Allgemein

„Kehre ich zurück, bin ich so gut wie tot“

25.04.2021 • 06:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Bei einem privaten Treffen präsentierte der 30-jährige Afghane seine Kochkünste. Arbeiten darf er derzeit nicht. <span class="copyright">hartinger</span>
Bei einem privaten Treffen präsentierte der 30-jährige Afghane seine Kochkünste. Arbeiten darf er derzeit nicht. hartinger

Afghanischer Koch soll abgeschoben werden.

Semiwola Achonzada lebt in Angst und Ungewissheit. Seit September muss der 30-jährige jeden Moment damit rechnen, dass die Fremdenpolizei kommt und ihn aus Feldkirch nach Afghanistan abschiebt. In ein Land, in dem es noch immer keinen stabilen und dauerhaften Waffenstillstand zwischen den radikalislamistischen Taliban und der afghanischen Regierung gibt. In ein Land, in dem Taliban-Kämpfer weite Teile des ruralen Raums kontrollieren und auch der IS wieder an Stärke gewinnt. In ein Land, in dem nach Angaben der UN-Hilfsmission allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres über 500 Zivilisten getötet und rund 1200 verletzt wurden. In ein Land, aus dem der Tadschike sunnitischen Glaubens flüchtete, weil ihn Taliban-Kämpfer dazu zwingen wollten, eine Waffe in die Hand zu nehmen und mit ihnen in den „Heiligen Krieg“ zu ziehen.

Auf keinen Fall, sagt der Afghane in ruhigem und nachdenklichem Ton, auf keinen Fall wolle er dorthin zurück. „Wenn ich das tue, bin ich so gut wie tot.“
Im Alter von 24 Jahren hat Semiwola Achonzada sein Dorf in der Provinz Laghman an der Grenze zu Pakistan verlassen. Seit sechs Jahren lebt er nun schon in Vorarlberg. 2018 begann er, in der Gastronomie zu arbeiten, mauserte sich vom einfachen Küchengehilfen zum Chefkoch, war nicht mehr auf Leistungen aus der Grundversorgung angewiesen, konnte sich eine eigene Wohnung leis­ten, besuchte Deutschkurse und spielte in seiner Freizeit mit Freunden Fußball.
Semiwola Achonzada war zufrieden mit seinem Leben, alles schien sich zum Guten zu wenden – bis im September 2020 sein Asylantrag in zweiter Instanz abgewiesen wurde.

Semiwola Achonzada (r.) und sein ehemaliger Arbeitgeber Wais Zamani (Mitte) im NEUE-Gespräch. <span class="copyright">Hartinger</span>
Semiwola Achonzada (r.) und sein ehemaliger Arbeitgeber Wais Zamani (Mitte) im NEUE-Gespräch. Hartinger

Sowohl das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) als auch das Bundesverwaltungsgericht (BVwG) zogen die Fluchtgeschichte des Afghanen in Zweifel. Es lasse sich nicht feststellen, dass „der Beschwerdeführer vor seiner Ausreise einer konkreten individuellen Verfolgung durch Taliban beziehungsweise ähnliche (regierungsfeindliche) Gruppierungen ausgesetzt war oder im Falle seiner Rückkehr nach Afghanistan mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit einer solchen ausgesetzt wäre“. Die Höchstrichter gehen zwar davon aus, dass dem Afghanen bei seiner Rückkehr in seine – von den Taliban kontrollierte – Heimatprovinz Laghman „eine ernstzunehmende Gefahr für Leib und Leben drohen würde“, halten jedoch innerstaatliche Fluchtalternativen für zumutbar. Damit ist der 30-Jährige weder asyl- noch subsidiär schutzberechtigt. Eine Revision wurde zurückgewiesen.

