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“Es ist nur noch mühsam”

03.04.2021 • 21:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Jugendliche und Verantwortliche der Offenen Jugend Arbeit Dornbirn.  <span class="copyright">Hartinger</span>
Jugendliche und Verantwortliche der Offenen Jugend Arbeit Dornbirn. Hartinger

Jugendliche sind von sozialen Auswirkungen der Krise stark betroffen.

Die gesundheitliche Krise hat ihnen nicht so sehr zugesetzt, die soziale dafür umso mehr: Kinder und Jugendliche leiden unter der Corona-Pandemie besonders stark, wie mittlerweile immer mehr Studien belegen.
Freunde treffen, rausgehen, feiern, Vereinsaktivitäten betreiben ist seit einem Jahr nur mehr eingeschränkt möglich. Dafür gibt es Homeschooling, das in vielen Fällen mit Einschränkungen verbunden ist. Psychosomatische und psychische Auffälligkeiten haben zugenommen, die Wartelisten für eine Therapie sind lang.

Wie es den Jugendlichen in diesem Jahr gegangen ist, was sie vermisst haben, berichten junge Menschen und Verantwortliche der Offenen Jugendarbeit Dornbirn (OJAD).

OJAD-Geschäftsführer Martin Hagen.
OJAD-Geschäftsführer Martin Hagen.

Martin Hagen, Geschäftsführer OJAD: Ich möchte mich zuerst einmal bei den Jugendlichen für die Solidarität mit der älteren Bevölkerung bedanken, weil sie hier schon ein ganzes Jahr lang ohne allzu viele Beschwerden mitspielen. Stark verändert hat sich bei ökonomisch und sozial benachteiligten Jugendlichen die Sicht auf die Politik. Das Vertrauen ist sehr stark gesunken. Das belegt zum Beispiel die Studie vom Bernhard Heinzlmaier, laut der vor allem bildungsfernere Jugendliche extrem abgehängt werden. Darüber hinaus haben viele Jugendliche auch hier in Dornbirn schon sicher geglaubte Lehrplätze nicht bekommen. Und eine Krise wie diese Pandemie ist eine deutliche Verschiebung bei den Möglichkeiten der benachteiligten, ärmeren Jugendlichen und jenen der reichen, privilegierten. Wir können hier einen deutlichen Gap, eine Lücke, in Hinblick auf Bildungs- und Berufsmöglichkeiten erkennen. Die Politik tut jetzt gut daran, einen Fokus darauf zu legen, was geschieht mit unserer Zukunft, was geschieht mit unseren Jugendlichen. Es müssen Maßnahmen ergriffen werden, um das Vertrauen in die Politik zu stärken und um die Chancen für Benachteiligte – sozial, beruflich, bildungsmäßig – zu verbessern. Die Jugendlichen hier in unserer Einrichtung sind aber trotz allem grundsätzlich sehr optimistisch, auch wenn sie sich eher kaltgestellt fühlen.

Marie Sottopietra.
Marie Sottopietra.

Marie Sottopietra, 20: Das Jahr war sehr anstrengend. Ich bin vor acht Monaten bis vor zwei Wochen für eine Abendschule nach Wien gezogen. Durch die ganzen Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen findest du keinen Anschluss, keinen Kontakt, gar nichts. Wir hatten in der Schule nicht Klassen, sondern Kurse, da findet man sowieso schwerer Anschluss. Und dann findest du auch in deiner Freizeit keine Leute, weil du nichts machen kannst. Du bist die ganze Zeit mit deinen Mitbewohnern in der Wohnung und hockst aufeinander. Man kann nur spazieren gehen, aber das ist auch nicht die Lösung für alles. Anfangs gab es viel Lob für die Regierung, weil die Zahlen schnell gesunken sind, aber jetzt dauert es einfach nur mehr lange. Andere Länder kriegen es auch her, etwa Portugal. Es ist einfach nur noch mühsam, die ganze Zeit in so Halb-Lockdowns zu sein und nicht richtig zu wissen, was dürfen wir und was nicht, wie lange geht es noch. Das hat schon extrem auf die Stimmung gedrückt.

Katharina Kohler.
Katharina Kohler.

Katharina Kohler, Leiterin Mädchentreff Dornbirn: Es war ein Jahr mit vielen Auf und Abs, in dem wir das Angebot immer wieder der Situation angepasst haben. Wir haben viel digital und draußen gemacht. Man hat aber auch gemerkt, dass viele sehr einsam und isoliert zu Hause sind und deswegen die Angebote gern angenommen haben. Es sind auch neue Themen aufgekommen, die nachgefragt worden sind, etwa wie geht man mit Sexismus in digitalen Medien um. Das ist mehr geworden. Dadurch, dass die Mädchen zuhause waren, sind viele ihrer Ressourcen verlorengegangen, eben Orte wie der ­Mädchentreff oder Vereine. Viele leben zu Hause auch beengt und haben nicht die Möglichkeit in einen Garten zu gehen. Das war sicher ­eine Zusatzbelastung.

Hino Peter.
Hino Peter.

Hino Peter, 15: Mit den ganzen Maßnahmen ging das alles ganz schnell. Mit der Online-Schule ist es ein bisschen anstrengend, weil das viel Energie kostet. Beim Präsenzunterricht müssen wir immer, wenn wir nicht essen oder trinken, die Maske aufhaben und das kann manchmal anstrengend sein. Ich treffe nicht so häufig Leute, daher war das für mich nicht so einschränkend. Die Schule war das größte Problem. Das war manchmal anstrengend.

Simon Stern.
Simon Stern.

Simon Stern, 17: Ich bin nicht wirklich der Typ, der viel rausgeht. Viel hat sich daher für mich nicht geändert – nur dass sich jetzt keiner mehr darüber beschwert, dass ich nicht rausgehe. Ich war dieses Jahr auch mit anderen Dingen beschäftig und habe es deshalb auch nicht so als Einschränkung erlebt. Wenn du irgendwo hingehen willst, ziehst du halt eine Maske an und du darfst dich halt nicht so oft mit anderen treffen. Der Online-Unterricht ist aber wirklich nicht angenehm. Da nimmt man halt das, was man kriegen kann. Wir dürfen jetzt ja wieder jede zweite Woche in die Schule. Aber jeder Tag besteht aus drei Tests und generell ist Schule zu Hause einfach nur Hausaufgaben – aber mehr und schlimmer. Es ist auch schwierig, sich auf den Unterricht zu fokussieren, wenn er nur auf dem Bildschirm ist.

Julian Gorbach.
Julian Gorbach.

Julian Gorbach, 19: Die ersten paar Wochen waren ganz okay. Das hat sich wie Ferien angefühlt, man hat daheimbleiben können und zocken. Nach einem Monat oder zwei war das aber vorbei. Du konntest deine Kollegen nicht mehr treffen und die Sozialkontakte sind halt ziemlich eingeschränkt. Wenn du ein Problem gehabt hast, konntest du nicht mit einem Kollegen darüber reden, wenn du Ablenkung gebraucht hast, konntest du nicht mit einem Kollegen rausgehen. Du bist halt immer mit deiner Familie drinnen geblieben und das kann dir dann auf Dauer auch ziemlich auf die Nerven gehen. Mein größtes Problem war, dass ich meine Probleme nicht hier in der OJAD aufarbeiten konnte. Es war schon ein sehr belastendes Jahr.

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