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Die lange Jagd nach einem Kindermörder

16.05.2021 • 09:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Der Serien­täter Johann Strössenreuther, 1927/28.<br><span class="copyright">Staatsarchiv ­Augsburg</span>
Der Serien­täter Johann Strössenreuther, 1927/28.
Staatsarchiv ­Augsburg

Jahrzehntelang trieb Strössenreuther sein Unwesen im ­Bodenseeraum.

Anfang des 20. Jahrhunderts trieb ein Serientäter über 30 Jahre lang sein Unwesen. Er ermordete und vergewaltige mehrere junge Mädchen im Bodenseeraum. Die Suche nach dem Täter erwies sich als Jagd nach einem Phantom. Obwohl er immer wieder von Zeugen gesehen wurde, konnte man ihn nicht ausfindig machen. Bis er schließlich als alter Mann der Polizei in die Fänge ging. Bis dahin starben sechs Mädchen durch die Hand des Psychopathen Johann Strössenreuther.

Drei Tote in Vorarlberg

Am 6. Jänner 1913 ging die neunjährige Anna Fontanari aus Bregenz-Vorkloster gegen 18 Uhr zum Bäcker. Einige Stunden später fand man das Mädchen tot im Tunnel der Bregenzerwälderbahn. Anna lag zwischen den Gleisen, ein Fuß war am Knöchel abgetrennt. Der herbeigerufene Gemeindearzt stellte ein Sexualverbrechen fest.

Am 11. Jänner 1920 wurde die elfjährige Paula Kaufmann aus Lochau von ihren Eltern als vermisst gemeldet. Sie kam von einem vormittäglichen Kirchgang nicht mehr zurück. Zwei Tage später fand man die Leiche des Kindes in der Nähe des Pfänderweges. Erdrosselt und vergewaltigt.

Am 31. Juli 1923 wird die zwölfjährige Notburga Dörler aus Eichenberg-Lutzenreute im Vorarlberger Tagblatt als abgängig vermeldet. Seit Sonntag, den 22. Juli werde sie vermisst und trotz wiederholter Suche der Ortsbewohner, der Gendarmerie und Wehrmacht nicht gefunden. „Das Mädchen verließ am bezeichneten Tage gegen 8 Uhr früh das Haus ihrer Pflegeeltern, (…) um entweder in den Gottesdienst nach Eichenberg oder zu einer Primiz nach Lochau zu gehen, so schrieb das Tagblatt. Und weiter: „Mit dem Verschwinden des Mädchens wird ein Mann in Verbindung gebracht, welcher von mehreren Personen in Eichenberg gesehen wurde und wie folgt beschrieben ist: 30 bis 40 Jahre alt, mittelgroß, hat rötlich-blonden, ziemlich langen ungepflegten Schnurrbart, hellblonde Haare, wackeligen Gang, trug eine blaue Jacke, Wadenstutzen, grünen Tirolerfilzhut mit einer glaublich krummen Birkhahnfeder.“

Am 4. August fand ein Bauer die Leiche von Notburga in einem Jungwald in der Nähe von Eichenberg, am Rande einer nach Lutzenreute führenden Straße. Zugedeckt mit Reisig und Ästen und offensichtlich vom ihrem Mörder missbraucht. Die Bezirkshauptmannschaft Bregenz bat Eltern und Aufsichtspersonen in einem Aufruf, Kinder nicht unbeaufsichtigt in den Wald zu lassen.

<span class="copyright">Staatsarchiv ­Augsburg</span>
Staatsarchiv ­Augsburg

Zeugenaussagen

Noch einmal wurde über die Zeitungen die Beschreibung jenes Mannes durchgegeben, der zum Tatzeit­punkt von mehreren Personen gesehen wurde. Eine Frau namens Maria H. erzählte noch, dass die „Mannsperson sie bei der Begegnung fortgesetzt ganz starr und durchdringend anschaute“. Der zweite Zeuge, Alois H., bekundete „dass die Mannsperson bei der zweiten Begegnung (…) ihn nicht mehr anschaute und den Blick direkt zu Boden senkte“ (aus dem Ermittlungsakt Staatsarchiv Augs­burg). Doch die Suche blieb erfolglos.

