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Heizen nach dem Gasaustieg

21.04.2021 • 10:18 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
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Symbolbild (c) imago images/blickwinkel (imago stock&people via www.imago-images.de)

Gasthermen sind weit verbreitet. Bis 2040 soll damit Schluss sein.

Als im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine im Winter plötzlich die Gas-Lieferungen nach Österreich in der Schwebe waren, konnten die Gasversorger schnell versichern: Es gibt genug Reserven. Und tatsächlich lagert genug Gas für 95 Terrawattstunden (TWh) Arbeitsleistung in Österreichs Speichertanks.

Verwendet wird das Gas vor allem im Winter. Einerseits um den gestiegenen Strombedarf zu decken, andererseits um in über 900.000 Wohnungen für eine angenehme Wärme zu sorgen. 16,3 TWh werden allein in privaten Wohnungen und Häusern verfeuert. In Wien sind Gasheizungen sogar auf Platz Eins bei den Heizsystemen. „Wien ist mit einer halben Million Gasheizungen vor einer ganz besonderen Herausforderung,“ sagt Michael Mock, Geschäftsführer des Fachverbandes Gas und Wärme. Aber auch in anderen großen Städten werden vor allem schlecht isolierte Altbau-Wohnungen mit Gas-Thermen geheizt.

Ausstieg bis 2040

Nun hat Österreichs Regierung beschlossen, dass auch diese Heizungen spätestens 2040 Geschichte sein werden. Allerdings stellt sich dann die Frage, wie die vielen Wohnungen zukünftig mit Wärme versorgt werden. Anders als bei einem Einfamilienhaus kann man nämlich nicht so ohne weiteres das ganze Haus auf ein anderes Heizsystem, wie Fernwärme umstellen. Dazu braucht es die Einwilligung jedes einzelnen Wohnungsbesitzers.

Gasverbrauch in Österreich

23 Prozent der österreichischen Haushalte werden mit Erdgas geheizt.

Haushaltswärme aus Gas macht aber nur 18 Prozent des gesamten Gasverbrauchs aus. Den Rest benötigen Industrie und Wirtschaft.

Fernwärme macht 29 Prozent aus. Allerdings werden auch hier oft Gas-KWK-Anlagen eingesetzt.

Seit 2003 ist der Anteil an Gas bei der Wärmeerzeugung um fünf Prozent gestiegen. Der von Öl ist um 31 Prozent gesunken.

Wien hat mit 46 Prozent den höchsten Anteil an Gasheizungen im Wohnraum, gefolgt von Niederösterreich (33 Prozent) und dem Burgenland (26 Prozent).

„Die größte Herausforderung beim Umstieg der Heizungssysteme liegt mit Sicherheit in den Städten“, bestätigt Günter Pauritsch von der Österreichischen Energieagentur. Hier liegt vor allem Fernwärme nahe, das Netz ist oft großflächig ausgebaut, die Anschlussmöglichkeiten liegen sozusagen meistens vor der Tür – wobei beispielsweise die Wärme aus der Müllverbrennung kommt – oder aus den zwei Gaskraftwerken der Stadt. Grundsätzlich sind auch Wärmepumpen oder Tiefenbohrungen sind im städtischen Bereich möglich. „Man muss sich wirklich Wohnblock für Wohnblock ansehen und entscheiden, was die beste Lösung ist,“ so Pauritsch. Zentral sei vor allem die thermische Sanierung vor allem bei Altbauten. „Hier wird auch Geld vonseiten der Eigentümer nötig sein.“

Zu wenig Fachkräfte

Der Idee, einfach bestehende Gas-Thermen mit sogenannten grünen Gas zu betreiben, sei hingegen eine Sackgasse, sagt Pauritsch. Denn der Großteil des heimischen Gasverbrauchs geht in die Industrie und das Potenzial für grünes Gas in Österreich liege bei maximal 20 TWh. „Wir müssen uns überlegen, wo können wir Gas ersetzen und wo brauchen wir es weiterhin, wie beispielsweise in der Stahlproduktion.“

