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Drogen waren bei uns immer früh verfügbar

18.04.2021 • 06:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Hartinger</span>Thomas Neubacher beobachtet die Drogensituation im Land seit vielen Jahren
HartingerThomas Neubacher beobachtet die Drogensituation im Land seit vielen Jahren

Drogenkoordinator Thomas Neubacher über die Süchte der Vorarlberger.

Herr Neubacher, wonach sind Sie süchtig?
Thomas Neubacher:
Meine Schwachstellen sind Kaffee und Schokolade. Bei der „Aktion trocken“ auf Alkohol zu verzichten, das bereitet mir keinerlei Probleme. Das merke ich nicht einmal. Kaffee oder Schokolade wegzulassen, das fällt mir hingegen schwer. Das Thema Abstinenz habe ich hier aufgegeben, ich trinke den Kaffee aber sozusagen kontrolliert. Drei Tassen guten Kaffee am Tag mit Genuss trinken – das ist meine Strategie, mit dieser Sucht leben zu können. Und wenn ich zu viel Schokolade esse, merke ich das beim Bergauffahren mit dem Rad. Drei Kilo mehr oder weniger macht da einen Riesenunterschied.

Sie sind seit rund 20 Jahren Drogenkoordinator des Landes Vorarl­berg. Wie hat sich in dieser Zeit die Drogensituation im Land geändert?
Neubacher:
Wir erreichen Menschen mit einem problematischen Drogenkonsum unter Beteiligung von Opioiden, sprich Heroin, heute besser als früher. Der Gesundheitszustand und die soziale Situation dieser Personen hat sich aufgrund der Substitutionsbehandlung deutlich verbessert. Gleichzeitig werden immer weniger jüngere Menschen von Opiaten abhängig. Man kann somit sagen, dass unsere Maßnahmen in der Prävention und Behandlung gut gegriffen haben. Das sieht man auch im jüngst veröffentlichten Bericht zum abwasserbasierten Drogenmonitoring. Heroin ist im Vorarlberger Abwasser so gut wie nicht mehr vorhanden.

Und wie verhält sich die Situation bei anderen Drogen? Kokain ist ja seit einiger Zeit wieder im Vormarsch.
Neubacher:
Im Moment sind aufputschende Drogen wie Kokain und Amphetamine hoch im Kurs. Die Menschen stehen massiv unter Druck, das sieht man ja an allen Ecken und Enden. Die Corona-Krise verschärft das Ganze noch.

Das letzte „Vorarlberger Drogenkonzept“ datiert aus dem Jahr 2002. Wäre es nicht einmal Zeit für eine neues Konzept?
Neubacher:
Wir haben im Jahr 2015 ein neues Psychiatriekonzept erstellt, in welches wir das Thema Drogen miteinbezogen haben. Und da geht vor allem um Kooperationen. Eine wichtige Frage ist etwa, wie wir künftig mit älter werdenden drogenabhängigen Menschen umgehen sollen. Sprich, braucht es ein eigenes betreutes Wohnangebot für Drogenabhängige, oder versorgen wir sie gemeinsam mit nicht drogenabhängigen Menschen?

Und wie lautet die Antwort auf die Frage?
Neubacher:
Nun, es wird wohl beides brauchen. Und deshalb wird es in Zukunft auch ver­stärkt um Kooperationen gehen.

Bis wann könnte es derartige Einrichtungen beziehungsweise Kooperationen geben?
Neubacher:
Wir möchten das im nächsten Jahr zumindest planungsmäßig auf die Beine stellen.

Wie süchtig sind die Vorarlberger?
Neubacher:
Wir sind im Bundesländervergleich unter den Top Drei was Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen betrifft.

Hat das mit der geografischen Lage Vorarlbergs zu tun?
Neubacher:
Ja. Aufgrund der Nähe zur Schweiz und der Lage an der Nord-Süd-Transitroute waren bei uns die Drogen schon immer sehr früh verfügbar. Und Verfügbarkeit begünstigt natürlich Abhängigkeitserkrankungen. Was man aber auch nicht vergessen darf, ist, dass wir ein sehr gut ausgebautes Behandlungsangebot haben. Allein dadurch gibt es bei uns schon höhere Fallzahlen als in anderen Bundesländern.

Vorarlberg war also schon früh mit der Drogenproblematik konfrontiert.
Neubacher:
Genau. Man denke an die offene Drogenszene in Feldkirch in den 1980er-Jahren. Da es diese nicht mehr gibt, glauben viele, dass das Problem mittlerweile erledigt ist. Das stimmt aber nicht, und wir müssen das nicht schönreden. Die Leute sind heute allerdings besser integriert und in Behandlung. Deshalb fallen sie nicht mehr so auf.

Im Auftrag des Landes wurde das Abwasser von 17 Kläranlagen auf Drogen untersucht (die NEUE berichtete). Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?
Neubacher:
Positiv überrascht hat uns, dass der Tourismus keine große Rolle spielt. Wir haben die Proben extra im Februar entnommen, weil da in den Skiregionen immer viel los ist. Bestätigt hat sich auch unsere Annahme, dass illegale Drogen hauptsächlich im urbanen Raum konsumiert werden. Je höher die Siedlungsdichte, desto höher der Drogenkonsum. Es macht also Sinn, genau dort die Behandlungsangebote zu sichern. Eine weitere Erkenntnis ist, dass Heroin an Bedeutung verliert. Es scheint also so zu sein, dass unser Behandlungsangebot greift.