In Untersuchungshaft

Am 19. September 1935 verschwand die siebenjährige Wilhelmine Schüle aus Hörbolz im Landkreis Lindau. Die Suche blieb ebenfalls ergebnislos. Monate später fand ein Telegraphenaufseher in einer Tannenkultur bei Englitz die sterblichen Überreste des Mädchens. Die Leiche war in einem Rupfensack (Jutesack) verpackt. Die Kleidungsstücke waren aufgeschnitten, Hände und Füße des Kindes gefesselt. Ein Zeuge hatte in der Nähe des Tatortes einen älteren Mann auf einem Fahrrad gesehen. Jener Mann trug auf seinem Rücken einen schweren Rucksack, aus dem etwas Braunes herausschaute. Möglicherweise, so der Zeuge, hatte das Fahrrad einen roten und einen grauen Gummimantel. Daraufhin wurde in Lindau ein dringend tatverdächtiger älterer Mann festgenommen. Der damals knapp 66 Jahre alte Johann Strössenreuther wurde in Untersuchungshaft genommen, bestritt aber jeden der angeführten Morde. Zwei Monate später kam er wieder frei, weil man ihm den Mord an Wilhelmine Schüle nicht zweifelsfrei nachweisen konnte.

Die Kriminalpolizeileitstelle München war jedoch auf die mehrfachen Morde aufmerksam geworden. Erstmals zog man dort Verbindungen zu den in den letzten 30 Jahren gehäuft auftretenden Verbrechen an Kindern. Zu den Tötungen von Anna Fontanari, Paula Kaufmann und Notburga Dörler kamen noch die ungeklärten Mordfälle an der zehnjährigen Anna Rehkugler (Wald bei Hangenach) aus dem Jahr 1907 und der zehnjährigen Maria Pryatelly (Bürgermoos/Tettnang) vom Jahr 1928 in den Fokus. Ein Fahndungsersuchen zu diesen Fällen traf somit bei der Kriminalpolizeistelle Stuttgart ein. Diese setzte nun alles daran, genügend Beweise zu sammeln, um Strössenreuther überführen zu können. Am 6. Juli 1937 kam dieser schließlich wegen des dringenden Verdachts Wilhelmine Schüle ermordet und vergewaltigt zu haben, erneut in Untersuchungshaft.

Biografie

Johann Strössenrei­ther wurde 1870 im Landkreis Wunsiedel in Bayern geboren und wuchs mit zwei Schwestern auf. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er mit 23 Jahren das elterliche Anwesen mit einer kleinen Bauerngastwirtschaft. Er sei oft mit seinen Kollegen ausgegangen, und in seiner Gutmütigkeit wurde oft auf seine Rechnung getrunken, gab er bei der Vernehmung an. Er überschuldete sich, wirtschaftete das elterliche Anwesen ab und übergab es schließlich an eine seiner Schwestern. Anschließend arbeitete er, damals um die 24 Jahre, als Hilfsarbeiter in seiner Heimat. Seine Tagelöhnertätigkeit brachte ihn nach München und Lindau. Im Winter, wenn er keine Arbeit bekam, zog er durchs Land. In der Inflationszeit besorgte er sich ein Rad und fuhr daraufhin meist mit diesem durch die Gegend. Dann offenbarte er: „Mit einer erwachsenen Frauenperson hatte ich noch keinen Geschlechtsverkehr. Es hat mich nie recht zu einer Frau oder einem älteren Mädchen hingezogen“.

