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Mobilitätszukunft – alles Rad oder was?

15.05.2021 • 12:20 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Matthias Fritz mit drei seiner fünf Räder.<br><span class="copyright">Hartinger</span>
Matthias Fritz mit drei seiner fünf Räder.
Hartinger

Interessensvertreter fordern Ausbau einer sicheren Infrastruktur.

Matthias Fritz ist überzeugter Radfahrer. Und das ohne Wenn und Aber. Sein Auto hat er vor ein paar Jahren verkauft und sich stattdessen einen Fahrradfuhrpark zugelegt. Das hat mehrere Gründe, wie Fritz erzählt. „Du kommst vor allem in der Stadt viel schneller von A nach B. Zudem fällt das lästige Parkplatzsuchen weg. Es ist für mich auch sportliche Betätigung. Auch der Umweltgedanke spielt für mich eine ganz wichtige Rolle. Das Autofahren ist einfach richtig schlecht in diesem Zusammenhang“, betont Fritz. Es gebe einfach zu wenig Platz auf der Straße für die Radfahrer. Das sei das Um und Auf. „Der Beherrscher der Straße ist immer noch das Auto. Und die meis­ten Autofahrer benehmen sich auch so. Das ist eine Tatsache. Ich empfinde das manchmal als Krieg, wie es da abgeht“, zeigt sich Fritz erbost. Dass das auch von den Radfahrern ausgehe, ist für Fritz ebenso eine Tatsache. „Aber die Radfahrer sind immer nur die zweiten Sieger im Falle einer Kollision. Die Abstände beim Überholen werden in den seltensten Fällen eingehalten. Da kommt es oft zu gefährlichen und bedrohlichen Situationen“, so Fritz.

Für Radfahrer ist es in der Stadt gefährlich. Vielradler Matthias Fritz ist auch mit Hund Lola unterwegs. <span class="copyright">Widerin</span>
Für Radfahrer ist es in der Stadt gefährlich. Vielradler Matthias Fritz ist auch mit Hund Lola unterwegs. Widerin

Radlobby

Veronika Rüdisser von der Radlobby Vorarlberg fordert in Sachen Sicherheit für die Radfahrer vor allem zwei Dinge: „Das ist einerseits einfach die Infrastruktur. Wir haben ja unmittelbar nach dem Winter das Problem, dass alles noch voll Kies ist.“ Zudem enden Radwege oft noch im Nirgendwo. „Und man findet sich dann als Radfahrerin im Mischverkehr, wo die Autos mit 60 Sachen und mehr unterwegs sind.“ Oder es gibt mitten am Radweg plötzlich eine Ampel oder sonstige Hindernisse. Das sind laut Rüdisser die kleinen alltäglichen Hindernisse, die das Leben für Radfahrer schwer machen. „Und das andere ist die Tatsache, dass die Radfahrer wenig Platz haben im Straßenverkehr und die Autos oft keinen Abstand halten.“ Bewusstseinsbildende Maßnahmen und Kampagnen sind da nach wie vor sehr wichtig, um darauf aufmerksam zu machen. „Gerade beim Überholen kommt es immer wieder zu brandgefährlichen Situationen.“ Rüdisser wünscht sich da auch mehr Initiativen vom Land. Denn wenn so etwas landesweit initiiert werde, erreicht man mehr Menschen und die Aufmerksamkeit ist automatisch größer. Generell sollten die überregionalen Radschnellstraßen massiv ausgebaut werden. Da könne man dann auch über eine Aufhebung der Geschwindigkeitsdrosselung von E-Bikes nachdenken. „Denn bei Tempo 25 hört die E-Unterstützung auf. Und das macht dann dort wenig Sinn“, ergänzt Vielfahrer Fritz.

Veronika Rüdisser von der Radlobby Vorarlberg bei einer gemeinsamen Ausfahrt.<span class="copyright">Radlobby</span>
Veronika Rüdisser von der Radlobby Vorarlberg bei einer gemeinsamen Ausfahrt.Radlobby

Auch hinsichtlich der Kombination von öffentlichem und Radverkehr sieht der Bludenzer massiven Nachholbedarf bei der Aufrüstung der Züge. „An einem schönen Tag, muss nicht einmal am Wochenende sein, ist das ein Chaos, wenn jeder Zweite sein Rad dabeihat. Es gibt einfach viel zu wenig Plätze dafür. Und die Plätze, die es gibt, sind schlecht angeordnet.“ Wenn die Öffis fahrradfreundlicher wären, würde einfach viel Autoverkehr wegfallen. Denn viele fahren auch mit dem Auto zum Radeln ins Gebirge oder an den See. „Ich habe oft das Gefühl, dass es der ÖBB am liebsten wäre, wenn niemand sein Rad im Zug mitnähme“, ergänzt Rüdisser.