Warum werden im ländlichen Raum weniger illegale Drogen konsumiert als im urbanen?
Neubacher:
Eine Hypothese ist, dass die soziale Kontrolle auf dem Land wesentlich größer ist. Zudem ist die Akzeptanz von Alkohol größer. Salopp gesagt: Wenn ich mich im Gasthaus niedersaufe, bin ich ein lässiger Kerl. Wenn ich aber sage, lass uns mal eine Runde Koks ziehen, werden mich meine Freunde fragen, ob ich einen an der Waffel habe.

Die Abwasseranalyse hat ergeben, dass nirgendwo im Land mehr Metamphetamin konsumiert wird als in der Region Vorderland. In Medienberichten wurde das teilweise zugespitzt. So schrieben die „VN“ vom „Drogenhotspot Vorderland“. Man könnte das jetzt so verstehen, dass die Bewohner des Vorderlands ein Problem mit Metamphetamin, sprich Crystal Meth, haben. Dabei sagt die Analyse ja nicht, ob die Drogen von einigen wenigen oder von einer großen Gruppe genommen werden.
Neubacher:
Genau. In dem Fall handelt es sich vermutlich um eine ganz kleine Gruppe. Da diese Droge im restlichen Vorarl­berg so gut wie keine Rolle spielt, schaut das in der Analyse natürlich dementsprechend aus. Das Ergebnis deckt sich übrigens mit den Erfahrungen der Drogenberatungsstellen, die davon berichten, dass Menschen mit einem teilweise problematischen Metamphetamin-Konsum aus dieser Region das Hilfsangebot nutzen.

Die am öftesten konsumierte illegale Droge ist Cannabis. Das Suchtgift rückt jetzt immer mehr als Heilmittel in den Fokus. Mit viel Leidenschaft wird daher um die Legalisierung von Cannabis gestritten. Was spricht dafür, was dagegen?
Neubacher:
Die Entkriminalisierung war und ist uns wichtig. Es ist gelungen, Cannabiskonsumenten aus der Kriminalitätsschiene zu bringen. Erwerb und Besitz sind zwar strafbar, die Anzeigen bearbeitet jedoch in erster Linie die Gesundheitsbehörde. Aber Cannabis im Supermarkt? Da habe ich etwas Bauchweh. Das erhöht die Verfügbarkeit, und die Kontrolle wird schwieriger. Wir sehen das beim Alkohol. Aber diskutieren wird man das Thema müssen.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf das Suchtverhalten?
Neubacher:
Das Bild ist noch diffus. Es gibt teilweise Zunahmen, aber auch Abnahmen. Im Moment registrieren wir eine sehr starke Nachfrage in unseren Behandlungseinrichtungen. Die wesentliche Frage ist, wie massiv die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie tatsächlich sein werden. Je nachdem werden Suchterkrankungen zu- oder abnehmen. Deshalb ist es wichtig, dass mit Unterstützungsmaßnahmen entgegenwirkt wird.

Glauben Sie, dass sich das Konsumverhalten in einzelnen Bereichen während der Krise geändert hat, oder ist es eher so, dass Problemverhaltensweisen jetzt einfach sichtbarer wurden?
Neubacher:
Letzteres, denke ich. Wenn die wirtschaftlichen Folgen allerdings massiv werden, kann es de facto zu einer Zunahme kommen.

Umfragen und Studien deuten darauf hin, dass Kinder und Jugendliche deutlich mehr am Computer spielen als vor der Krise. Wie problematisch ist das?
Neubacher:
Da muss man differenzieren. Schon allein aufgrund des Homeschoolings sitzen Kinder und Jugendliche mehr vor dem Computer als sonst. Außerdem kommt es darauf an, welchen Freizeitbeschäftigungen sie sonst noch nachgehen. Es gibt sicher Kinder und Jugendliche, die ein Problem damit haben. Das darf man nicht verharmlosen. Aber man darf das Thema auch nicht überbewerten. Wenn das Kind nicht mehr aus dem Zimmer kommt und lustlos ist, wird das meist auf das Computerspielen reduziert. Aber das ist selten der alleinige Grund dafür. Oft schwingen da noch andere Themen mit. Stichwort Pubertät oder Beziehungen.

Was raten Sie den Eltern?
Neubacher:
Das Gespräch zu suchen, Fragen zu stellen und Verabredungen zu treffen. Darüber hinaus sollte man darauf achten, dass es neben dem Computer noch andere Freizeitaktivitäten gibt.

Und welche Auswirkungen hat die Krise auf die Suchthilfe?
Neubacher:
In der ersten Welle hat uns zu schaffen gemacht, dass am Lkh Rankweil Stationen für Covid-19-Patienten freigeräumt wurden. Auch das Krankenhaus Maria Ebene stand nicht mehr zur Verfügung. Wir haben versucht, die Beratungs- und Versorgungsangebote für suchtkranke Menschen in adaptierter Form aufrechtzuerhalten. Es gab Psychotherapie und Beratungen übers Telefon, auch die Substitutionsbehandlung wurde vereinfacht. Die Einrichtungen haben da sehr gut reagiert und kooperiert.

Thomas Neubacher ist seit 2002 Sucht- und Drogenkoordinator des Landes Vorarlberg. Er leitet den Funktionsbereich „Sozialpsychiatrie und Sucht“ im Amt der Vorarlberger Landesregierung und steht seit April dem Fachbereich Chancengleichheit vor. Zuvor war der diplomierte Sozialarbeiter im Krankenhaus Stiftung Maria Ebene sowie in der Drogenberatung in Bregenz

und Feldkirch tätig.

Geboren: 1968 in Salzburg

Familienstand: verheiratet, fünf Kinder

Aus- und Weiterbildung: Lehrgang für Sozialmanagement, Schloss Hofen, Lochau,

Studium an der Akademie für Sozialarbeit, Bregenz, diverse Fortbildungen in den Bereichen Recht, Informatik und Kommunikation.