Im Jahr 1923 ermordete Johann Strössenreuther die zwölfjährige Notburga Dörler. Ein alter Plan der Kriminalpolizei zeigt den Fundort ihrer Leiche in einem Wald bei Eichenberg. Dort wird noch heute an das Opfer erinnert.<br><span class="copyright">Staatsarchiv Augsburg, Salmhofer</span>
Im Jahr 1923 ermordete Johann Strössenreuther die zwölfjährige Notburga Dörler. Ein alter Plan der Kriminalpolizei zeigt den Fundort ihrer Leiche in einem Wald bei Eichenberg. Dort wird noch heute an das Opfer erinnert.
Staatsarchiv Augsburg, Salmhofer

Geständnis unter Tränen

Die grausamen Morde an den Mädchen wollte er aber nicht gestehen. Die Kriminalpolizei entschloss sich daraufhin, etwas psychologischer vorzugehen. Im Fall Schüle sei ja seine Täterschaft bewiesen, und es bestehe kein Zweifel, dass er auch weitere Lustmorde begangen habe. Demnach stünde seine Hinrichtung kurz bevor, prophezeite man ihm. Er möge doch sein Inneres frei machen. Außerdem hätte auch die Wissenschaft großes Interesse, seine abnorme Veranlagung kennenzulernen. So redete man auf Strössenreuther ein, führte ihm seine verpfuschte Jugend vor Augen und offerierte ihm die Möglichkeit, dass er als geistig abnormer Verbrecher eingestuft würde und er somit eventuell einer Hinrichtung entkommen könne.Die Kriminalbeamten schafften es mit dieser Taktik, den Tatverdächtigen weichzuklopfen, und schließlich erklärte dieser unter Tränen, dass es ihm leidtue, „sich so vergessen zu haben“. Als man ihn fragte, wobei er sich denn vergessen habe, bemerkte er kurz und knapp „Ha, wegen dem Mädle“. Daraufhin folgte ein umfassenden Geständnis zu den Morden an allen genannten Opfern.

Er beschrieb detailreich, wie er sie angelockt, gepackt, erwürgt und anschließend missbraucht hatte. „Im Vorkloster bei Bregenz habe ich im Jahre 2012 ein Mädchen, 10-11 Jahre alt, ebenfalls zuerst erstickt und dann gebraucht. (…) Zu jener Zeit war ich arbeitslos und befand mich auf Wanderschaft….(…)“ Er gestand, die Leiche des Kindes im Tunnel der Bregenzerwälderbahn abgelegt zu haben, um es wie einen Unfall aussehen zu lassen.
Zum Mord an Notburga Dörler erläuterte er: „Ich werde sie noch einig Zeit lang betrachtet haben, dann habe ich die Leiche und die Kleider versteckt. (…) Da war ein Reisighaufen, da habe ich sie hingelegt und zugedeckt (…).“

Ein Psychologe attestierte, dass es sich bei Strössenreuther zwar um einen intellektuell nicht unterdurchschnittlich begabten, aber um einen ethisch und moralisch minderwertigen, sexuell triebhaften und pervers veranlagten Psychopathen handle. Strössenreuther könne einerseits ein harmloser und fleißiger Biedermann sein, anderseits ein „verabscheuenswürdiger Lustmörder“. Eine Erkrankung des Hirnes liege, so der damalige Psychologe, nicht vor.

Hinrichtung durch Fallbeil

Fünf Wochen nach seinem ausführlichen Geständnis versuchte er, dieses zu widerrufen, weil er dazu gezwungen worden sei, wie er meinte. Doch seine exakten Angaben zu den Morden sowie die genaue Beschreibung an den Tatorten selbst ließen keinen Zweifel mehr offen. Strössenreuther war der Serien­täter, der über 30 Jahre in der Gegend rund um Lindau und Bregenz sein Unwesen trieb. Im November 1938 wurde der Hilfsarbeiter Johann Strössenreuther ohne Aussicht auf Begnadigung zum Tode verurteilt und am 7. Juni 1939 um 6.15 Uhr in München mit dem Fallbeil hingerichtet.

Kerze für Opfer

An dem Ort, an dem Notburga Dörler einst gefunden wurde, wird bis heute eine Kerze angezündet – auch in Erinnerung an alle anderen ermordeten Mädchen.

Quellen: Fallakte Strössenreuther, Staatsarchiv Augsburg.

Dank an Peter Gomm vom Kulturhistorischen Verein Eichenberg und Möggers für die Unterstützung bei der Recherche.