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Besser als der Garten Eden

25.05.2021 • 14:38 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Vor der Pandemie ganz gewöhnlich, nun besonders begehrt: Der Gastgarten
Vor der Pandemie ganz gewöhnlich, nun besonders begehrt: Der Gastgarten (c) APA (BARBARA GINDL)

Wirtshausgärten sind unser stärkstes Ass im Kampf gegen das Virus.

Um es sofort zu bekennen: Dieser Essay gleicht einem Ein-Meter-Sprung mit hundert Meter Anlauf. Die gelobten Gärten treten erst spät auf. Vorerst müssen wir klären, was uns im letzten Jahr im Kampf gegen die Coronaseuche widerfuhr.

Es ist nun genau zwölf Monate her, dass wir einander im Mai 2020 in einem Essay der Kleinen Zeitung begegneten. Darin wurde die Wiederkehr der Gastwirte gefeiert, sofern diese die ersten Pandemie-Anschläge gesundheitlich und geschäftlich überlebt hatten.

Die meisten von uns hatten noch Glück im Unglück. Sie waren körperlich unversehrt geblieben, frei von Infektionen und finanziellem Schaden.

Diese Glückskinder führten meist ein krisenresistentes Unternehmen (oder arbeiteten für eines) und hatten daher noch Kohle auf dem Konto. Im Gegensatz zu jenen, die an der zusätzlichen Wirtschaftsflaute schleichend verarmten. Oder sogar, wie in erster Linie die am härtesten getroffenen Gastronomen, einem möglichen Ruin ihrer ökonomischen Existenz ins Auge blickten.

Weshalb die Klugen und Herzlichen unter den Glücklichen, die sich eine solidarische Seele bewahrt hatten, sofort begriffen, was zu tun war, als der Lockdown im Mai 2020 ausgesetzt wurde.

Zum Autor

Helmut A. Gansterer, geboren 1946,
ist Buchautor und Journalist. Unter
anderem war er Chefredakteur und
Herausgeber der Zeitschrift „trend“.

Von Branchenkollegen wird er wegen seines geschliffenen Stils gern als „Edelfeder“ bezeichnet.

Man musste unverzüglich die Wirtshäuser, Restaurants, Kaffeehäuser und Tagesbars stürmen und hohe Rechnungen machen. Man würde seinen Lieblingswirt, der jeden Stammgast wie einen Kriegsheimkehrer begrüßte, sogleich bei der Hand nehmen und in dessen Keller führen. Dort, in den Edelregalen, würde man die staubigsten Magnum-Gebinde österreichischer Spitzenweine möglichst früh für alsbaldigen Verzehr dekantieren lassen. Und die Speisekarten würden wir wie eine exotische Schrift von unten nach oben und von rechts nach links lesen: die teuersten Gerichte zuerst.

Egal, ob Lieblingsspeise oder nicht, da musste man durch. Wenn man den Gastwirten und den Eigentümern/Pächtern von Restaurants wirklich helfen wollte, musste man schmerzhafte Opfer bringen. Notfalls Hummer und Aal, auch wenn man für Hummer Thermidor immer zu ungeschickt gewesen war, und für Aal jeder Art immer nur Ekel empfunden hatte.

Man war den Wirten zuliebe zu heroischen Taten aufgerufen.

Eine Gruppe freilich verlachte die SOS-Rufe der Gastronomie: die Pandemie-Leugner, die Covidviren und deren Mutanten für eine Erfindung irgendwelcher Mächtigen halten, die das dumme Volk manipulieren wollen.

Näheres wurde nie erklärt. Wie bei allen Verschwörungstheoretikern folgte dem ersten Gedanken kein zweiter. Eine weitere Gemeinsamkeit dieser Narren ist darin zu sehen, dass sie lieber laut brüllen, statt wohltemperiert zu sprechen. Da sie außerdem zur heftigen Gestik und den grölenden Demos aller Ungebildeten neigen, fallen sie auf. Weshalb man sie, wie sich gottlob herausstellte, zahlenmäßig weit überschätzte.
Österreich hat das Glück einer soliden Bevölkerung. Eine kluge, freilich meist schweigende Mehrheit hat schon in den wenigen anderen Krisen, die wir seit dem Zweiten Weltkrieg erdulden mussten, mit Umsicht und richtigen Entscheidungen geglänzt.

Was die Corona-Leugner betrifft, empfiehlt sich, sie geduldig ins Leere laufen zu lassen, unterstützt von einer maßvoll agierenden Polizei. Auch bezüglich der Exekutive sind wir besser dran als fast alle Länder. Die Kollegen in Frankreich etwa neigen zu unkontrollierter Gegengewalt, ganz zu schweigen von den sturköpfigen Rednecks im Kernland der USA, die in der Regel alles schlechter machen, als es ist.

Die Pandemie fordert uns viel Besonnenheit und Intelligenz ab, auch in den Zeitungsredaktionen. Es würde unsere landes-interne Friedensperspektive verbessern, wenn man Polizeifehler zwar berichtete, aber nicht genussvoll geißelte, sondern im Sinne der Fairness hin und wieder auch die guten Leistungen lobte.

Vor allem aber sollte man bedenken, dass schäumende Kritik an den Verschwörungstheoretikern, Test-und Impfungshassern kontraproduktiv ist. Denn jede Kritik, sofern die Empfänger des Lesens mächtig sind, macht sie nur stärker. Sie gewinnen. Aufmerksamkeit. Und fühlen sich dadurch ihrem eigentlichen Ziel näher: endlich einmal im Mittelpunkt zu stehen.

