Kontra: Gabriel Venturiello, Gastronom und Inhaber von Gabriels Cucina in Dornbirn

Die Öffnung der Gastronomie wäre eine Chance für Vorarlberg gewesen, die leider vertan wurde. Sperrstunde und zwei Meter Abstand machen es für die Betriebe fast unmöglich.

Die Voraussetzungen, unter welchen die Gastronomie nun am Montag öffnen darf, sind vehement zu kritisieren. Allein die frühe Sperrstunde aufgrund der Ausgangsbeschränkung, die um 20 Uhr in Kraft tritt, ist nicht zu Ende gedacht. Zum einen geht es um die Wirtschaftlichkeit für die Betriebe, zum anderen aber auch um die Gesundheit der Gäs­te. Bei längerer Sperrstunde hätten die Menschen in Lokalen kontrolliert gefeiert. Mit Sicherheitsabstand und Zugangstests wäre ein Sicherheitsnetz vorhanden gewesen. Jetzt feiern sie lieber zu Hause, ohne Abstand und ohne Tests. Oder sie ziehen nach 20 Uhr weiter in den privaten Bereich, der sich nicht mehr kontrollieren lässt.
Für viele Menschen rentiert sich die Testung bei einer Sperrstunde um 20 Uhr jedoch nicht, dabei hätte man mit der Durchtestung der Gäste das Infektionsgeschehen weiter bremsen können. Dazu kommt der Sicherheitsabstand von zwei Metern als Grundvoraussetzung für die Öffnung. Das stellt viele Betriebe vor große Probleme, weil die Lokalitäten dies oftmals nur bedingt zulassen. Allein in meinem Restaurant verliere ich durch diese Regelung 55 Prozent an Kapazität.

Gabriel Venturiello <span class="copyright">Privat</span>
Gabriel Venturiello Privat

Die Öffnung der Gastronomie ist natürlich sinnvoll, doch die Fragestellung muss eher lauten: Wäre sie sinnvoll machbar gewesen? Und das wäre sie definitiv. Denn die Öffnung wäre für Vorarlberg eine richtige Chance gewesen. Eine Chance, mit wissenschaftlicher Begleitung zu überprüfen, was auch ganz ohne Lockdown an gesellschaftlichem Leben möglich wäre. Selbst wenn das Infektionsgeschehen wieder steigen sollte, brauchen wir eine Strategie, welche Öffnungen und in welcher Form diese möglich sind. Die geografische Lage Vorarlbergs bringt uns in eine besondere Situation, und das Ländle wäre für einen Feldversuch prädestiniert gewesen. Leider ließen die Verantwortlichen diese Chance ungenutzt.
Die Gastronomie hätte Lichtblick und Hoffnung bedeutet. Hoffnung für eine Gesellschaft, die seit vielen Monaten eingesperrt ist. Die Gastronomie dient als Ventil, und der Austausch der Menschen mit direkter Konversation würde den extremen Social-Media-Blüten und dem Extremismus vorbeugen. Zusätzlich wäre mit einer anderen Art der Öffnung die Situation am Arbeitsmarkt deutlich entschärft worden. Je länger der Lockdown dauert, desto mehr Fachkräfte verlieren wir an andere Branchen. Diese Leute bekommen wir nicht wieder zurück.
Die Verantwortlichen haben außerdem nicht erkannt, dass die Gastronomie aus mehr als nur Restaurants besteht. Was ist mit den Bars oder Nachtlokalen? Für sie gibt es keine Perspektive. Das Ankündigen der Öffnung mit diesem Resultat nach acht Tagen Verhandlung schwächt das schon erschütterte Vertrauen in die Politik weiter.

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