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Was kommt auf die Intensivstationen zu?

10.04.2021 • 20:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Wolfgang List ist bereichsleitender Oberarzt der Intensivstation am LKH Feldkirch. <span class="copyright">Hofmeister</span>
Wolfgang List ist bereichsleitender Oberarzt der Intensivstation am LKH Feldkirch. Hofmeister

Intensivmediziner Wolfgang List über die Entwicklung in Vorarlberg, Wien und Triagen.


In Vorarlberg ist ein leichter Anstieg an belegten Intensivbetten zu verzeichnen. Was lesen Sie als Intensivmediziner aus dieser Entwicklung?
Wolfgang List: Es ist ein Ansteigen zu verzeichnen, allerdings sind wir mit neun Patienten (Anm. Stand Freitag) aktuell sehr moderat unterwegs. Im November hatten wir teilweise 44 Covid-Patienten gleichzeitig auf den Intensivstationen. Man muss in Relation sehen, mit welchen Herausforderungen wir in der zweiten Welle konfrontiert waren und wo wir jetzt stehen. Die Zahlen derzeit sind nicht beunruhigend, aber es kann auch keiner sagen, wo wir in vier Wochen stehen werden. Der momentane Anstieg ist kein Anlass, sich um die Kapazitäten Sorgen machen zu müssen.

Im Osten Österreichs, speziell in Wien, ist die Situation eine andere. Welche Prognose leiten Sie daraus für Vorarlberg ab?
List:
Im November waren wir deutlich stärker betroffen als der Osten Österreichs und hatten Inzidenzen über 800. Aktuell nähert sich Wien den 400 an. Sprich, in der zweiten Welle waren wir in einer angespannteren Position als der Osten derzeit. Im Herbst mussten wir in Räumlichkeiten wie Aufwachräume ausweichen, wo normalerweise keine Patientenbetreuung stattfindet. Dort wurden Patienten intensivmedizinisch betreut, weil wir eine solche Eskalation hatten. Es ist im Moment sicher keine leichte Situation für die Kollegen im Osten, aber man muss es auch in Relation sehen, was wir schon hatten und was sich derzeit abspielt.

Ihren Worten zufolge sind Sie nicht sonderlich besorgt, die Situation in Vorarlberg in den kommenden Wochen betreffend.
List:
Es ist davon auszugehen, dass die Zahlen bei uns steigen werden. In welchem Ausmaß dies geschieht und ob der Impffortschritt, der parallel erzielt wird, uns vor Verschlimmerungen bewahren kann, wissen wir nicht genau. Ich bin nicht so optimistisch zu sagen, es wird uns nicht mehr so stark treffen. Wir wissen es schlicht und ergreifend nicht. Wir wissen allerdings aus der Vergangenheit, was wir stemmen können, und da haben wir im Moment noch deutlich Luft nach oben. Allerdings möchte ich auch nicht zu entspannt klingen, weil ich keine Prognose für die nächsten Wochen abgeben kann.

<span class="copyright">Mathis</span>
Mathis

In Wien müssen teilweise Operationen verschoben werden, weil keine Intensivbetten mehr frei sind. Ab welcher Belegungszahl ist auch die medizinische Behandlung in Vorarlberg nicht mehr vollumfänglich gegeben?
List:
Absolute Zahlen zu nennen, ist sehr schwierig, da wir in Vorarlberg ein dynamisches System haben. Sprich, wir können unsere Intensivbetten in gewissem Maße zwischen Covid und Non-Covid anpassen. Es darf nicht vergessen werden, dass auch die Belegung der Betten durch Non-Covid-Patienten eine wichtige Rolle spielt. In den ersten beiden Wellen hatten wir zum Glück immer wieder Phasen, in denen es relativ wenig Non-Covid-Intensivpatienten gab. Das hat uns damals geholfen. Auch da können wir nicht in die Zukunft schauen und wissen nicht, was mehr Lockerungen und risikoreiche Freizeitaktivitäten wie zum Beispiel Motorradfahren mit sich bringen. Definitive Zahlen, ab wann man zum Beispiel OP-Kapazitäten runterfahren muss, kann ich daher nicht nennen.

