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Lage am Arbeitsmarkt ist dramatisch

29.04.2021 • 21:30 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
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Der Tag der Arbeitslosigkeit steht heuer unter keinem guten Stern.

Ehrlich gesagt. Mir nimmt es manchmal die Luft, wenn ich sehe, was das mit den Menschen macht. Die Mischung aus Langzeitarbeitslosigkeit und Alter ist ein verdammter Hund“, formuliert Harald Panzenböck, Leiter Kaplan Bonetti Arbeitsprojekte, drastisch. Menschen, die Anfang 50 sind und länger arbeitslos, haben es am Arbeitsmarkt besonders schwer. Und das nicht erst seit Corona. „Kaum jemand in diesem Alter wird überhaupt noch zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Die Situation ist bedrückend“, so Panzenböck. Er appelliert an die Unternehmen, aber auch an die Industriellenvereinigung und die Wirtschaftskammer: „Da muss ein Umdenken stattfinden. Mit 50 gehört man nicht zum alten Eisen.“

Zweiter Arbeitsmarkt

Der sogenannte zweite Arbeitsmarkt soll Langzeitarbeitslose wieder an den ersten Arbeitsmarkt heranführen. „Da haben wir alle und ganz besonders die Wirtschaft und die Betriebe eine soziale Verantwortung, der man sich nicht entziehen kann.“ Soziale Unternehmen sind in Sachen Alter und Langzeitarbeitslose die Spezialisten. Man begleitet die Menschen, man befähige und stabilisiere sie. In Zeiten von Perspektivlosigkeit übernehmen solche Einrichtungen wichtige Aufgaben. Denn das alles derzeit hinterlässt Spuren. „Derzeit sind bei uns rund 1000 Personen pro Jahr temporär in Beschäftigungsprojekten. Arbeit plus kann bei entsprechender Unterstützung durch die Fördergeber diese Angebote für viele weitere Personen ausbauen“, so ­Benedicte Hämmerle, Geschäftsführerin des Verbandes arbeit plus.

Harald Panzenböck, Leiter Kaplan Bonetti Arbeitsprojekte, Werkstatt-Situation. <span class="copyright">SAMS</span>
Harald Panzenböck, Leiter Kaplan Bonetti Arbeitsprojekte, Werkstatt-Situation. SAMS

Arbeit bedeutet Existenz

Arbeitsmarktpolitik ist auch Gesundheitspolitik. Davon ist Philipp Kloimstein, Primar und ärztlicher Leiter der Stiftung Maria Ebene, überzeugt: „Es geht darum, dass man erkennt, was ist Arbeit für uns? Und infolgedessen: Was macht Arbeitslosigkeit mit den Menschen?“ Arbeit ist laut Kloimstein die Grundlage unserer Existenz, nicht nur materiell, sondern psychisch. „Die Utopie der sozialen Hängematte gibt es nicht. Wir bekommen das von manchen politischen Vertretern pointiert präsentiert. Die ist einfach nur stigmatisierend und spaltend. Und Spaltung können wir nicht brauchen.“

Arbeitsmarktservice

3428 der als arbeitslos Vorgemerkten gelten als langzeitbeschäftigungslos, das bedeutet, dass sie bereits seit mehr als einem Jahr dort gemeldet sind. Zwei Drittel von ihnen sind über 45 Jahre alt. „Es darf doch nicht sein, dass die Dauer der Arbeitslosigkeit darüber entscheidet, ob Personen zum Bewerbungsgespräch eingeladen werden oder nicht. Wer die Betroffenen einfach nur als „faul“ oder „unwillig“ abtut, betrachtet das Problem nicht differenziert genug“, unterstreicht AMS-Landesgeschäftsführer Bernhard Bereuter.

