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Man sollte nicht über das Wetter smalltalken

21.03.2021 • 13:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Gestern war Frühlingsanfang, in einer Woche beginnt die Sommerzeit. Alle Zeichen stehen auf Wonnemonatsbeginn. Auch mein Körper befindet sich körperlich wie emotional auf Sommerschiene. Öffne ich aber die Wetter-App auf meinem Telefon, sehe ich nichts als Schneeflocken und Minus-Zeichen. Mein lieber Schwan! So geht das wirklich nicht.

Diese Diskrepanz zwischen meiner inneren Jahreszeiten-Uhr und dem, was da draußen passiert, erzeugt einen Strudel in der Salmhoferschen Raumzeit. Zum Beispiel beginnen meine Fettzellen der Region im Gehirn, die für Appetit und Essverhalten zuständig ist, mitzuteilen, dass es nun nicht mehr notwendig sei, sie permanent und kontinuierlich zu befüllen. In Ermangelung einer angemessenen Polsterung wird mir jedoch schneller kalt. Das steht aber im absoluten Widerspruch zu den Schneeflocken, die es sich gerade auf meinem Fensterbrett gemütlich machen. Meinem Körper ist das egal, es ist März, und er hat schon die ersten Krokusse auf den Wiesen erblühen sehen. Das ist das Zeichen, den Metabolismus umzustellen, eine Umkehr ist unmöglich.

Nachdem also für mich Frühling ist, es draußen aber Glatteis hat und frierend kalt ist, kann mein Kopf dieses Ungleichgewicht nicht verarbeiten und reagiert mit permanentem Kopfschmerz darauf. Nun denn, damit könnte ich ja noch leben, es gibt Decken, und es gibt Aspirin. Was ich aber partout nicht brauchen kann, sind diese – ich traue mich fast nicht, es zu schreiben – Frühlingsgefühle. Ich frage mich jedes Jahr aufs Neue, wo die denn herkommen. In den Genen kann uns das nicht sitzen. Es wäre doch völlig widersinnig, in der warmen Zeit auf Mannschau zu gehen, um dann – neun Monate später – in Höhlen, an denen die Eiszapfen von der Decke hängen, Babys in die Welt zu setzen. Da stimmt was nicht! Naturgemäß müsste es genau umgekehrt sein. Wintergefühle müssten wir haben.

Es ist aber nicht so. Somit kämpfe ich gegen dieses seltsame Bauchgefühl an, welches mir suggerieren will, dass ich mich doch endlich mal wieder verknallen soll. Mein Verstand rollt die Augen, während mein Bauch versucht, Schmetterlinge zum Leben zu erwecken, und mein Herz „Jaaaa!“ grölt. Ich wickle mich in meine Decke ein, hole meine Kopfschmerztabletten und beruhige meinen Gefühlshaushalt mit einem Film wie: „Eine verhängnisvolle Affäre“. Ich werde jetzt aber Blumenerde kaufen gehen und ein paar Veilchen. Den Frühling, den hol ich mir jetzt einfach direkt nach Hause. Dann kommen die Schmetterlinge irgendwann ganz von alleine.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.