Ich werde jedenfalls den Flachwurzlern keine weitere wertvolle Zeile für die Sonntagsausgabe opfern.

Allerdings ist bezüglich Mai 2020 zu bekennen, dass auch die gutwilligsten Hilfstruppen Fehler machten. Zuerst gab es viel Freude, weil die hingebungsvoll zechenden und völlernden Stammgäste die Bilanzen der Gastronomen dramatisch pölzten.

Doch bald schon hob Übermut sein dummes Haupt. Die strenge Disziplin hinsichtlich Distancing und Schutzmaske ließ peu à peu nach. Und wir alle machten einen klassischen Fehler nach Menschenart: Viel zu früh fielen wir in einen feurigen Optimismus-Modus. Dieser war durch keinerlei Seuchenmathematik gedeckt. Weshalb es zwingend zu einem nächsten Lockdown kommen musste, sogar dem härtesten und für viele ruinös-längsten.

Seit 19. Mai 2021 pfeift wieder das Murmeltier. Wieder treten wir aus der Finsternis eines Lockdowns in die Morgendämmerung eines „Lockups“. Wieder werden wir unseren Freunden, den Gastronomen, mit hohem Konsum helfen. Von aufmunternden Zurufen einzelner Geizkrägen können sie sich nichts kaufen. „Nur Bares ist Wahres“ bleibt das Motto der Hilfstruppen.

Also alles wie schon früher gehabt? Zum Glück nein. Selbst Skeptiker wie unsereins glauben jetzt namhaften Mathematikern, die einen soliden Optimismus rechtfertigen. Sie beziehen sich auf eine günstige Wechselbewegung. Das Böse flacht ab, das Gute legt zu. Speziell die täglich tiefere Durchimpfung und Immunisierung wird genannt. Aber auch die vom Ausland bewunderte Testkultur Österreich. Und eine Wiederkehr strengster Disziplin.

Als ich meine zwei Moderna-Impfungen empfing (notabene kein Privileg, ich war einfach dran) war ich glücklich überrascht. Die Schlange der Impfkandidaten hielt die doppelte Sicherheitsdistanz ein. Und aus den Masken perlte Gelächter.

„Ah, wie vital“, dachte ich. Und fand eine Rückkehr der Fröhlichkeit in den wenigen Tagen, die ich nun wieder die Wiener Schanigärten genießen durfte, voll bestätigt.

Ich halte die urbanen Schanigärten und alle Wirtshausgärten für unser stärkstes Ass im Ärmel. Sie werden den zähen und siegreichen Endkampf entscheiden, sofern uns nicht extra-giftige Virus-Mutanten die Suppe versalzen. Die Gärten waren bisher ein Nebenthema, werden aber diesmal voll ihren Segen entfalten. Dazu einige Argumente:

1. Sie waren im letzten brutalen Lockdown Sehnsuchtsorte. Wir blickten traurig über die Zäune auf leere Rasen und stellten uns diese von fröhlichen Genießern bevölkert vor. Nun, da dies tatsächlich im Maßstab eins zu eins zutrifft, ist die Kontrastwirkung überwältigend. Sie schenkt uns eine psychosomatische Extrakraft.

2. Gäste, die bisher die gedimmt-kuschelige Enge des Lokals vorzogen, werden die großzügigen Frischlufträume entdecken. Ein Vorbild werden ihnen unsere Herzibinkis, die Kellner, sein. Sie, die berufsbedingt fußmarod sind, genießen nun wieder, mit langen Schritten lange Gerade federnd abzuschreiten. In drei Tagen sind sie geheilt und den Gästen wieder humorvolle Betreuer.

3. Ich bin ein staatlich geprüfter Frischluft-Trinkprofi und diesbezüglich als Berater unersetzlich. So wie ich offene Roadsters/Cabrios den verlöteten Bürgerkäfigen vorziehe, vergöttere ich alle Aktivitäten unter freiem Himmel. Wer jetzt an das einst skandalträchtige Bild von Edouard Manet denkt, das „Frühstück im Grünen“, verrät viel über sich selbst.

4. Das ideale Gartenmöbel ist der Stehtisch mit dem Universalmöbel Barhocker. Dieser ist ergonomisch unübertroffen. Er erlaubt, neben ihm zu stehen, auf ihm zu sitzen oder mit einer Hinterbacke darauf zu knotzen. Er schenkt auch den besten Ausblick auf die anderen Pawlatschen-Gäste.

5. Auch im Vergleich zu historischen Gärten schneiden Wirtshausgärten aller Art blendend ab. Deduktiv, aus der Vogelschau gesehen, stinkt auch der Garten Eden dagegen ab. Er bescherte uns durch eine erste kirre Eva das Elend der Ur-Sünde. Derweil die Wirtshausgärten die fröhlichste Kreativität wachrufen. Gestern hörte ich in meinem Rücken den Ratschlag einer Mutti für die Tochter: „Du musst die Männer nehmen, wie sie sind. Aber du darfst sie nicht so lassen.“

6. Die Vorzüge der Gärten sind unendlich. Als Saldo bleibt immer: Wer sie nicht nützt, ist ein freiwilliger Selbstverstümmler. Den klugen Leserinnen und schönen Lesern der Kleinen Zeitung wünsche ich ein schnelles Happy End. Möge Corona bald nur noch als dunkelste Episode unserer Zeit in Erinnerung sein.

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