Allgemein

Flugzeug MH370: Pilot wird belastet

07.05.2021 • 16:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Zwei Suchaktionen, eine koordiniert von Australien, die andere von Malaysia, konnten die Boeing, die am 8. März 2014 mit 239 Menschen auf dem Flug von Kuala Lumpur nach Peking verschwunden ist, nicht auffinden
Zwei Suchaktionen, eine koordiniert von Australien, die andere von Malaysia, konnten die Boeing, die am 8. März 2014 mit 239 Menschen auf dem Flug von Kuala Lumpur nach Peking verschwunden ist, nicht auffinden APA/AFP/WANG ZHAO

Jahrelang wurde im Indischen Ozean nach dem vermissten Flugzeug gesucht.

Das Verschwinden der Malaysia-Airlines-Maschine MH370 ist eines der größten Rätsel der Fluggeschichte. Zwei Suchaktionen, eine koordiniert von Australien, die andere von Malaysia, konnten die Boeing, die am 8. März 2014 mit 239 Menschen auf dem Flug von Kuala Lumpur nach Peking verschwunden ist, nicht auffinden. Wrackteile, die auf den Inseln La Réunion und Madagaskar sowie an der afrikanischen Küste anspülten, deuten jedoch darauf hin, dass der Flieger im südlichen Indischen Ozean vor Australien abstürzte.

Zahlreiche Theorien wurden bereits um das Verschwinden gesponnen. Immer wieder geriet dabei auch der Pilot, der 53-jährige Flugkapitän Zaharie Ahmad Shah, ins Visier der Ermittler. Eine neue Studie belastet den Piloten nun erneut. Denn sie zeigt auf, dass das Flugzeug eine Reihe bewusster Flugmanöver zurücklegte, die nur mit einem Piloten am Steuer möglich waren.

Unsichtbare “elektronische Stolperdrähte”

Der Luft- und Raumfahrtingenieur Richard Godfrey, ein Mitglied der sogenannten Independent Group of Scientists, die gegründet wurde, um das Rätsel um MH370 zu lösen, konnte die neuen Erkenntnisse nach einer Analyse von Funksignalen präsentieren. Die als WSPR („Weak Signal Propagation Reporter“) bekannten Signale erstrecken sich über den Globus. Im Interview mit dem australischen Sender ABC verglich der Experte sie mit unsichtbaren „elektronischen Stolperdrähten“, die ausgelöst werden, wenn Flugzeuge sie kreuzen. Diese Daten können neben denjenigen des britischen Inmarsat-Satelliten genutzt werden, um die letzte Strecke des Flugzeuges nachzuvollziehen.

Für seine Studie entwickelte Godfrey ein eigenes Luftfahrt-Tracking-System namens GDTAAA (Global Detection and Tracking Any Aircraft Anywhere Anytime), mit dessen Hilfe er die WSPR-Signale für den Zeitraum im März 2014 alle zwei Minuten analysierte. Damit kam Godfrey ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Boeing 777 um den südlichen Breitengrad 34,5 abgestürzt ist – etwas, das sich mit früheren Suchaktionen nach dem Flugzeug deckt. Doch laut Godfrey war die Flugbahn bis zur vermutlichen Absturzstelle „signifikant anders“ als bisher gedacht.

Mehrmals die Richtung gewechselt

So kam Godfrey zu dem Ergebnis, dass derjenige, der das Flugzeug steuerte, zahlreiche Kurven geflogen ist und zudem die Geschwindigkeit geändert hat. Auf diese Weise vermied er kommerzielle Flugrouten und hinterließ auf inoffiziellen Routen „falsche Spuren“. So sei er auf inoffiziellen Flugrouten in der Malacca-Straße, um Sumatra und über den südlichen Indischen Ozean geflogen, wie Godfrey sagte. „Die Flugroute folgt der Küste von Sumatra und er flog nah am Flughafen von Banda Aceh vorbei.” Der Pilot habe anscheinend gewusst, dass der dortige Radar nachts und am Wochenende nicht in Betrieb sein würde.

Um seine Spuren zu „verwischen“, habe er mehrmals die Richtung gewechselt. Einmal sei er in Richtung der indischen Andamanen, dann in Richtung Südafrika, nach Java und in Richtung der Kokosinseln geflogen. Sobald er dann außerhalb der Flugrouten jeglicher anderer Flugzeuge gewesen sei, habe der Pilot den Kurs geändert und sei in Richtung Süden geflogen. „Die Flugroute scheint sorgfältig geplant gewesen zu sein“, sagte Godfrey. Dies wiederum lasse den Rückschluss zu, dass ein Pilot das Flugzeug gesteuert habe.

Selbstmord, der zum Massenmord führte?

Dies rückt erneut die Selbstmord-Theorie des Piloten ins Rampenlicht, die seit dem Unglück immer wieder diskutiert wurde. Erst im Februar 2020 sagte der frühere australische Premierminister Tony Abbott in einer Dokumentation des Senders Sky News, er habe „früh“ von malaysischen Beamten erfahren, dass der Pilot wahrscheinlich Selbstmord und damit einen Massenmord begangen habe. „Mein Verständnis – mein sehr klares Verständnis – von den obersten Ebenen der malaysischen Regierung ist, dass sie von Anfang an dachten, es sei ein Selbstmord und damit Mord durch den Piloten“, sagte Abbott damals.

Die Aussagen Abbotts widersprachen damit ganz deutlich dem Abschlussbericht der malaysischen Behörden. Dort hatte es geheißen, dass Kapitän Zaharie Ahmed Shah wahrscheinlich nicht für das Verschwinden verantwortlich sei. Kritiker hatten zuvor schon behauptet, dass es der malaysischen Regierung daran gelegen sei, die Mord-Selbstmord-Theorie zu vertuschen, um ihr Gesicht zu wahren. Malaysia Airlines gehört dem Staat und ist kein Privatunternehmen.

Teilweise absurde Theorien

Das Verschwinden von MH370 gilt als das größte Rätsel der Luftfahrt. Mehr als 100 Bücher wurden bereits über das Flugzeugunglück geschrieben. Etliche Bücher propagieren teils absurde Verschwörungstheorien. Eine solche beschreibt beispielsweise, wie der Pilot die Passagiere ermordet und sich selbst per Fallschirm abgesetzt haben könnte. „Die Angehörigen der Passagiere von MH370 werden durch die endlosen Spekulationen, die hauptsächlich von britischen Boulevardblättern und Webseiten angeheizt werden, traumatisiert“, schrieb der Flugexperte Geoffrey Thomas einst auf Airlineratings.com. Neben vielen bizarren Theorien gibt es jedoch auch mehrere plausiblere Szenarien. Darunter sind neben dem Piloten-Selbstmord eine Flugzeugentführung, ein Feuer, eine Rauchentwicklung oder ein Sauerstoffmangel, der von einem technischen Fehler ausgelöst wurde.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.