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Asthmaspray verhindert schweren Verlauf

12.04.2021 • 17:16 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Eine Studie mit vielversprechenden Ergebnissen: Asthmasprays sollen schwere Covid-19-Verläufe verhindern können
Eine Studie mit vielversprechenden Ergebnissen: Asthmasprays sollen schwere Covid-19-Verläufe verhindern können (c) Tobilander – stock.adobe.com

Asthmasprays mit Budesonid sollen schweren Covid-Verlauf verhindern.

Die Hoffnung dieser Monate ruht fast ausschließlich auf den Covid-19-Schutzimpfungen. Menschen auf der ganzen Welt zählen darauf, sich dadurch vor einer Erkrankung – oder zumindest vor einem schweren Verlauf – schützen zu können. Aber was tun, wenn jemand tatsächlich am Virus erkrankt? Hoffnung macht jetzt eine Studie aus Oxford, die zeigt, dass ein bereits bekanntes medizinisches Hilfsmittel Unterstützung bedeuten könnte: der Asthmaspray.

Zu Beginn der Pandemie war die Sorge groß, dass Asthmatiker eine Risikogruppe darstellen könnten. Aber schon bald zeigten erste Studien aus China, dass asthmakranke Patienten bei einer Infektion mit Covid-19 nur selten einen schweren Verlauf hatten. Das warf die Frage auf, ob ein Zusammenhang mit den Wirkstoffen in Asthmasprays bestehen könnte.

Milde Covid-19-Verläufe werden verkürzt

Die Annahme: Das regelmäßige Zuführen von Glucocorticoiden durch Asthmasprays könnte den Verlauf mildern. Dabei handelt es sich um Stoffe, die entzündungshemmend wirken und Immunreaktionen des Körpers abschwächen können. In einer Studie der University of Oxford wurde nun das häufig angewandte Glucocorticoid „Budesonid“ auf seine Wirkung bezüglich Covid-19-Verläufen untersucht. Das Ergebnis wurde im Wissenschaftsmagazin „The Lancet“ veröffentlicht: Durch die Anwendung des Asthmasprays konnten milde Verläufe um rund einen Tag verkürzt werden. Außerdem wurde die Häufigkeit von schweren Verläufen um 90 Prozent gesenkt. Dafür sollte drei Tage nach Symptombeginn mit dem Medikament begonnen werden.

An der Studie nahmen 146 Probanden teil. Diese waren zum Erhebungszeitraum an Covid-19 erkrankt und hatten seit mindestens drei beziehungsweise maximal sieben Tagen milde Symptome. Die Betroffenen litten zu dieser Zeit an Beschwerden wie Husten, Abgeschlagenheit, Fieber, Kopfschmerzen und Verlust von Geruchs- oder Geschmackssinn. Sie wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine davon wurde gebeten, zweimal täglich den Asthmaspray anzuwenden. Bei der zweiten Gruppe kam es zu keiner Anwendung des Sprays. Die Erkrankung wurde mit herkömmlichen Methoden behandelt.

Beobachtet wurde vor allem, ob im Verlauf der Erkrankung bei den Studienteilnehmern ein Spitalsaufenthalt notwendig wurde. Aus der Gruppe, die den Asthmaspray anwandte, mussten lediglich zwei Patienten (3 Prozent) das Krankenhaus aufsuchen. Demgegenüber stehen elf Patienten aus der Kontrollgruppe, die im Spital behandelt werden mussten (15 Prozent).

