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Corona-Demos sind nicht produktiv

21.03.2021 • 15:50 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
Kulturwissenschaftlerin Judith Kohlenberger
Kulturwissenschaftlerin Judith Kohlenberger (c) Christian Lendl

Land braucht mehr „Wir“-Gefühl, fordert Judith Kohlenberger.

Im ersten Lockdown vor einem Jahr wurde stark an das „Wir“ appelliert, wir gemeinsam zum Schutz der Alten. Diese Erzählung wirkt kaum mehr. Wie ist uns das „Wir“ abhandengekommen?
Judith Kohlenberger: Ich teile diesen Befund. Im Herbst sind wir in die Mühen der Ebene der Pandemiebekämpfung gekommen. Das solidarische „Wir“ hat sich in ein „Wir“ und „die anderen“ differenziert. Auch, weil soziales Abstandhalten keinen Austausch mit Menschen außerhalb der eigenen „Blase“ ermöglicht hat. Und ein größeres „Wir“ entsteht eben auch durch Kontakt mit anderen.

Kontakt mit anderen haben derzeit nur jene, die an Corona-Demos teilnehmen. Entsteht hier eine neue Art „Wir“-Gefühl?
Die Teilnehmer sind aus meiner Sicht von der Sehnsucht nach einem Wir-Gefühl getrieben – wir, das Volk, gegen „die da oben“. Dabei handelt es sich um eine sehr heterogene Gruppe, die nicht einmal durch ein klares, gemeinsames Interesse verbunden ist. Es geht nicht um das demokratische Ringen um Konsenses, sondern ums Dagegensein. Und wer nicht dagegen ist, ist nicht Teil des „Wirs“. Produktiv kann eine solche Debatte nur dann sein, wenn man sich beim Ausstreiten der Positionen immer auf gemeinsame Errungenschaften wie Grund- und Freiheitsrechte verständigt. Und das geschieht hier nicht.

Zur Person

Judith Kohlenberger, geboren 1986, ist promovierte Kulturwissenschaftlerin und am Institut für Sozialpolitik an der Wiener Wirtschaftsuni tätig. Unter anderem forscht sie zu Migration, Integration und gesellschaftlicher Teilhabe.

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