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Von „rosa“ bis „gechillt“ – Sprache will gelernt sein

08.05.2021 • 16:04 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne
in der Neue am Sonntag.

Das erste Wort meiner älteren Tochter war „rosa“. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass wir zu meinem Leidwesen anno dazumal direkt neben einem „Hello Kitty“-Shop gewohnt haben. Meine Mädels sind täglich begeistert vor dessen Auslage gestanden. Kleine, vermenschlichte Katzenbabys haben dort zwischen Rosa und Lila gesessen und meine Kids mit großen Kulleraugen verführt. Das hat meine Tochter so beeindruckt, dass daraus gleich einmal ihre erste, für sie wichtige Verbalisierung entstanden ist. Für mich, wie ich tunlichst vermieden habe, meine Mädchen in eine dieser Farbschubladen zu stecken, ein Schock. Ich habe versucht, entgegenzusteuern, indem ich ihr das weite Spektrum der Farbgewalten näherbringen wollte. Das hat damit geendet, dass jeder Buntstift nicht „Stift“ hieß, sondern „Rot“ – unabhängig von dessen Farbe.

Meine jüngere Tochter hatte sich überhaupt verweigert, an unserer Sprache teilzunehmen. Sie hat sich entschlossen, einfach ihre eigene zu entwickeln. Ihre selbst kreierten Wörter hatten etwas sehr Lautmalerisches und durchaus Nachvollziehbares. Jedenfalls hätte „gulugulu“ als Bezeichnung für „etwas vermengen, etwas umrühren“ einen Platz im Duden verdient.
Inzwischen sind beide natürlich schon längst mit unserer Sprache und deren Verwendung vertraut. Nun, knapp elf Jahre nach der ersten Modulation von Wörtern versuchen sie herauszufinden, wann und mit welcher Tonlage welche Phrasen am besten zum Einsatz kommen und vor allem: Was geht, ohne dass Mutters Stirn sich runzelt und ein abendliches Fernsehverbot droht. Da wird nun jede Tonlage und jedes aufgeschnappte Unwort mehr oder weniger feinfühlig an meinem Nervenkostüm getestet. War bis dato die Phase der Aneignung eines Wortschatzes, geht es jetzt darum, diesen auch respektvoll, passend, mit Bedacht und der Situation angepasst einzusetzen.

Ein Beispiel: „Chill amol!“ gehört zur Umgangssprache meiner Kids und ihrer Freudinnen. In entspannter, launiger Atmosphäre während eines gemeinsamen Spieleabends, darf dieses „Chill amol!“ durchaus auch an mich gerichtet sein. Dann lachen wir gemeinsam darüber. Geht es aber darum, dass ich verärgert feststelle, dass die Teenie-Zimmer seit Tagen eher dem Komposthaufen im Garten ähneln als einer gemütlichen Aufenthaltsmöglichkeit, ist „Chill amol!“ mir gegenüber aus dem Munde meiner Töchter äußerst unangebracht. Das lernen sie jetzt, und das erfordert viel Geduld von mir. Dann erinnere ich mich, während ich den Kaffee in meiner Tasse guluguluge, an die Zeiten, in denen alles noch niedlich rosa war und versuche, meine Base dabei zu chillen.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.