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Warum gibt es so viel Frauenmorde?

18.05.2021 • 12:53 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
"Der Hochrisikobereich für Frauen ist das eigene Zuhause", sagt Psychiaterin und Gerichtsgutachterin Heidi Kastner
“Der Hochrisikobereich für Frauen ist das eigene Zuhause”, sagt Psychiaterin und Gerichtsgutachterin Heidi Kastner Julia Fuchs

Psychiaterin und Gerichtsgutachterin Heidi Kastner zu Gewalt an Frauen.

Elf ermordete Frauen in Österreich in vier Monaten: Alle zwei Wochen ist eine Frau das Mordopfer, meist kommt der Täter aus dem engsten Umfeld. Was ist los in unserem Land?
Heidi Kastner: Die öffentliche Sicherheit, die wir in Österreich allgemein haben, hilft den Frauen wenig. Denn der Hochrisikobereich für Frauen ist das eigene Zuhause im Kontext mit noch bestehenden oder aufgelösten Beziehungen. Aber was die Zahlen betrifft: Die versuchten Tötungsdelikte müssten auch betrachtet werden, denn die sind ja noch viel höher.

In einer EU-Umfrage kam kürzlich heraus, dass jede fünfte Frau in Österreich ab ihrem 15. Lebensjahr körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt ist. Heimat bist du großer Söhne?
Kastner: Da geht es schlicht um Macht und darum, dass diese Männer Frauen sanktionieren, wenn sie nicht so tun, wie er sich das vorstellt. Und sanktionieren kann man die Frauen, indem man sie stalkt, schlägt oder im schlimmsten Fall tötet. Die dahinterstehende Motivlage ist aber immer die, dass nicht verkraftet wird, dass ein Mensch, den ich als Besitz sehe und über den ich bestimmen möchte, eigene Entscheidungen trifft. Die Rollenverteilung ist eindeutig. Die Nachricht: Wieder wurde ein Mann von seiner Frau getötet, weil er sich von ihr trennen wollte, habe ich so noch nie gehört.

Gegenwärtig sind in der Justizanstalt Graz-Karlau 38 Männer wegen Mordes oder Mordversuch an Frauen inhaftiert, neun von ihnen sind keine österreichischen Staatsbürger. Die Rechnung, dass die Zuwanderung ein Hauptgrund sei, dass hier mehr Frauen sterben müssen, geht so nicht auf.
Kastner: Genau, aber zu sagen, dass die Zuwanderung keine Rolle spielt, ist auch nicht korrekt. Es werden auch Frauen von Männern mit rezentem Migrationshintergrund getötet, weil die Rollenvorstellungen aus patriarchalen Strukturen importiert werden, wo es Frauen nicht zusteht, eigenständige Entscheidungen zu treffen, und schon gar nicht, wenn es um Trennungen geht. Das Gros der Täter im heurigen Jahr sind Österreicher.

Ist Österreich kein so gutes Land für Frauen?
Kastner: Ich fürchte, es handelt sich tatsächlich um ein gesamtgesellschaftliches Thema. Daher muss man da ansetzen, wo Kinder heranwachsen mit Rollenbildern, die – nett ausgedrückt – nicht zeitgemäß sind. Es gibt immer noch unglaubliche Dinge. Eine Kollegin hat ihren Sohn in Linz in einer Volksschule, und da sitzt ein Bub, von dem jeder weiß, dass zu Hause nur der Vater das Sagen hat und die Mutter kuschen muss. Übrigens ist die Familie österreichisch, mit dem starren Rollenbild von männlicher und weiblicher Kompetenzverteilung im Kopf. Und der Bub übernimmt dieses Rollenbild und sagt zu seiner Lehrerin: „Du schaffst mir nix an, weil von einer Frau lass’ ich mir nix anschaffen.“ Jetzt sollte man meinen, dass dem Buben und den Eltern erklärt wird, dass das so nicht geht.

Aber?
Kastner: Weit gefehlt! Der Direktor nimmt den Buben aus dieser Klasse heraus und gibt ihn in eine andere Klasse, in der ein Mann der Klassenlehrer ist. Damit das Kind sich nicht umgewöhnen muss.

Das ist nicht wahr.
Kastner: Doch, das ist wahr. Statt dem Heranwachsenden zu sagen: „Du, so funktioniert das aber nicht!“, wird er noch bestärkt in dem, was er tut. Genau hier muss angesetzt werden, das würde für mich unter Prävention fallen. Aber wenn so etwas im Jahr 2021 noch immer einfach so passiert, kann mir niemand erklären, dass in Österreich alles unternommen wird, um die ewig gestrigen Rollenbilder zu erschüttern und Frauen besser zu schützen.