Asthmasprays in Österreich schon im Einsatz

Außerdem scheint die Anwendung des Asthmasprays die Dauer der Erkrankung zu beeinflussen. Nach 14 Tagen hatten sich 93 Prozent der Menschen aus der Asthmaspray-Gruppe von der Erkrankung erholt. Demgegenüber stehen 70 Prozent aus der Kontrollgruppe. Auch das Fieber senkte sich bei der Anwendung des Sprays schneller. Keinen Unterschied gab es hingegen in Bezug auf die Virenkonzentration, erklärt Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Kepler- Universitätsklinikum Linz: „Hier gab es gleiche Ergebnisse in beiden Gruppen. Die Viruslimitation erfolgt also bei Anwendung des Präparats nicht rascher.“

Neu ist die Anwendung von Asthmasprays bei Corona-Infektionen auch in Österreich nicht, bestätigt Lungenfacharzt Bernd Lamprecht: „Bei uns kommt schon seit Monaten Dexamethason immer wieder zum Einsatz. Dieses scheint günstig in den Entzündungsprozess einzugreifen.“ Dabei handelt es sich wie bei Budesonid um ein Glucocorticoid, das inhaliert wird und entzündungshemmend sowie dämpfend auf das Immunsystem wirkt. „Diese inhalierbaren Präparate werden seit Jahren eingesetzt, um bei Asthma und COPD Verschlechterungen – die oftmals durch Viren ausgelöst werden – entgegenzuwirken“, sagt Lamprecht.

“Game-Changer” Asthmaspray

Der deutsche SPD-Politiker Karl Lauterbach bezeichnete die Ergebnisse der Studie als „Game Changer“ und verlautbart auf Twitter: „Die Ergebnisse machen klinisch Sinn, weil die antientzündliche Wirkung in der Lunge den Verfall der Lungenfunktion verhindern kann. Zusätzlich sinkt wahrscheinlich sogar die Wahrscheinlichkeit für #LongCovid, darauf deuten die Ergebnisse hin. Es gibt kaum Nebenwirkungen.“ Finanziert wurde die Studie von einem Unternehmen, das in den letzten Wochen viel Kritik einstecken musste: AstraZeneca.

Was es jetzt braucht: größere Studien

Intensivmediziner Lamprecht weist aber auch darauf hin, dass die vorliegende Studie relativ klein sei: „In jeder der untersuchten Gruppe waren nur rund 70 Teilnehmer. Hier wird es größer angelegte Studien brauchen.“ Dazu kommt, dass die Untersuchung nicht Placebo-kontrolliert war – sprich: Die Teilnehmer wussten, ob sie das vielversprechende Medikament erhalten oder nicht. „Das beeinflusst natürlich auch die Wahrnehmung der Patienten. Die Menschen merken, welcher Gruppe sie zugeteilt werden, und das färbt auch den Eindruck“, so Lamprecht. Eine Durchführung mit Placebopräparaten ist für den Experten unumgänglich und auch leicht umsetzbar: „In Asthmastudien wird es seit Jahren so gemacht, dass die Kontrollgruppe einen Spray mit einem Placebo erhält.“

Bemerkenswert sei dennoch der große Unterschied im Hinblick auf die Hospitalisierungen in den beiden Untersuchungsgruppen: „Man wird nicht hospitalisiert, nur weil man sich selbst eine Verschlechterung einbildet.“ Dringend beachtet werden sollten in weiteren Studien laut dem Experten andere Altersgruppen: „Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer war 45 Jahre. Patienten in diesem Alter landen aber nicht so häufig auf den Intensivstationen. Dort beträgt das Durchschnittsalter 60 bis 65 Jahre. Daher sollte man die Effekte des Präparats auf diese Altersgruppe genau unter die Lupe nehmen.“

Nicht selbst mit Asthmaspray “herumdoktern”

Selbst in die Apotheke zu spazieren und sich einen solchen Asthmaspray für die Hausapotheke zuzulegen, wird wohl nicht möglich sein: „Es handelt sich dabei um ein verschreibungspflichtiges Medikament. Allerdings ist es positiv, dass diese Studie nun Hausärzten das vorsichtige Wissen mitgibt, dass diese Medikamente möglicherweise den Verlauf abschwächen können“, so Lamprecht. Erweist sich in weiteren Studien die Wirksamkeit der Asthmasprays, hätten diese auch einen großen Vorteil gegenüber den Antikörpercocktails: Sie sind um ein Vielfaches günstiger und in großen Mengen verfügbar.

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