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Braucht der Tourismus Raumbeschränkungen?

29.05.2021 • 20:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Wie viel Tourismus ist für eine Region zu viel?<span class="copyright">Kegele</span>
Wie viel Tourismus ist für eine Region zu viel?Kegele

Pro und Kontra – Eine aktuelle Frage aus zwei Blickwinkeln beantwortet.

Stößt der Vorarlberger Tourismus an seine Grenzen und braucht Beschränkungen, was Gäste und ­Betten betrifft? Oder ist alles noch im grünen ­Bereich und an jegliche Art von Einschränkung ist nicht zu denken?

PRO: Nadine Kaspar, Tourismussprecherin der Grünen und Landtagsabgeordnete

„Overtourism“ führt in eine Sackgasse, das zeigen Entwicklungen in Städten wie Venedig oder Hallstatt. Kapazitätsgrenzen für bestimmte Regionen sind Chancen für den Tourismus.

Nadine Kaspar, Tourismussprecherin der Grünen und Landtagsabgeordnete<span class="copyright"> GRÜNE</span>
Nadine Kaspar, Tourismussprecherin der Grünen und Landtagsabgeordnete GRÜNE

Die Vorarlberger Berge und Seen, Dörfer und Städte sind nicht nur für uns Einheimische schöne Orte zum Leben. Menschen aus aller Welt haben die landschaftlichen wie kulturellen Reize Vorarlbergs längst entdeckt und während ihrer Urlaube lieben gelernt. Und so hat der Tourismus über die Jahre reichlich Arbeitsplätze und Wohlstand, dazu neue Blickwinkel in unser Land gebracht. Zu viele Touristinnen und ein touristisches Überangebot stellen Mensch und Natur jedoch auch in Vorarlberg vor große Herausforderungen. Kilometerlange Staus im Winter, überfüllte Ortskerne und Lokale hinterlassen bei der Bevölkerung – und bei den Gästen selbst – nicht selten das Gefühl, „überrollt“ zu werden. Hinzu kommen die Eingriffe in sensible Naturräume für noch breitere Pisten, Hotels, Zweitwohnsitze und anderes mehr. Die Folge: Verlust an Biodiversität, Bodenversiegelung und Wohnraumknappheit.

Ein Vorarlberg ganz ohne Tourismus? Nicht denkbar und genauso wenig wünschenswert. Aber uns stellt sich die Frage: Wie können wir den Tourismus so gestalten, dass er auf kurze wie lange Sicht für Natur und Bevölkerung verträglich ist? Dass die regionalen Wertschöpfungsketten gestärkt, aber nicht überlastet werden. Dass die Naturschätze Vorarlbergs als Grundlagen unseres Lebens und des Tourismus selbst nicht zerstört werden. Und dass Tiere und Pflanzen die Rückzugsräume und Erholungsphasen bekommen, die sie brauchen.
Ein Gast, der regionale Produkte, den persönlichen Kontakt in Familienbetrieben und die Natur mit all ihren Reizen wie Grenzen schätzt, ist ein wahrer Gewinn für Vorarl­berg. Ein solcher Gast legt Wert auf Genuss, authentische Erlebnisse und oft auch auf grüne Mobilität, ob mit Rad, Bus oder Zug. Was er eher nicht will, sind überfüllte Orte und verbaute Landschaften. Dass „Overtourism“ in eine Sackgasse führt, zeigen Entwicklungen in Städten wie Venedig oder Hallstatt sehr deutlich. Kapazitätsgrenzen für bestimmte Regionen ebenso wie Modelle der Besucherinnenlenkung, die Beschränkung von Zweitwohnsitzen und Schaffung von sicheren, auch inklusiven Arbeitsplätzen sind wertvolle Chancen für den Vorarl­berger Tourismus. Bleiben diese Chancen ungenützt, droht der Tourismus zur Belastung und Ausbeutungsmaschinerie zu werden, unter der Menschen und Landschaften gleichermaßen leiden.

