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„Wir sind ein eigenes Dorf in der Stadt“

15.05.2021 • 20:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
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Hartinger

Die Bewohner der Südtiroler-Siedlung sind stolz auf ihr Zuhause.

Es ist ein grauer, leicht verregneter Nachmittag in der Südtiroler-Siedlung in Bludenz. Um das Café Meran stehen vereinzelt Menschen und unterhalten sich in kleinen Grüppchen. Seit einiger Zeit ist die Siedlung in Aufruhr. Seit die Alpenländische gemeinnützige Wohnbaugesellschaft im März die Mieter darüber informiert hat, dass leer stehende Wohnungen nicht mehr oder nur noch sehr kurzfristig vergeben werden und sich „die Lebensdauer der Gebäude ihrer Siedlung dem Ende zuneige“, wird viel geredet, diskutiert, aufgeklärt und kalmiert. Immerhin wohnen hier über 800 Menschen in 370 Wohnungen.
Hinter vorgehaltener Hand wurde bereits von Abriss und Kündigungen gesprochen. Die schlimmsten Befürchtungen konnten mittlerweile vonseiten der Stadt und der Alpenländischen Wohnbaugesellschaft abgeschwächt werden. Aber es herrscht immer noch Unruhe. Und es gibt Redebedarf. Das merkt auch Bürgermeister Simon Tschann, der zum zweiten Mal einen Bürgergesprächsnachmittag im Café Meran abhält.

Neza Cvilak wohnt seit 37 Jahren in der Siedlung. Sie hat die Gelegenheit beim Schopf gepackt und sich für die Sprechstunde mit dem Bürgermeister angemeldet: „Ich wollte aus seinem Mund wissen, was da jetzt genau passiert mit uns. Denn ich will nicht mit 80 in ein Altersheim abgeschoben werden. Denn wir haben hier viel Geld investiert in unsere Wohnung.“

Neza Cvilak hat die Sprechstunde beim Bürgermeis­ter genutzt.Was die Zukunft dem jungen Radler bringt wird?<br><span class="copyright">Hartinger </span>
Neza Cvilak hat die Sprechstunde beim Bürgermeis­ter genutzt.Was die Zukunft dem jungen Radler bringt wird?
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Unbefristet

Cvilak hat einen unbefristeten Mietvertrag und auch einen Garten neben dem Haus. Sie hat ein Leben lang in Liechtenstein gearbeitet, und nun ist sie in Pension. Der Zusammenhalt im Haus ist sehr gut, wie sie erzählt. Als sie die Aussendung der Alpenländischen im Postkasten vorgefunden hat, konnte sie nächtelang nicht schlafen. Zu groß waren die Ängste und Sorgen.
„Wir fühlen uns hier zu Hause. Und auf einmal wussten wir nicht mehr, wie es weitergeht. Das hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Die ärgsten Ängste haben sich mittlerweile etwas gelegt. Auch das Gespräch mit dem Bürgermeister hat dazu beigetragen. Aber ein Rest von Unsicherheit ist geblieben, wie Cvilak betont. Was wirklich gemacht werden müsse, sei das Dach und der Keller. „Im Keller kommt viel Feuchtigkeit herein, und das riecht man.“ Da gebe es Handlungsbedarf.

Kindheit

Mirjam Zarucchi wohnt mit kurzer Unterbrechung 60 Jahre in der Siedlung. Sie ist hier aufgewachsen. „Ich wohne für mein Leben gerne hier. Das ist meine Heimat, und die lass’ ich mir von niemandem nehmen.“ Das Flugblatt, das die ganze Unruhe ausgelöst hat, war in ihren Augen eine Frechheit. „Es ist schlecht geschrieben, hat keine Information, und wir wurden einfach nur vor Tatsachen gestellt.“ Vor allem für ältere Menschen sei das schrecklich gewesen. Zarucchi kennt alle hier. Sie ist eine Institution in der Siedlung, denn sie hat jahrelang im Nahversorger ums Eck gearbeitet. „Der Zusammenhalt ist großartig. Wir sind ein eigenes Dorf in der Stadt. Jeder kennt jeden. Man hilft einander und schaut aufeinander.“

Mirjam Zarucchi wohnt seit ihrer Jungend hier.<span class="copyright">Hartinger</span>
Mirjam Zarucchi wohnt seit ihrer Jungend hier.Hartinger

Obwohl sie genau gegenüber vom Café Meran wohnt, hat sich Zarucchi nicht für die Sprechstunde beim Bürgermeister angemeldet. „Da kommt eh nichts heraus dabei. Das bringt nichts. Aber ich finde es generell super, dass er es macht.“ Zudem hat sich der Bruder von Mirjam Zarucchi angemeldet. Das müsse genügen, wie sie süffisant lächelnd ergänzt. Die Bausubstanz ist nicht bei allen Häusern die beste, wie die quirlige und freundliche Frau erzählt. „Machen kann man immer etwas. Das ist keine Frage.“ Die Tatsache, dass es unterschiedliche Bauweisen gebe, mache eine Bestandsaufnahme schwierig.
Laut Zarucchi würde die Alpenländische am liebsten ein paar Blöcke herstellen und alles neu vermieten. „Ich habe kurz in Bludesch gewohnt. Aber ich war todunglücklich. Und dann bin ich wieder zurückgekommen, weil ich mich hier zu Hause fühle. Es wäre ewig schade um die Siedlung.“