Flüchtlingsheim statt Wohnung

Der tüchtige und bestens integrierte Afghane darf seit September nicht mehr arbeiten und wohnt mittlerweile in einem Flüchtlingsheim der Caritas, wo er seiner Abschiebung entgegenbangt. Sein ehemaliger Arbeitgeber Wais Zamani, der 2017 das afghanisch-indische Restaurant Taj Mahal in Bludenz eröffnete und Anfang 2020 nach Feldkirch expandierte, weiß im Moment nicht, ob er den Betrieb noch aufrechterhalten kann. „Mein Lokal in Feldkirch hat sich in kurzer Zeit bestens etabliert und ist sehr gut besucht. Das ist im Wesentlichen auf Semiwolas Kochkünste zurückzuführen. Köche mit derartigen Kenntnissen sind praktisch nicht zu finden.“ Weil sein bester Mann jetzt nicht mehr arbeiten darf, bleibt dem Wirt nichts anderes übrig, als seine beiden Lokale am Mittag zugesperrt zu lassen. Auch Zamanis Frau kann derzeit nicht einspringen, da sie erst vor Kurzem ein Kind bekommen hat.

<span class="copyright">Hartinger</span>
Hartinger

Rechtsanwalt Sanjay Doshi, der sowohl Zamani als auch dessen ehemaligen Koch vertritt, findet kritische Worte: „Die Entscheidung der Gerichte ist nicht nur unmenschlich, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen ein Unsinn. Hier wird mitten in der Corona-Krise ein ganzer Betrieb an den Rand des Ruins getrieben.“

Sanjay Doshi, Rechtsanwalt<span class="copyright"> Hartinger</span>
Sanjay Doshi, Rechtsanwalt Hartinger

„Die Entscheidung ist unmenschlich. Zudem wird mitten in der Corona-Krise ein Betrieb an den Rand des Ruins getrieben.”

Sanjay Doshi, Rechtsanwalt

Situation “Kafkaesk”

Weil Koch in Vorarl­berg ein Mangelberuf ist, darf der Afghane noch auf die Rot-Weiß-Rot-Card, sprich einen befristeten Aufenthaltstitel hoffen. Laut Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz (NAG) darf er diesen aber nicht in Österreich beantragen. Er müsste zunächst nach Afghanistan reisen, ein Visum für Pakistan beantragen, um bei der österreichischen Botschaft in Islamabad einen Antrag zu stellen, über den schließlich ein BH-Beamter in Feldkirch entscheidet. Doshi bezeichnet dies als „abwegig“ und „kafkaesk“. Er hat deshalb bereits im Dezember einen Duldungsantrag beim BFA eingebracht. Geht dieser durch, könnte sein Mandant die Rot-Weiß-Rot-Card von hier aus beantragen. Die Chancen dafür stehen aber schlecht.

„Es ist gefährlich dort“

Der Vorarlberger Politologe und Experte für politischen Islam, Thomas Schmidinger, kennt die derzeitige Situation in der afghanischen Provinz Laghman. „Es ist tatsächlich eine jener Provinzen, in denen die Taliban sehr viel Einfluss haben. Sie kontrollieren nicht die ganze Provinz aber weite Teile davon. Und auch dort, wo sie das Gebiet nicht kontrollieren, gibt es immer wieder Anschläge, etwa auf Sicherheitskräfte.“ Die Angst des afghanischen Flüchtlings sei jedenfalls nicht unbegründet, meint der NEUE-Gastkommentator. „Vor allem, wenn er sich länger dort aufhalten muss.“ Laut Schmidinger könnte auch Gefahr von Kriminellen drohen.

Der Nahost-Experte sieht auch keine sichere innerstaatliche Fluchtalternative, denn auch Kabul sei „extrem gefährlich“. Diese Meinung teilt neben mehrere EU-Staaten auch das österreichische Außenministerium. Lediglich das österreichische Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl sehe das anders, so ­Schmidinger.
Wie sich der bevorstehende Abzug der US- und Nato-Truppen auf die Situation in Afghanistan auswirken wird, sei schwer zu sagen. „Einerseits könnte das die Regierung schwächen und den Taliban, aber auch dem IS nützen. Andererseits könnte es auch dazu führen, dass sich die Taliban an einer rein afghanischen Regierung beteiligen. Dies würde aber natürlich bedeuten, dass einige schwer verdauliche Kompromisse eingegangen werden müssten.“

Thomas Schmidinger <span class="copyright">NEUE</span>
Thomas Schmidinger NEUE

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.