Dass Vorarlberg mit Wien den österreichweit höchsten Radanteil am Gesamtverkehr hat, ist erfreulich. Dennoch ist das noch lange nicht das Maß aller Dinge. „Es gibt Länder, die haben einen viel höheren Anteil. Und dort ist die Infrastruktur auch deutlich besser. Wir müssen uns nach oben orientieren, nicht nach unten“, betont Rüdisser. In Sachen Mobilität ist derzeit schon einiges in Bewegung. Das stellt Rüdisser nicht in Abrede. Etwa bei 16 Prozent liegt der Radanteil. Aber: „Vorarlberg will ja bis 2030 auf mindestens 21 Prozent erhöhen. Und zwar ganzjährig“, ergänzt die Radverkehrsexpertin. Das sei ein ambitioniertes Ziel. Zumal die Entwicklung in den letzten Jahren zu wünschen übrig lasse.„Das Budget ist leider immer noch recht dürftig. Es liegt bei etwa vier Millionen Euro. Im Vergleich dazu ist das Straßenbaubudget von 74 auf 96 Millionen Euro erhöht worden. Allein anhand dieser Zahlen sieht man die Wertigkeit. Wir fordern seit Jahren eine Erhöhung.“ Man ruhe sich auf dem Erreichten aus. Auch das neue Verkehrssicherheitskonzept lasse noch auf sich warten. Allein im Jahr 2020 waren es in Vorarl­berg an die 700 verletzte Radfahrer. Todesopfer gab es zum Glück keine.

Öffentlicher Verkehr

Laut einer Umfrage des Kuratoriums für Verkehrssicherheit fühlen sich drei von vier Befragten als Radfahrer im Straßenverkehr unsicher. Eine generelle Helm­pflicht ist für Rüdisser aber kontraproduktiv: „Man weiß aus Umfragen, dass eine Helm­pflicht viele Leute davon abhält, aufs Rad umzusteigen. Da geht es auch um Selbst- und Eigenverantwortung.“

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Widerin

Ein Rad für jede Lebenslage

Für Matthias Fritz ist auch das Gemeinschaftsgefühl beim Radfahren wichtig. Er geht gerne mit Freunden Mountainbiken. Oder er macht mit seiner Frau und dem Hund einen Radausflug. „Ich habe für jede Lebenslage ein Rad. Und das schätze und genieße ich. Und wenn ich unbedingt einmal ein Auto brauche, leihe ich eins aus, oder fahre mit dem Taxi.“

Tempo 30 macht Radfahren sicherer

„Das Ganze folgt dem Motto: Schaffe das Angebot und du bekommst die Nachfrage. Je besser, je kreuzungsfreier und direkter Radverbindungen sind, auch überregionale, desto mehr Menschen bringen wir auf das Rad“, betont Landesrat Johannes Rauch. Das zeigt die Erfahrung und das Monitoring. Denn dort, wo das schon geschehen ist, nimmt der Radverkehr massiv zu. „Wir hatten im letzten Corona-Jahr eine Zunahme bis zu 30 Prozent im Radverkehr.“ Durch die Tatsache, dass mehr als zwei Drittel aller Räder, die in Vorarlberg verkauft werden, E-Bikes sind, ist das Fahrrad mittlerweile auch für längere Strecken zum Alltagsverkehrsmittel geworden, so Rauch. Deshalb setze man auch auf die Rad­schnellverbindungen.

„Österreichweit haben wir mit 16 Prozent den höchsten Radverkehrsanteil am Gesamtverkehrsaufkommen. Und wir möchten den so schnell als möglich auf über 20 Prozent steigern“, ergänzt der Landesrat, der selbst gern in die Pedale tritt. Doch wie lassen sich die Konflikte zwischen Automobilisten und Radfahrer verhindern? „Innerstädtisch geht das nur über die Tempolimits. 30 Kilometer pro Stunde innerorts und die Unfälle würden massiv reduziert werden.“

Landesrat Johannes Rauch ist selbst begeisteter Radler.<span class="copyright">Lerch</span>
Landesrat Johannes Rauch ist selbst begeisteter Radler.Lerch

„Der Fahrrad-Rambo ist der Ausnahmefall“

Konfliktpotenzial zwischen Auto und Rad ist natürlich vorhanden. Das sieht auch Bernhard Wiesinger vom ÖAMTC. „Vor allem in den Städten. Zum Beispiel in Wien. Das lag da aber klar an der örtlichen Verkehrspolitik. Ein Popup-Radweg neben stauendem Fließverkehr. Das sorgt halt für Unmut“, so Wiesinger. Generell sei das Zusammenleben auf der Straße aber nicht so schlecht. Denn viele Verkehrsteilnehmer sind mit verschiedenen Verkehrsmitteln unterwegs. Je nach Gelegenheit. „Die meisten Autofahrer sind auch mal Radfahrer. Und umgekehrt. Und das schärft das gegenseitige Verständnis.“ Dass das Auto auf der Straße nach wie vor das Maß aller Dinge ist, sieht Wiesinger so nicht: „Wenn ich mir die Verkehrspolitik der letzten Jahre anschaue, dann muss ich da widersprechen. „Natürlich gebe es immer wieder Auseinandersetzungen. Vor allem dort, wo sich Autofahrer und Radfahrer nahekommen. „Aber wenn sich alle an die Regeln halten, dann kann ein Zusammenleben durchaus harmonisch sein. Und das macht der Durchschnittradler auch.

Der Fahrrad-Rambo ist der Ausnahmefall. Der ist jung, wild und urban. Und wenn ein Radler über eine rote Ampel flitzt, dann sorgt das für Empörung beim Autofahrer“, so Wiesinger. Extreme gebe es auf beiden Seiten. Bei den Autofahrern und den Radfahrern. Aber wenn ein Mindestmaß an Rücksichtnahme vorhanden ist, dann ist ein friedliches Zusammenleben auf der Straße möglich. Ein generelles 30er-Limit könne nicht die Lösung sein. „Vor allem auf städtischen Durchzugsstraßen wäre das fatal und kontraproduktiv“, betont Wiesinger.

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