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Unaufhaltsame Zeit oder „wer hat an der Uhr gedreht?

15.05.2021 • 17:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Ich verstehe das Konzept des Älterwerdens in Korrelation mit dem Vorbeirasen der Zeit einfach nicht. Es ist verhext. Genau dann, wenn man viel Zeit braucht, vergeht sie wie im Flug. Jetzt, in einem Alter, in dem man für die Fülle der Dinge, die es zu tun gibt, einfach etwas mehr von ihr bräuchte, macht sie sich rar. Da sitze ich dann gegen Mitternacht aufrecht im Bett und bin entsetzt darüber, was ich heute wieder mal alles nicht erledigen konnte.

Ich muss anfangen, Arbeitsschritte in „lebensnotwendig“, „wichtig“, „vernachlässigbar“ und „unwichtig“ einzuteilen. Die nicht zusammengelegte Wäsche im Korb in meinem Zimmer wurde inzwischen von der Kategorie „vernachlässigbar“ in „unwichtig“ verschoben. Meine Mädels holen sich ihr Gewand nicht mehr aus dem Kasten, sondern wühlen im Wäscheberg. Obsolet, zu sagen, dass sich Bügeln in der sich eben neu entwickelnden Kategorie: „Wird sich wohl nie ausgehen“ einordnen wird.

Es macht mich baff, wie die Stunden, Tage, Monate und Jahre so vorbeiziehen. Überall macht sich dieser Zeitschwund bemerkbar. Beim In-den-Spiegel-Gucken zum Beispiel, weil das Gehirn noch immer das Selbstbildnis von vor 20 Jahren eingespeichert hat, und ich jedes Mal verwundert bin über diese Midlife-Frau, die mir entgegenschaut. Dann ziehe ich mit meinen Händen meine Haut im Gesicht straff und mir entfleucht ein: „Oh Himmel, so war das einmal!“ Ähnlich geht es mir mit meinen Kindern. Mein Verstand kommt der Geschwindigkeit der Zeit nicht hinterher. In meinem Kopf sind sie noch immer meine Zwergerl, aber – zack! – jetzt stehen sie schon vor der Entscheidung, welchen Oberstufen-Schulzweig sie einschlagen sollen, um ihren zukünftigen Lebensweg sanft in die Spur zu bringen. Ich stehe dann im Drogeriemarkt vor den Babybreis und Windeln und seufze: „Das war doch gerade erst!“

Ein wirklich verflixtes Ding ist sie, diese Zeit, man kann sie nicht ansparen oder horten, sie läuft einfach kontinuierlich vor sich hin und nimmt keine Rücksicht, weder auf meinen Wäschekorb noch auf meinen Blick zurück in Wehmut. Ich kann nur versuchen, das Beste aus ihr herauszuholen. Ich denke, es werden noch ein paar Dinge in den Ordner „unwichtig“ verschoben. Wohnung ausmalen zum Beispiel, das ist noch unter „wichtig“ abgelegt. Dafür bekommt ein Spaziergang mit den Kindern noch etwas mehr Raum in der Kategorie „lebensnotwendig“. Auch wenn die Kids dabei stöhnen und die Augen verdrehen, denn für sie geht die Zeit noch ein wenig langsamer dahin, und so ein Spaziergang dauert für sie höllenstundenlange.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.