Spielt da auch die österreichische Mentalität eine Rolle, diese „Schau ma einmal, dann werd’ ma schon sehen?“
Kastner: Nein, ich denke, dass es mit dieser unsäglichen Toleranz zu tun hat, die diese steinzeitlichen Rollenbilder…

Steinzeitlich ist frauenfeindlich?
Kastner: Nicht unbedingt. Die Rollen sind nur klar festgelegt. Die Frau ist unten in der Hierarchie, der Mann ist oben. Patriarchale Strukturen eben. Und wenn man da nicht ordentlich hineinfährt, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Frauen sich noch lange plagen müssen.

Nach jedem Frauenmord in Österreich folgen tiefe Betroffenheit, Gewaltschutzgipfel, Maßnahmenpakete. Sabine Matejka, die Präsidentin der Richtervereinigung, sagte über das aktuelle Maßnahmenpaket: „Sehr viel Neues steht nicht darin, wir drehen uns im Kreis.“
Kastner: Unsere Gesetze sind ja nicht schlecht. Vermutlich hapert es immer an der Umsetzung der geltenden Maßnahmen. Wenn jemand eine Wegweisung erhält und sich daran nicht hält, passiert in der Regel gar nichts.

In Ihrem Buch „Wut“ plädieren Sie für einen offenen Umgang mit diesem sehr notwendigen Gefühl. Also nichts runterschlucken. Sondern was tun?
Kastner: Die Wut äußern, in adäquater Form äußern. Oder sich überlegen, wie man sich in der Situation aus der Wut entfernen kann, wenn man die Bedingungen nicht ändern kann.

Was ist adäquat?
Kastner: Zu sagen: Das ist für mich nicht in Ordnung! Das geht nicht! Stopp!

Steigt die Aggression in Zeiten der Pandemie?
Kastner: In meinem Umfeld habe ich das nicht feststellen können. Man kann es aber annehmen, wenn man sich diese unglaublich wütenden Schwachsinnigkeiten der Maßnahmen-Gegner der Corona-Pandemie anhört oder ansieht. Mit welcher Wut die Menschen demonstrieren, ist erstaunlich. Dass eine Demonstration gegen ein Virus Erfolg haben sollte – auf die Idee wäre ich nie gekommen. Ich hätte mir aber auch nie vorstellen können, dass Menschen wutschnaubend überhaupt gegen ein Virus demonstrieren. Wut über die Einschränkungen der Lebensqualität, Wut über die prekären finanziellen Verhältnisse und Wut auf Maßnahmen, die von der Regierung ja nicht mutwillig, sondern pandemiebedingt geschaffen wurden. Die Wut richtet sich also gegen den falschen Baum, denn die richtet sich gegen jene, die ohnehin etwas dagegen tun, damit es nicht noch schlimmer wird. Die Wut könnte man gegen das Virus richten, aber das ist bekanntermaßen sinnlos.

Zwei Jahrzehnte lang haben Sie als Psychiaterin und Gerichtsgutachterin Mörder und Vergewaltiger begutachtet, auch Josef Fritzl, „das Monster von Amstetten“. Zweifelt man da mitunter nicht an der Spezies Mensch?
Kastner: Nein.

Warum nicht?
Kastner: Weil mir bewusst ist, dass ich durch meinen Beruf immer nur einen kleinen Ausschnitt der Menschheit zu Gesicht bekomme und ich ja auch ein Leben habe mit rundum liebenswerten Menschen. Und weil auch bei denen, mit denen ich beruflich zu tun habe, immer wieder einmal auch liebenswerte Momente da sein können. Klingt paradox, aber es kommt vor.

Von Friedrich Nietzsche stammt der Satz: „ Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Haben Sie da nie Bedenken?
Kastner: Als ich vor einem Vierteljahrhundert mit meinem Beruf begonnen habe, in dem ich mich so sehr mit der Psyche von Tätern befassen muss, und auch viel Lebenszeit hineinstecke, war mir klar, dass mich das verändern könnte. Und ich habe daher Menschen gebeten, die mir nahestehen und von denen ich mir eine ehrliche Rückmeldung erwarten kann, mir zu sagen, wenn sie Veränderungen an mir bemerken. Ich habe mich auch selbst beobachtet, ob ich bösartiger werde, zynisch oder abwertend. Oder ob ich nicht mehr unbefangen neuen Menschen begegne. Bisher kann ich jedenfalls davon ausgehen, dass ich mich nicht negativ verändert habe.

Zur Person

Adelheid Kastner, geboren am
17. August 1962 in Linz, ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Gerichtsgutachterin (Fall Fritzl, Causa Kremsmünster). Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklinik Linz und Autorin.
Zuletzt erschienen:
„Tatort Trennung. Ein Psychogramm“ (Kremayr &Scheriau)

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