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Nebenwirkungen von AstraZeneca erkennen

09.05.2021 • 22:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Zwei Neurologen klären auf, worauf nach der Impfung zu achten ist.


Was ist eine Sinusvenenthrombose? Was passiert im Körper?
Benjamin Matosevic: Es kommt in jenen venösen Blutgefäßen, die das Blut vom Kopf bzw. Gehirn in Richtung Herz fließen lassen, zu einer Thrombose. Diese sogenannten Sinusvenen werden dadurch verstopft, sodass das Blut nicht mehr abfließen kann. Das wiederum führt zu einem Rückstau des Blutes im Kopf und in der Folge zu Kopfschmerzen und neurologischen Ausfällen.

Was ist unter neurologischen Ausfällen zu verstehen?
Matosevic:
Je nachdem, wo die Thrombose auftritt, kann es zu neurologischen Ausfällen wie Sehstörungen, Gefühlsstörungen oder Lähmungserscheinungen, häufig auch zu epileptischen Anfällen kommen.

Viele Menschen leiden unter Kopfschmerzen. Wann sind die Anzeichen jedoch alarmierend für eine Sinus-Hirnvenenthrombose?
Philipp Werner:
Der Schmerzbeginn ist in der Regel schleichend. Anfangs kann der Schmerz lokal sein, zumeist ist er aber im ganzen Kopf. Ein wichtiger Hinweis ist, dass der Kopfschmerz durchgehend vorhanden ist, sprich auch in der Nacht nicht nachlässt. Bei den weit verbreiteten Spannungskopfschmerzen gehen die Kopfschmerzen beispielsweise nach dem Einschlafen weg und kommen eventuell am nächsten Tag wieder. Im Falle einer Sinusvenenthrombose gibt es aber keine Pausen. Außerdem ist dieser durchgehende Kopfschmerz mit Schmerzmedikamenten kaum bis nicht in den Griff zu bekommen.

Dr. Benjamin Matosevic ist bereichsleitender Oberarzt der Notfallaufnahme der Akutneurologie am LKH Feldkirch. <span class="copyright">Privat</span>
Dr. Benjamin Matosevic ist bereichsleitender Oberarzt der Notfallaufnahme der Akutneurologie am LKH Feldkirch. Privat

Ist eine Sinusvenenthrombose behandelbar?
Matosevic:
Ja, sie ist behandelbar. Bei Sinusvenenthrombosen, verursacht durch Impfungen, muss allerdings eine andere Behandlung als bei den herkömmlichen Sinusvenenthrombosen angewendet werden. Denn es handelt sich dabei um eine spezielle Reaktion des Immunsys­tems, im Rahmen derer es zur Bildung von Antikörpern gegen die Blutplättchen kommt. Daher ist es notwendig, spezielle blutverdünnende Medikamente, die für die Blutplättchen verträglich sind, zu verabreichen und gleichzeitig mittels einer hochdosierten Immuntherapie den Teufelskreis dieser Autoimmunreaktion zu durchbrechen.

Werner: Zumal es unabhängig von etwaigen impfassoziierten Sinusvenenthrombosen bei uns in Vorarlberg jährlich zu etwa 35-40 Sinusvenenthrombosen kommt und wir mit dem Krankheitsbild absolut vertraut sind.

Besteht bei Frauen tatsächlich ein erhöhtes Risiko zu erkranken?
Werner:
Es ist richtig, dass es Risikofaktoren wie das weibliche Geschlecht, das Alter – es trifft eher jüngere Frauen – sowie die Einnahme der Pille und das Rauchen gibt.

Matosevic: Die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung ist bei Frauen vier Mal höher als bei Männern. Allerdings können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, warum dem so ist. Da gibt es noch zu wenig Literatur, und eine Aussage diesbezüglich wäre rein spekulativ.

Haben Personen mit höherem Thrombose-Risiko, wie zum Beispiel im Falle einer Faktor-V-Mutation, ein höheres Risiko einer Sinusvenenthrombose?
Werner:
Nein, haben sie nicht, weil es ein anderer Pathomechanismus ist. Da muss man klar unterscheiden.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit einer Sinusvenenthrombose nach einer Impfung mit AstraZeneca?
Matosevic:
In Großbritannien, wo großflächig mit AstraZeneca geimpft wurde, wurde eine Häufigkeit von 1:250.000 festgestellt. Sprich, würden alle 400.000 Vorarlberger mit AstraZeneca geimpft werden, hätten wir statistisch einen Fall. Das Risiko einer Thrombose durch eine Covid-Erkrankung ist um vieles höher.

Gab es denn schon einen Fall einer Sinusvenenthrombose nach einer Impfung in Vorarlberg?
Werner:
Nein, wir hatten noch keinen impfungsassoziierten Fall. Es gab zwei Verdachtsfälle, die haben sich aber nicht bestätigt.

Primar Dr. Philipp Werner ist Leiter der Neurologie am LKH Feldkirch und Rankweil. <span class="copyright">KHBG</span>
Primar Dr. Philipp Werner ist Leiter der Neurologie am LKH Feldkirch und Rankweil. KHBG

Gibt es medizinische Begründungen, warum Länder wie Dänemark oder Norwegen nicht mehr mit AstraZeneca impfen?
Matosevic:
Es ist, wie vom nationalen Impfgremium auch kommuniziert, eine Abwägung des Risikos. Wieviele Menschen sterben pro Woche an Covid und wie ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis zur Impfung? Das müssen die Politiker dann entscheiden.

Würden Sie sich mit AstraZeneca impfen lassen?
Werner:
Ja.

Matosevic: Ja, klar.

Gibt es auch Berichte über Sinusvenenthrombose bei anderen Impfstoffen?
Matosevic:
Bei den anderen Vektor-Impfstoffen wie Johnson und Johnson verhält es sich ähnlich. Bei Vektor-Impfstoffen ist das Risiko einer Sinus-Hirnvenenthrombose um fast zehnmal höher als bei den mRNA-Impfstoffen.

Sollte es zu einer Sinusvenenthrombose kommen, in welchem Zeitraum nach der Impfung würde sich das bemerkbar machen?
Werner:
Es wird von 4 bis 16 Tagen ausgegangen, wobei man sich nicht exakt darauf versteifen soll. Es ist wie bei einem Liter Milch, der ein Ablaufdatum hat. In der Regel kann man sich daran halten, aber es gibt natürlich auch vereinzelt Fälle, wo die Milch etwas früher oder etwas später abläuft. Es tritt definitiv nicht in den ersten beiden Tagen nach der Impfung auf, weil der autoimmune Prozess eine gewisse Zeit braucht, bis er in Gang kommt. Bekommt man am gleichen Tag noch Kopfweh, Gliederschmerzen oder Fieber, dann sind das ganz typische Impfreaktionen, aber keine Anzeichen einer Sinusvenenthrombose.

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