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War das Schuljahr ein verlorenes Jahr?

17.04.2021 • 19:55 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
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Was bleibt von diesem Schuljahr? hartinger

Pro und Kontra – Eine aktuelle Frage aus zwei Blickwinkeln beantwortet.

Das Schuljahr ist geprägt von Distance Learning und Homeschooling. Haben die Schüler dennoch etwas gelernt oder war das Schuljahr für die Kinder und Jugendlichen ein verlorenes Jahr?

PRO: Michael Tagger, Vorsitzender des Landeselternverbands

Pandemiebedingt konnte viel weniger Unterricht stattfinden und somit weniger Wissen vermittelt werden. Dies innerhalb der Schulzeit aufzuholen, ist eine praktisch unlösbare Herausforderung.

 Michael Tagger vom Landeselternverband. NEUE Archiv
Michael Tagger vom Landeselternverband. NEUE Archiv

Das Schuljahr 2020/2021 stellte und stellt an Schüler, Eltern und Lehrpersonen große Anforderungen. Lockdown, Distance Learning und Homeschooling war für alle schlagartig etwas Neues. Es gelang mehr oder weniger gut, sich auf die neue Situation einzustellen. Niemand weiß, wie lange diese Pandemie dauern wird und wie lange uns die Folgeschäden beschäftigen werden. Die Verantwortungsträger zögern und versuchen, möglichst Fehler zu vermeiden.
Pandemiebedingt konnte viel weniger Unterricht stattfinden und somit weniger Wissen vermittelt werden. Dies innerhalb der Schulzeit aufzuholen, ist eine praktisch unlösbare Herausforderung. Auch wenn das Land Vorarlberg verbilligte Kurse in den Volkshochschulen anbietet und es die Sommerschule wieder geben wird, muss es schnellstens ein Konzept geben, wie es, bereits im Herbst weitergeht.

Die lange Dauer der Pandemie hat zu Ernüchterung, aber auch zu einer Lähmung an den Schulen geführt. Die Energie ist weg. Man funktioniert. Das hat nachhaltige Auswirkungen auf die psychosoziale Situation, vor allem der Schüler, aber auch der Lehrerpersonen und nicht zuletzt auch der Eltern. Schäden sind bereits da. Lethargie, Antriebslosigkeit, Überforderung, Zukunftsängste, psychische Störungen.

Aktivitäten zur Erholung, zur Stärkung des Individuums, die mit viel Eigeninitiative und Enthusiasmus an Schulen gestartet werden wollten, wurden niedergedrückt anstatt unterstützt. Es fehlt an psychologischem Unterstützungspersonal für Schüler und Lehrpersonen. Zusätzliche Stellen werden keine geschaffen. Die vorhandenen Mittel werden lediglich umgeschichtet. Es fehlt an Geld, aber insbesondere an Hoffnung und Zuversicht.
Wir müssen jetzt beginnen, mit aller Kraft aufzuzeigen, dass es so nicht weitergehen kann. Nützen wir die Chancen, anstatt vor Problemen zu kapitulieren. Öffnen wir den Blick für übergeordnete Perspektiven. Mit Corona wurden andere Unterrichtsformen, selbstständiges Lernen und orts- und zeitunabhängige Zusammenarbeit notwendig, ein lang gehegter Wunsch vieler, der jetzt möglich geworden ist.

Viele Lehrpersonen nahmen die Herausforderung an und stellten ihren Unterricht um. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, sich das Bildungssystem genauer anzuschauen, und endlich umzusetzen, was Experten seit Jahren fordern. Vor allem im Hinblick darauf, keine Kinder zu verlieren.
Hoffentlich ziehen Politik und Ministerien bald nach und folgen den kreativen und innovativen Köpfen. Dann sprechen wir nicht mehr von „verlorenem“, sondern von einem gesellschaftlich wichtigen Schuljahr.

KONTRA: Gerhard Pušnik, AHS-Personalvertreter und Obmann Vorarlberger Lehrerinnen Initiative

Es war kein verlorenes Jahr, denn die Schüler wurden mit neuen Situationen konfrontiert und haben die Erwachsenenwelt aus anderen Perspektiven gesehen und kennengelernt.

 AHS-Personalvertreter Gerhard Pušnik. <span class="copyright">Privat</span>
AHS-Personalvertreter Gerhard Pušnik. Privat

Von der Faßmann-Ära in der Bildungspolitik wird in Erinnerung bleiben: Strafen für laxe Eltern, Separierung in Deutschklassen, Ethik für Religionsabmelder, Ziffernnotenzwang, Sommerschulen als Alibi-Aktionen. Bildungspolitik als Rückwärtsgang. Wer die beiden Männer am Steuer (Faßmann und seinen Generalsekretär Martin Netzer) in Pressekonferenzen beobachtet, der versteht auch, dass aus dem Ministerium zwar Verordnungen und Erlässe kommen, aber keine Konzepte und Visionen.

Es fehlen Schulentwicklung, Ganztagsschulen als durchgängiges Prinzip, ein gutes Grundschulfundament für alle, Ressourcen für den Umgang mit Defiziten und mit Begabungen. Den Raum als dritten Pädagogen kennt man in Höheren Schulen lediglich aus Vorträgen. Digitalisierung im Bildungsbereich beschränkt sich bis heute auf das angekündigte Verteilen von Tablets. Es sind die eklatanten Versäumnisse der Vergangenheit, weshalb auch nach mehr als einem Jahr Corona und aufopferndem Engagement vieler Lehrer und Leiter der praktische Umgang mit der neuen Situation in den Schulen schwerfällt.

Die Basis erfolgreichen pädagogischen Handelns – eine gute Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden – hat Risse bekommen. Die Verantwortlichen habe bis heute keine Antworten gefunden und schon gar keine Konzepte entwickelt, um neue Perspektiven zu eröffnen.

Für Bildung gibt es eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Regierung, Parteien, Kammern und Gewerkschaften – und nicht nur der Bildungsminister – sind in der Pflicht. Solange die große Regierungspartei vor allem damit beschäftigt ist, ihre Viertelbildung und ihre Unfähigkeit als neuen Stil der Politik zu verkaufen, und viel Energie und Zeit darauf verwenden muss, um ihre korrupten Machenschaften zu verschleiern, wird der Fokus bestimmt nicht auf Bildung liegen. Die türkise Regierung hat viele Randthemen, Bildung ist eines davon.

Für Schüler ist es kein verlorenes Jahr. Schulisches Lernen ist zwar in den Hintergrund gerückt. Das heißt aber nicht, dass ihr mathematisches Verständnis gelitten hat. Ich bin mir sogar sicher, dass ihre Fremdsprachenkompetenz gestiegen ist. Sie wurden mit neuen Situationen konfrontiert, sie haben die Erwachsenenwelt aus anderen Perspektiven gesehen und kennengelernt. Vielleicht sind sie selbstständiger geworden, flexibler, kritischer.
Es war kein gutes Jahr, es war anders und es war oft mühsam, frustrierend, überfordernd, belastend, aber es ist sicher kein verlorenes Jahr. Das Individuum versteht es bestens, mit schwierigen Situationen umzugehen und darauf angemessen zu reagieren. Ganz im Gegensatz zur hohen Politik.