Nur touristische Angebote, die die gegenwärtigen Grenzen der Regionen achten und künftige Generationen mitdenken, sind wirklich nachhaltig. Nur sie leisten auch auf lange Sicht einen Betrag zu mehr Lebensqualität für alle im Land, ob in Vorarlberg daheim oder zu Gast.

KONTRA: Christian Schützinger, Geschäftsführer der Vorarl­berg Tourismus GmbH

Vorarlberg ist weit davon entfernt, Kapazitätsbeschränkungen einführen zu müssen. Keine Rede von „Overtourism“. Touristen machen nicht einmal ein Fünftel der Bevölkerung aus.

Christian Schützinger, Geschäftsführer der Vorarl­berg Tourismus GmbH <span class="copyright">Rainer</span>
Christian Schützinger, Geschäftsführer der Vorarl­berg Tourismus GmbH Rainer

Gar keine Frage: Tourismus muss Grenzen haben. Es gibt Grenzen der Belastung für Naturräume, etwa im hochalpinen Gebiet oder in besonders schützenswerten Gebieten. Es gibt auch Grenzen der Belastung für die Bevölkerung. Das ist im Städtetourismus ein Thema, zum Beispiel in Venedig, in Salzburg oder auch in Hallstatt, wo die Besucherzahl die Einwohnerzahl um ein Vielfaches übersteigt.
Die Situation in Vorarlberg ist eine andere. Von Overtourism sind wir weit entfernt. Wir haben rund 70.000 Gästebetten, selbst bei Vollbelegung würden die Urlauber nicht einmal ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachen. In Vorarlberg besteht aktuell eher die Sorge, dass die Bettenzahlen zurückgehen. Immer mehr Privatzimmervermieter bauen ihre Zimmer zu Ferienwohnungen um, wodurch die vermieteten Einheiten größer und die Betten weniger werden. Derzeit entfallen noch rund 40 Prozent der Kapazitäten auf Privatbetten. Wichtig ist eine ausgewogene Mischung des Angebots aus Hotels verschiedener Kategorien, Privatzimmern, Ferienwohnungen, Urlaub am Bauernhof und Campingplätzen. Diese Vielfalt bringt eine durchmischte Gästestruktur, die gut zu unserem kleinen und von Vielfalt geprägten Lebensraum passt. Unsere Gäste schätzen das Angebot, das auch den Einheimischen zugutekommt. Viele Kultur-, Freizeit- und Sportangebote gäbe es ohne Tourismus nicht.

Durch das attraktive Angebot und die gute Erreichbarkeit in der Vierländerregion ist Vorarlberg auch ein beliebtes Ziel für Tagesgäste. Das macht mitunter eine gewisse Besucherlenkung notwendig. Um Lebens- und Naturräume zu schützen, bieten die Betriebe zum Beispiel geführte Touren an. Intensiv wird über Schutzgebiete informiert: Respektiere Deine Grenzen! Der Großteil hält sich daran.

Grenzen gibt es auch beim Ausbau der touristischen Infrastruktur. Kontroverse Diskussionen darüber sind für Projektbetreiber oft mühsam. Gleichzeitig sind sie wichtig, um als Gesellschaft die Fragen zu beantworten: Welchen Teil unseres begrenzten Lebensraums wollen wir nützen? Und vor allem wie? Dazu braucht es das Zusammenspiel mit Raumplanung, Verkehr, Landwirtschaft, Kultur, Umweltschutz usw. Nachhaltiger Tourismus agiert nie für sich allein.
Nur wenn es uns gelingt, Konsens zu finden, wird der Tourismus von den Vorarlbergerinnen und Vorarlbergern auch weiterhin positiv wahrgenommen. Dass das heute der Fall ist, hat eine Befragung gerade wieder bestätigt. Eine Bettenbegrenzung scheint mir auch deshalb nicht nötig.

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