Allgemein

„Uns schwimmen die Felle davon“

21.03.2021 • 16:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Umsatzrückgänge von über 50 Prozent machen den Friseuren zu schaffen.

Günther Plaickner, der Innungsmeister der Friseure, hat seinen Betrieb in Götzis. Die Stimmung bei ihm und seiner Zunft war schon mal besser: „Wir haben die sechste Woche offen. Und nach anfänglichen drei guten Wochen geht es jetzt massiv bergab. Viele Friseure haben gravierende Umsatzrückgänge. Die belaufen sich etwa zwischen 40 und 50 Prozent. Wobei es Ausreißer in beide Richtungen gibt.“ Es gebe immer mehr Testmuffel und Verweigerer. Und die boykottieren das derzeit geltende System. Und die Friseure spüren das massiv, so Plaickner. „Zudem erlebt der Pfusch eine nie da gewesene Blütezeit. Also kurz und bündig zusammengefasst: Uns schwimmen die Felle davon.“

Coronajahr

Innungsmeister Günther Plaikner                                                                                                                      Sams
Innungsmeister Günther Plaikner Sams

Die Pandemie bestimmt den Alltag seit einem Jahr. Nach den ersten beiden Lockdowns im Frühjahr und im Dezember habe das Geschäft gebrummt. „Da war die Hütte voll und alles eitel Wonne. Vor allem vor Weihnachten kamen wir kaum mehr zum Schlafen.“ Aber was jetzt passiert, ist für Plaickner und seine Zunft bedrohlich. Es gebe keine Laufkundschaft mehr. Und das Telefon klingelt verdächtig selten. Das ist ein schlechtes Zeichen.

Sonjas Haarstudio

Sonja Fritz in ihrem Haarstudio                                                                                                                            Hartinger
Sonja Fritz in ihrem Haarstudio Hartinger

Die durchaus triste Lage bestätigt auch Sonja Fritz, Friseurmeisterin und Betreiberin von Sonjas Haarstudio in Bludenz. „Ich habe heute Nachmittag zugesperrt. Es ist einfach nichts los“, klagt Fritz. Außer Stammkunden, die sich aber nur von ihr die Haare schneiden lassen wollen, laufe das Geschäft katastrophal. „Wir sprechen da sicher von einem Umsatzrückgang von beinahe 60 Prozent.“ Wenn das so weitergeht, wird sie reagieren müssen. Noch sind die Mitarbeiter in Kurzarbeit. Aber eine Dauerlösung ist das nicht. Der nächste Schritt ist die Reduktion des Personalstandes. „Und das ist dann einfach schwere Kost. Wenn ich eine meiner Mitarbeiterinnen entlassen müsste.“ Aber die Kundschaft bleibt einfach aus. Auch langjährige Stammkunden melden sich mitunter einfach nicht mehr.

Mobilfriseurin

Mobilfriseurin Ulrike Galehr. Zu Hause müssen die Kunden keien Maske tragen.               Hartinger
Mobilfriseurin Ulrike Galehr. Zu Hause müssen die Kunden keien Maske tragen. Hartinger

Nicht allen Friseuren geht es so. Ulkrike Galehr aus Ludesch erlebt gerade das absolute Kontrastprogramm. Sie ist Mobilfriseurin und kann sich kaum vor Aufträgen erwehren. „Ich habe im Moment mitunter Arbeitstage, die 14 Stunden dauern. Mich buchen viele Corona-Test-Flüchtlinge. Ich nenne sie so“, lacht Galehr. Denn sie kommt zu den Menschen nach Hause. Und dort brauchen die Kunden weder Test noch Maske. Nur sie selbst lässt sich zwei Mal pro Woche testen und trägt eine FFP-2-Maske. Galehr hat sich auf Spitäler und Pflegeheime spezialisiert. Sie ist zurzeit „überall voll gebucht.“

Testmuffel

Viele, die sie kontaktieren, betonen ihre Testmüdigkeit. Nicht einmal die Gastronomieöffnung sei für die Testmuffel ein Anreiz. Galehr hat einen mobilen Friseursalon im Auto. „Einen großen Werkzeugkoffer mit allem, was man für mein Geschäft so braucht“, ergänzt die Ludescherin. Es sei ihr fast ein wenig peinlich, aber sie profitiere massiv von der derzeitigen Situation. „Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich nicht jeden Testflüchtling annehme. Denn meine niedergelassenen Kollegen brauchen auch Arbeit. Ältere Menschen, die immobil oder dement sind, das ist etwas anderes. Aber die Jungen, die schick’ ich mitunter beinhart zum Friseur“, betont Galehr mit Nachdruck.

Dass die Masken- und Testverweigerer immer mehr werden, kann Innungsmeister Plaickner bis zu einem gewissen Grad verstehen. „Aber wir brauchen einfach jeden einzelnen Kunden, damit wir halbwegs über die Runden kommen.“ Was müsste sich ändern? Die körpernahen Dienstleister sofort zu impfen wäre laut Plaickner ein möglicher Ausweg aus der Misere. Auch die zusätzliche Vereinfachung der Testungen könnte bis zu einem gewissen Grad Abhilfe schaffen. „Die haben wir ja auch mittlerweile. Aber das hat sich noch nicht durchgesetzt und herumgesprochen.“ Generell sind Friseurbesuche sicher, denn dort werde Hygiene großgeschrieben. Der Kunde trägt eine Maske, die Friseure haben Masken. Das müsse genügen. Und die allgemeine Lage gebe ihm recht. Denn: „Wir haben jetzt sechs Wochen auf, und noch hat sich niemand bei uns angesteckt.“

Grenzwertig

Christoph Schobel betreibt in Höchst den Salon „Haarscharf“. Die Grenznähe befeuert die Situation. Etwa 70 Prozent Umsatzeinbußen hat er zu beklagen. „Mindestens ein Drittel unserer Kunden kommen aus der Schweiz. Durch das ewige Auf- und Zusperren hat der Zulauf aus der Schweiz sukzessive abgenommen.“ Die Menschen sind verunsichert. Zudem hat Schobel das Gefühl, dass viele seiner Schweizer Kunden nicht richtig informiert sind. „Unlängst steht eine Kunde aus der Schweiz in meinem Geschäft. Der wusste nicht einmal, dass man ohne Test nicht über die Grenzen fahren darf. Und er hatte natürlich keinen dabei. Deshalb musste ich ihn wieder nach Hause schicken.“ Das Testangebot sei mittlerweile gut ausgebaut. Aber vor allem alte Mensch tun sich schwer mit dem Anmelden. „Ohne Internet und Smartphone ist das kaum möglich. Und das ist für viele Senioren eine zusätzliche Barriere, die zwischen ihnen und einem möglichen Friseurbesuch steht.“