Primar Philipp Kloimstein, Leiter der Stiftung Maria Ebene. <span class="copyright">SAMS</span>
Primar Philipp Kloimstein, Leiter der Stiftung Maria Ebene. SAMS

Psychische Probleme

Die Pandemie hat vielen Perspektiven geraubt. Und wenn man dazu noch seinen Arbeitsplatz verliert, dann habe man oft gar nichts mehr, an dem man sich orientieren kann. Der Primar der Stiftung Maria Ebene sieht das derzeit vor allem auch in seinem Arbeitsalltag. „Wir haben viele Menschen aus der Gastronomie in Behandlung.“ Nach einem halben Jahr ohne Rhythmus, ohne Tätigkeit und Takt ist vielen der Boden unter den Füßen weggebrochen. Schon in den 30er-Jahren gab es eine soziokulturelle Studie zum Thema Langzeitarbeitslosigkeit und deren Auswirkung auf die Menschen. „Die Arbeitslosen von Marienthal“. Ursprünglich gab es die Annahme, dass das vielleicht zu einer Revolution oder zum Aufstand führen könnte. „Man hat sehr schnell gesehen, dass es nicht die Revolution ist. Sondern die Resignation. Und die Resignation ist oft eine Vorstufe zur Depression“, wie der Psychiater ausführt.

Man muss laut Kloimstein gar nicht so weit zurückschauen. Die Finanzkrise 2008 und die Folgejahre haben auch ihre Spuren hinterlassen. Österreich, Deutschland und die Schweiz sind glimpflich davongekommen. „Vor allem, weil wir ein gutes Gesundheitswesen und Sozialsystem haben. Und wir hatten nicht diese massiven Arbeitslosenzahlen wie in Südeuropa, speziell in Griechenland.“ In Griechenland gab es einen Anstieg der Suizidrate um bis zu 50 Prozent, betont Kloimstein. „Das kommt nicht gleich, sondern zeitversetzt. Zwei bis vier Jahre später.“

Langzeitarbeitslosigkeit

Ulrike Peter (60) war in den letzten Jahren immer wieder auf der Suche nach Arbeit. Begonnen hat alles vor beinahe 20 Jahren. „2005 bin ich zum ersten Mal arbeitslos geworden. Das ging dann 19 Monate. Es folgten starke Depressionen, die ich versucht habe, im Alkohol zu ertränken. Das ist natürlich nicht gut gegangen. Ich bin in ein tiefes Loch gefallen“. Sie hat dann den Absprung geschafft, war kurzfristig wieder beschäftigt. Dort war sie aber nicht lange. Es folgte eine Phase mit kurzfristigen Beschäftigungen und dazwischen war sie immer wieder arbeitslos.

Ulrike Peter war lange Zeit arbeitslos und geht am 1. Mai in Pension. <span class="copyright">SAMS</span>
Ulrike Peter war lange Zeit arbeitslos und geht am 1. Mai in Pension. SAMS

„Irgendwann bin ich dann zur Caritas gekommen. Da habe ich mir gedacht: So, jetzt bist du ganz unten angekommen.“ Irgendjemand hat ihr dann den Tipp gegeben, alles anzunehmen, was auf sie zukomme. Und das ohne Wenn und Aber. Dann könne es wieder bergauf gehen. Gesagt. Getan. „Und nach drei Monaten bin ich aufgeblüht. Mein Chef hat mich nicht wiedererkannt. Und es ging mir von Tag zu Tag wieder besser. Und das war schlicht und einfach deshalb, weil ich wieder arbeiten durfte.“ Dann folgten einige Jahre mit Unterbrechung beim Kaplan-Bonetti-Arbeitsprojekt.

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Ulrike Peter hat alles Mögliche gelernt und gemacht. Sie war im Gastgewerbe, in der Textil- und Metallbranche und die letzten Jahre dann in diversen Arbeitsprojekten. Unter anderem war sie dann auch im Rahmen der Aktion 20.000 vom AMS tätig. „Und jetzt zum Schluss war ich nochmal zehn Monate hier. Und, morgen, am 1. Mai, gehe ich in Pension. Ein ganz besonderer Tag der Arbeit für mich, denn es der der erste Tag ohne Arbeit“, lacht Frau Peter hinter der Maske. Sie hätte gerne noch länger gearbeitet. Aber sie hat Probleme mit den Bandscheiben und der Nackenmuskulatur.