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Wird unsere Sprache zerstört?

23.05.2021 • 09:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Wie wichtig ist jungen Menschen die gendergerechte Sprache? <span class="copyright">Shutterstock</span>
Wie wichtig ist jungen Menschen die gendergerechte Sprache? Shutterstock

Ruinieren gendergerechte Formulierungen die Sprache?

Bei öffentlichen Auftritten ist es mittlerweile völlig normal, sowohl die männliche als auch die weibliche Anrede zu verwenden. Doch gendergerechte Sprache hört da nicht auf und geht weiter. Ist das wichtig und richtig oder einfach nur unnötig?

PRO: Andrea Kerbleder, Landtagsabgeordnete der FPÖ

Gendersprache ist ein unnötiger Eingriff in die deutsche Sprache. Die Konzentration sollte lieber auf Themen liegen, die Frauen wirklich in puncto Gleichberechtigung weiterhelfen.

<span class="copyright">Andrea Kerbleder</span>Andrea Kerbleder, Landtagsabgeordnete der FPÖ
Andrea KerblederAndrea Kerbleder, Landtagsabgeordnete der FPÖ

Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen, halte ich gleich zu Beginn fest: Ich teile selbstverständlich das Ziel der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und setze mich auch in meiner politischen Arbeit dafür ein, weil ich weiß, dass es auch in unserer Gesellschaft noch einiges braucht, um dieses Ziel tatsächlich zu erreichen. Klar ist aber, dass uns die Diskussion über die Gendersprache, die von einigen Gruppierungen bis auf die Spitze getrieben wird, auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter nicht wirklich weiterhilft und den Frauen keinerlei Verbesserungen bringt. Und außer im Vorarlberger Landtag habe ich auch noch kaum jemanden persönlich kennengelernt, der den „Genderstern“, den Unterstrich oder das „Binnen-I“ als besondere Errungenschaft für die Gleichberechtigung von Mann und Frau sieht.

Ganz im Gegenteil, wird diese Gendersprache von vielen Frauen als das angesehen, was es ist: Ein unnötiger Eingriff in die deutsche Sprache, der zu skurrilen Sprachgebilden führt und Texte unverständlich und schwer lesbar macht.

Und wenn es nach den neues­ten Einträgen im Duden geht, sollen in unseren Hotels nicht nur Gäste, sondern ab sofort auch Gästinnen empfangen werden, und in TV-Krimis wird die Polizei jetzt auch der Bösewichtin nachjagen. Ich bin überzeugt: Die große Mehrheit der Vorarlber­ger­innen und Vorarlberger greift sich bei ­solch sinnbefreiten Wortkreationen einfach nur noch an den Kopf.
Hauptleidtragende dabei sind einmal mehr unsere Kinder, die diesem Sprachterror bereits in der Schule ausgesetzt sind, weil ihnen das Erlernen der deutschen Sprache durch diesen ganzen Unfug deutlich erschwert wird. Aber es gibt auch Lichtblicke, die berechtigte Hoffnung auf eine Abkehr dieses Irrwegs machen, wenn etwa immer mehr Sprachwissenschaftler die Problematik der Gendersprache aufzeigen oder der französische Bildungsminister die gendergerechte Schriftsprache an Schulen und seinem Ministerium verboten hat. Und diese Lichtblicke sollten auch uns alle gemeinsam ermuntern, mutig für unsere deutsche Sprache, wie wir sie kennen und wie wir sie schätzen, einzutreten.

Anstatt eine Alibidiskussion über die Perfektionierung einer gendergerechten Sprache zu führen, sollten wir uns vielmehr für die Gleichberechtigung von Mann und Frau einsetzen, wo „Frau“ auch wirklich etwas davon hat. Das beginnt bei gleichem Lohn für gleiche Arbeit, der besseren Anrechnung von Kinder- und Betreuungszeiten bei der Pension und vieles mehr. Ich glaube, eine Diskussion darüber würde unseren Frauen deutlich mehr weiterhelfen.

KONTRA: Sandra Schoch, Landtagsvizepräsidentin und Landtagsabgeordnete der Grünen

Sprache ist ständig in Entwicklung. Es geht nicht nur um Sprachgenauigkeit laut Duden, sondern auch um gesellschaftliche Beziehungen, Sichtbarkeit und respektvollen Umgang mit Minderheiten.

Sandra Schoch, Landtagsvizepräsidentin und Landtagsabgeordnete der Grünen <span class="copyright">Mathis</span>
Sandra Schoch, Landtagsvizepräsidentin und Landtagsabgeordnete der Grünen Mathis

Heißt du Oma?“ Mit dieser Frage richtete sich vor Kurzem meine dreijährige Nachbarin an mich. Ich hatte sie zu mir nach Hause eingeladen, um den Zuwachs in meiner Familie willkommen zu heißen. So saß ich gemeinsam mit dem kleinen Besuch von nebenan und meiner Enkelin auf dem Boden, hatte eine Spielzeugschere in der Hand und antwortete spontan: „Ja“. Noch ein kurzer forschender Blick in mein Gesicht, und dann war das Thema aus der Sicht der Dreijährigen erledigt. Ich war jetzt Oma.

Sprachlich genau und korrekt hätte die Antwort gelautet: „Nein, ich heiße Sandra und ich bin Oma, daher werde ich von meiner Enkelin Oma genannt.“ Da meine Enkelin immer Oma zu mir sagte, musste die Kleine zu dem Schluss gekommen sein, dass es auch weitere Frauen gibt, die einfach Oma heißen. Oder sie wollte unsere Beziehung zueinander klären. Mit der Benennung als Oma hatte sie mir einen Platz in ihrem Leben eingeräumt. Ob diese Benennung für ihre richtigen Omas okay sein würde, musste ich als neue Bonus-Oma noch klären.
Sprache kann das. Sprache unterscheidet zwischen dem, was jemand ist und wie jemand heißt. Und sie zeigt vor allem, in welcher Beziehung wir zueinander stehen und welchen Platz in der Gesellschaft wir einnehmen. Beim Thema Sprache geht es nicht nur um Sprachgenauigkeit oder -korrektheit laut Duden, sondern es geht auch um gesellschaftliche Beziehungen, Sichtbarkeit und den respektvollen Umgang mit Minderheiten. Wenn wir für ein Sternchen, einen Doppelpunkt oder ein Binnen-I kämpfen, dann kämpfen wir für Sichtbarkeit und für Gerechtigkeit. Wir fordern diesen Platz in der Sprache, weil wir diesen Platz in der Gesellschaft einfordern.

Sprache ist ständig in Entwicklung, nicht nur in Patchwork-Familien. So hat sich das Binnen-I, welches Frauen in der Sprache miteingebunden hat, zum Gendersternchen oder Doppelpunkt weiterentwickelt. Der Doppelpunkt in Bürger:innen gewährleistet die Barrierefreiheit von Websites und Journalist:innen verwenden ihn bereits. Im Gespräch ist der Doppelpunkt als sprachliche Pause hörbar, wie im Wort Spiegelei.
Menschen, die ein Sternchen oder einen Doppelpunkt sprechend oder schreibend einbinden, setzen ein bewusstes Zeichen für eine inklusive Gesellschaft, die Platz hat für alle Menschen. Gendergerechte Sprache ist sichtbare und spürbare Vielfalt.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Nein. Im Gegenteil: Gen­dergerechte Sprache macht unser Leben vielfältiger, durchlässiger und offener für alles, was unsere Gesellschaft zu bieten hat. Ja, das alles kann Sprache. Wir müssen es nur wollen.