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Besonderer Ort für besondere Menschen

26.04.2021 • 06:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe ist für alle Seiten eine Bereicherung.<span class="copyright">Hartinger</span>
Die Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe ist für alle Seiten eine Bereicherung.Hartinger

Der Bauernhof ist ein wichtiger Ort für Menschen mit Behinderungen.

Magdalena Löscher bringt drei Jobs unter einen Hut und strahlt dabei noch jede Menge gute Laune aus: Sie ist Mutter von zwei kleinen Mädchen, arbeitet Teilzeit bei der Offenen Jugendarbeit und ist Landwirtin. Da es auf dem Bauernhof, auf dem 50 Stück Jungvieh, 33 Milchkühe, 14 Pferde, drei Ziegen und vier Katzen leben, naturgemäß immer einiges zu tun gibt, sind viele helfende Hände notwendig. Glücklicherweise ist der Familien­zusammenhalt groß.
„Vier Generationen leben auf dem Hof und alle helfen fest mit“, sagt Magdalena Löscher stolz. Selbst die 88-jährige Oma Martina Borg packt immer noch tatkräftig mit an.

Aber nicht nur die Bauernfamilie arbeitet auf dem Hof, auch für einige Beschäftigte der Lebenshilfe-Werkstätte in Fras­tanz ist der landwirtschaftliche Betrieb im Nenzinger Ortsteil Beschling ein ganz besonderer Arbeitsplatz. Zwei Mal in der Woche kommen sie gemeinsam mit Raphael Michler, dem Begleiter der Lebenshilfe, hierher und erledigen anfallende Aufgaben, wie das Füttern der Tiere und Ausmisten der Ställe, sie helfen bei Gartenarbeiten oder bringen die Tiere auf die Weide.

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Hartinger

Ein besonderes Highlight für sie ist es, wenn sie nach der Arbeit mit dem Landwirt eine Runde auf dem Traktor oder Stapler mitfahren dürfen. „Das Schöne hier ist, dass wir Kontakt zu allen Familienmitgliedern haben. Für die Beschäftigten der Werkstätte Frastanz ist die Zeit auf dem Hof aber auch persönlichkeitsfördernd, sie erfahren hier Teilhabe und Anerkennung für ihre Tätigkeit“, betont Michler. Besonders wichtig ist für ihn, dass alle ihre Arbeit erledigen können, ohne dabei Druck zu verspüren: „Wir kommen hierher und machen das, was wir schaffen können.“

Tiergestützte Intervention

Die Teilnahme am Projekt auf dem Bauernhof von Familie Borg/Löscher soll prinzipiell für alle möglich sein, so nehmen auch Beschäftigte der Werkstätte Frastanz mit hohem Unterstützungsbedarf teil. „Jeder und jede macht das, was im Rahmen der eigenen Mobilität möglich ist, wie zum Beispiel Streicheln und Füttern der Tiere. Das Zusammensein mit den Tieren tut ihnen einfach gut“, erklärt Löscher.

Die Familie von Magdalena Löscher auf ihrem Anwesen in Nenzing. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Familie von Magdalena Löscher auf ihrem Anwesen in Nenzing. Hartinger

Die 34-Jährige ist auf dem Bauernhof aufgewachsen und studierte nach der Schulausbildung Soziale Arbeit. Schon früh war der Powerfrau klar, dass sie die Landwirtschaft der Eltern mit sozialen Komponenten kombinieren möchte. Die Sozial­arbeiterin absolvierte aus diesem Grund Ausbildungen im Bereich Tiergestützte Intervention (TGI) und Reitpädagogik und startete 2017 die Kooperation mit der Lebenshilfe Vorarlberg. „Ich bin die Einzige in Vorarlberg, die vom Österreichischen Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung TGI-zertifiziert ist und das derzeit aktiv anbietet“, erklärt die Landwirtin. Um die Qualität der Angebote zu gewährleisten, durchläuft der Betrieb derzeit den Greencare-Zertifizierungsprozess.

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Kühe vermitteln Ruhe

Im Rahmen der Tiergestützten Intervention können landwirtschaftliche Nutztiere am Bauernhof gezielt für pädagogische, therapeutische oder soziale Zwecke bei unterschiedlichen Zielgruppen eingesetzt werden. „Die Tiere müssen gewisse Charaktereigenschaften mitbringen. Den Rest übe ich mit ihnen. Wichtig ist, dass die Tiere alles freiwillig machen und zu nichts gezwungen werden“, betont die 34-Jährige.

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Auf ihrem Hof sind derzeit fünf Pferde, ein Kalb, eine Kuh sowie zwei Ziegen für die Arbeit im Rahmen von TGI geprüft. „Am liebsten arbeite ich mit Kühen, denn sie sind sehr geduldig und vermitteln viel Ruhe“, erzählt sie. Die Intervention mit Tieren ist für Menschen jeden Alters, mit oder ohne Beeinträchtigungen geeignet. Sie wird beispielsweise bei psychischen Erkrankungen, Verhaltensauffälligkeiten, beim Abbau von Ängsten, Lernschwierigkeiten oder mangelndem Selbstwertgefühl eingesetzt. „Wir putzen und streicheln die Tiere oder gehen mit ihnen spazieren. Manche Menschen sind zu Beginn noch ängstlich, dann beobachten sie die Tiere zunächst einfach. Gerade das Herdenverhalten bei Rindern und Pferden ist sehr spannend und aufschlussreich. Der Kontakt mit Tieren bewirkt sehr viel“, sagt Löscher.

Exklusive Rinder

Noch führen die Eltern Sonja und Christoph Borg den Hof. Eine Übernahme durch die Tochter und deren Mann ist für die nächsten Jahre allerdings fix geplant. Christoph Borg ist, genau wie sein Vater, der den Hof aufgebaut hatte, leidenschaftlicher Pferde- und Rinderzüchter. Neben Norikern, Brown-Swiss-, Holstein- und Jersey-Rindern werden seit Kurzem auch Wagyu-Rinder gezüchtet werden. Wagyu ist eine Rinderrasse japanischen Ursprungs und gilt als das teuerste und exklusivste Rindfleisch der Welt.

Die Tiergestützte Intervention wird unter anderem für pädagogische Zwecke eingesetzt. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Tiergestützte Intervention wird unter anderem für pädagogische Zwecke eingesetzt. Hartinger

Magdalena und Christian Löscher möchten die Rinder- und Pferdezucht sowie die Milchwirtschaft weiterhin betreiben, aber den Fokus noch mehr auf die Tiergestützten Interventionen und die Reitpädagogik legen. Um künftig auch wetterunabhängig Aktivitäten mit Tieren anbieten zu können, ist der Bau einer Reit- und Bewegungshalle geplant. „Die sozialen Angebote auf dem Hof, sie sind unsere Zukunft“, ist sich Magdalena Löscher sicher.

Bauernhof „Tier-Isch-Guat“,

Familie Borg/Löscher

Bewirtschaftete Fläche: 40 Hektar, davon 12 Hektar im eigenen Besitz

Tiergestützte Intervention, Reitpädagogik, Milchwirtschaft sowie Pferde- und Rinderzucht

Brüelweg 11, Nenzing Beschling

Tel. 0664 4652645

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