Ein Neubeginn mit Hindernissen

Alexandra Schalegg, Geschäftsstellenleiterin der Alpenländischen Wohnbaugesellschaft, hat die Siedlung lange Zeit betreut. „Ich kenne jeden Winkel hier. Natürlich ist die Aufregung nachvollziehbar. Die Bewohner waren teilweise wie vor den Kopf gestoßen.“
Anlass für das viel diskutierte Schreiben war die Tatsache, dass man vonseiten der Alpenländischen aufgehört hat, Wohnungen zu sanieren. Das haben die Bewohner bemerkt, und es wurde bereits geredet. „Wir drücken jetzt auf Stopp und machen Tabula rasa. Wir beginnen einen Prozess. Denn dass wir Handlungsbedarf in Sachen Sanierungen haben, ist klar“, betont Schalegg. Man müsse die Dächer machen, die Fassaden gehören erneuert und die Fenster ausgetauscht. „Es liegt einfach viel im Argen. Zudem ist die Energieeffizienz katastrophal.“

Alexandra Schalegg, Geschäftsstellenleiterin der Alpenländischen Wohnbaugesellschaft <span class="copyright">Hartinger</span>
Alexandra Schalegg, Geschäftsstellenleiterin der Alpenländischen Wohnbaugesellschaft Hartinger

Dass die Art und Weise des Schreibens suboptimal war, kann Schalegg bestätigen. „Aber jetzt weiß zumindest jeder Bescheid.“ Derzeit gibt es in der Siedlung acht leer stehende Wohnungen. Die hätten einen Sanierungskomplettbedarf. „Insgesamt gibt es 397 Wohnungen. Die Altverträge zahlen eine Quadratmeter-Bruttomiete von 4,20 und die neueren 6 Euro. Aber fürs Heizen ist jeder selbst verantwortlich.“ Anfang Juni wird eine Projektgruppe zusammengestellt, die aus der Stadt Bludenz, der Alpenländischen und den Bewohnern besteht. Bis Ende 2021 wolle man zumindest eine Richtung haben, in die es sich entwickeln könnte. Bis das Ganze zu einem Abschluss komme, wird voraussichtlich ein Jahrzehnt vergehen, wie Schalegg betont. „Was ich sicher sagen kann, ist, dass nicht die ganze Siedlung abgerissen wird. Maximal einzelne Gebäude. Aber auch das ist ungewiss.“

Langer Prozess

Die Nachfrage an Gesprächen ist nach wie vor groß. Wir haben jetzt auch einen Monat Zeit gehabt, um abseits der Sprechstunden viele Gespräche zu führen“, betont Bürgermeis­ter Simon Tschann. Die Südtiroler-Siedlung ist ein wichtiger Stadtteil. Dessen ist sich der Bürgermeister bewusst. „Gerade in Zeiten von Corona, wo Ängste und Unsicherheit täglicher Begleiter sind, ist eine Situation, wie sie hier entstanden ist, das Letzte, was die Bewohner brauchen“, führt Tschann weiter aus. Die Gesprächstermine in der Siedlung werden laut Tschann über einen längeren Zeitraum weitergeführt. Auch das Denkmalamt ist bereits involviert. „Wenn wir vom Ensembleschutz reden, dann geht es primär um den Eingangsbereich, die Torbögen und den unteren Teil der Siedlung“, ergänzt der Bürgermeister. Leistbarer Wohnraum ist ein wichtiges Thema. Denn die Wohnungen sind recht günstig. Deshalb auch gemeinnütziger Wohnbau.
„Die Menschen wollen wissen, was mit ihren Mietverträgen passiert.

Simon Tschann, Bürgermeister <span class="copyright">Hartinger</span>
Simon Tschann, Bürgermeister Hartinger

Und da muss man klar sagen: Alle Verträge bleiben aufrecht.“ Die größten Ängste sind nun ganz klar am Tisch. Aber es sind auch schon viele Ideen gekommen, wie Tschann ergänzt. „Von Ladestationen für E-Mobiltät bis hin zu Balkonen oder konkrete Vorschläge für bauliche Veränderungen. Die Menschen haben Ängste, aber sie bringen sich auch bereits ein.“ Und dass das Angebot der Sprechstunden so gut angenommen wird, zeigt, dass es ihnen nicht egal ist, wie der Bürgermeister betont. „Viele Menschen sind stolz auf die Siedlung und zeigen das auch.“

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