Doch um das Ziel zu erreichen, Österreich bis 2040 CO2-neutral zu heizen, gibt es eine weitere Hürde, erklärt Pauritsch: „Wir brauchen die Fachkräfte, die in der Lage sind, diese Umbauten auch zu bewerkstelligen. Und das ist momentan nicht der Fall.“ Nicht nur müsse man hier die Ausbildung ausbauen, auch aktuelle Fachleute müssten weitergebildet sein. „Es sollte heute nicht mehr geschehen, dass ein Installateur einem Kunden rät eine alte Gas-Therme gegen eine neue auszutauschen.“

Grünes Gas zu wertvoll

Der Gas-Verband-Chef Michael Mock kann nicht nachvollziehen, warum grünes Gas keine wichtigere Rolle im Bereich der Raumwärme spielen soll. Im noch nicht im Detail bekannt gegebenen Fahrplan des Umweltministeriums spielt das Thema eine Rolle. Der Wunsch des Fachverbandes, mit anderen Alternativen Energien gleichgestellt zu werden, blieb bisher unerhört. Mock hält die Regierungspläne jedenfalls für eine „Herkulesaufgabe“, angesichts der Systemumstellung „ist das ja schon morgen“, sagt er. Seine Skepsis bringt er schlussendlich so auf den Punkt: „Wir glauben nicht, dass mit diesem Stufenplan tatsächlich ein Schlussstrich unter das Thema Gasheizung gezogen werden kann.“

Im Klimaschutzminsterium ist die Sicht naturgemäß eine etwas andere. Biogas und grüner Wasserstoff seien schlicht zu wertvoll, um es in Haushalten zu verheizen, wenn auch gleichzeitig die Industrie diese Energieträger in großen Mengen dringend brauche. In Städten soll Fotovoltaik eine sehr zentrale Rolle spielen.

Neue Fördertöpfe

Die ersten Schritte im großen Wandlungsprozess werden mit Förderungen angeheizt. Wer eine Immobilie sanieren und auch gleich eine modernste Heizung einbauen will, kann heuer und 2022 aus einem gerade mit 650 Millionen Euro aufgefüllten Fördertopf schöpfen, zusätzlich gibt es 100 Millionen Euro Förderung für einkommensschwächere Haushalte für den Ausstieg aus alten Öl- oder sogar Kohleheizungen.

Grundsätzlich soll durch das Enerneuerbaren-Ausbau-Gesetz etwa eine Milliarde Euro für die Förderung von Ökostrom-Umstellungen in den Bereichen, Sonne, Wind, Wasser und Biomasse fließen, wobei die tragende Säule die Fotovoltaik wird. Große Erwartungen hat man an die Energiegemeinschaften, in denen man sozusagen Strom untereinander beziehen kann. In Wien sind Fotovoltaik-Anlagen bei Neubauten inzwischen verpflichtend.

Umbau in Städten machbar

Passiert das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz das Parlament, könnte es noch im Sommer in Kraft treten. Die bisher getrennte Förderung von Investitionen auf der einen Seite und etwa Tarifförderungen beim Ökostrom mit Einspeisetarifen sollen laut Klimaministerium zusammengeführt und damit transparenter werden.

Dass man heute tatsächlich auch schon in einer Stadtwohnung relativ problemlos auf eine nicht fossile Heizung umstellen kann, wenn man will, zeigt das Beispiel des langjährigen Verbund-Chefs Wolfgang Anzengruber. Der hat sich auf seine Terrasse eine Wärmepumpe installieren lassen, die eine Fußbodenheizung speist. Das ist übrigens nicht sein erstes privates Dekarbonisierungs-Projekt. In seinem Einfamilienhaus in Salzburg kommt die Wärme aus einer Tiefenbohrung.