Niemand kann in die Zukunft schauen, aber ab wann läuten die Alarmglocken?
List:
Es gilt, vorausschauend zu agieren, und wenn die Zahlen sich exponentiell nach oben entwickeln, muss man frühzeitig reagieren. Es gibt ein Warnsystem, denn die Patienten erkranken, und dann dauert es sieben bis zehn Tage, bis sie hospitalisiert werden. Das gibt ein bisschen Vorlauf und Spielraum, um zu reagieren.

Wie beurteilen Sie als Intensivmediziner die Öffnungsschritte in Vorarlberg?
List:
Im März hatten wir eine Phase, in welcher sich die Situation in den Spitälern beruhigt hat. Der Knackpunkt ist die medizinische Versorgung, die nicht zum Kippen gebracht werden darf. So lange die Belegungen so niedrig sind, macht es aus meiner Sicht absolut Sinn, Lockerungen vorzunehmen. Ich unterstütze diese Maßnahme unter der Voraussetzung, dass die Zahlen sehr genau beobachtet werden.

<span class="copyright">Hofmeister</span>
Hofmeister

Die Impfung soll helfen, dass weniger Menschen hospitalisiert werden müssen. Noch ist die Durchimpfungsrate gering, spüren Sie dennoch auf den Intensivstationen einen Effekt?
List:
Bei der niedrigen Gesamtzahl von Patienten in den Krankenhäusern der letzten Wochen ist das noch schwer zu sagen. Da lässt sich statistisch noch nichts festmachen. Es ist sinnvoll, dass die Pflegeheime und über 80-Jährige durchgeimpft wurden. Für diese Patientengruppe war es nämlich teilweise kein Thema mehr, sie noch intensivmedizinisch zu betreuen.

Inwiefern?
List:
Mit entsprechenden Vorerkrankungen, Begleiterkrankungen, und hohem Alter muss eine Maximaltherapie mit allen medizinischen Möglichkeiten immer überdacht und angesprochen werden. Unabhängig von Covid, denn da geht es um die prinzipielle Sinnhaftigkeit von medizinischen Maßnahmen. Daher ist es gut, dass die älteren Menschen durchgeimpft wurden. Wir haben durchaus einen Zusammenhang zwischen Sterblichkeit und Erkrankungsalter erkennen können.

Ab welchem Alter steigt das Sterblichkeitsrisiko im Zusammenhang mit einer ­Covid-Erkrankung Ihrer Erfahrung nach?
List:
Richtig spürbar wird es ab 60 Jahren. Von den 60- bis 70-Jährigen versterben auf den Intensivstationen ein Drittel der Covid-Patienten, und bei den über 80-Jährigen sind es zwei Drittel.

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Mathis

Ziel in der ersten und zweiten Welle war es, Triagen zu verhindern. Können Sie bitte nochmals skizzieren, was eine Triage tatsächlich ist.
List:
Es ist eine komplexe Situation und das, was wir in der Medizin nicht gewohnt sind. Das kommt aus der Katastrophen- oder Kriegsmedizin, wo die Anzahl der Erkrankten oder Verletzten die Behandlungsmöglichkeiten übersteigt. Dann muss entschieden werden, wer die größten Überlebenschancen hat. In Vorarlberg haben wir uns spitalsübergreifend zusammengeschlossen, damit im Ernstfall keine Intensivstation allein entscheiden muss. Es gibt ein Netzwerk und ein Konzept, was zu tun ist, wenn es hart auf hart kommt.

Welche Faktoren fließen bei Überlegungen zu einer Triage ein?
List:
Zunächst einmal, wie schwer der Patient erkrankt ist. Der Schweregrad der Erkrankung wird mit Hilfe intensivmedizinischer Scores festgestellt. Außerdem fließen schwere Begleiterkrankungen mit ein, die einen Einfluss auf die Sterblichkeit haben. Auch das Alter ist ein relevanter Punkt. Diese Faktoren haben Einfluss auf die Überlebenschancen des Patienten und ermöglichen eine Vergleichbarkeit.

<span class="copyright">Mathis</span>
Mathis

Es gab aber auch Länder, die eine Triage am Alter des Patienten festmachten.
List:
Ja, die gab es, aber wir sehen es viel komplexer. Es ist mir wichtig zu betonen, dass diese Entscheidungen im Land niemand alleine treffen muss. Sie würden immer im ­Behandlungsteam getroffen werden.

In Vorarlberg musste eine solche Entscheidung aber bisher noch nicht gefällt werden?
List:
Das ist richtig. Eine Triage gab es zum Glück in ganz Österreich nicht.

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