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“Gänzlich verhindern können wir Gewalt nicht”

29.05.2021 • 20:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Ulrike Furtenbach von der ifs Gewaltschutzstelle in Feldkirch. <span class="copyright">Hartinger</span>
Ulrike Furtenbach von der ifs Gewaltschutzstelle in Feldkirch. Hartinger

Ulrike, Furtenbach, Leiterin der ifs-Gewaltschutzstelle, im Interview.

Am 26. November vergangenen Jahres hat ein 38-jähriger Mann in einer Wohnung in Bregenz seine ein Jahr jüngere Lebensgefährtin getreten und ihr Faustschläge gegen den Kopf versetzt. Zehn Tage später starb die Frau im LKH Feldkirch an den erlittenen schweren Kopfverletzungen. Gegen den 38-Jährigen wurde wie berichtet eine Anklage wegen Mordes eingebracht.
14 Frauen wurden heuer bislang österreichweit ermordet. 31 waren es laut polizeilicher Kriminalstatistik im Vorjahr, 41 waren es im Jahr davor. Ein Gespräch zum Thema mit Ulrike Furtenbach, der Leiterin der ifs-Gewaltschutzstelle.

In Zusammenhang mit den Morden an Frauen taucht immer wieder der Begriff Femizid auf. Was genau bedeutet er?
Ulrike Furtenbach: Von Femizid sprechen wir, wenn Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts getötet werden.

Nach jedem Frauenmord bricht in der Politik Aktionismus aus. Was hat der bisher gebracht?
Furtenbach: Da müssen wir einige Jahrzehnte zurückgehen und einen Blick darauf werfen, was zum Thema Gewalt an Frauen schon alles umgesetzt wurde. Seit 1997 haben wir das erste Gewaltschutzgesetz in Österreich, welches für Europa eine absolute Vorbildwirkung hatte. Dieses Gesetz regelt, dass nicht mehr die Opfer von häuslicher Gewalt gehen müssen, sondern die Gefährder. In der Zwischenzeit wurde dieses Gesetz immer wieder weiterentwickelt. Dramatische Situationen wie vermehrte Tötungsdelikte waren und sind immer wieder ein Anlass dafür, Gesetze und Angebote für gewaltbetroffene Frauen weiterzuentwickeln.

Was hat sich konkret verändert?
Furtenbach: Die gesetzliche Grundlage der Betretungsverbote wurde angepasst, die Opferrechte wurden ausgebaut, die Kooperation zwischen unterschiedlichen Einrichtungen intensiviert. Seit 2019 haben wir in Vorarlberg auch eine spezialisierte Frauenberatungsstelle für Betroffene von sexueller Gewalt. Das sind nur einige der Bereiche, die dazu beitragen, dass Frauen sich besser schützen können. Gänzlich verhindern können wir Gewalt trotz aller Bemühungen nicht.

Sie lässt sich also nicht wirklich verhindern?
Furtenbach: Es wäre unrealistisch zu behaupten, dass Gewalt und schwere Gewalttaten an Frauen gänzlich zu verhindern sind. Wichtig ist bei jedem Einzelfall, dass alle beteiligten Institutionen genau hinschauen, ob es Möglichkeiten gegeben hätte.

"Wichtig ist, bei jedem Einzelfall genau hinzuschauen."   <span class="copyright">Hartinger</span>
"Wichtig ist, bei jedem Einzelfall genau hinzuschauen." Hartinger

Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern werden in Österreich seit Jahren mehr Frauen als Männer ermordet. Wie erklären Sie sich das?
Furtenbach: Eine mögliche Erklärung ist, dass es keine einheitliche Methode gibt, wie europaweit Zahlen zum Thema häusliche Gewalt erhoben werden. So wird in vielen Ländern das Beziehungsverhältnis zwischen Täter und Opfer nicht einheitlich erfasst. Genau diese Erhebungen wären für eine genaue Analyse wichtig.

Viele der Morde passieren im Zusammenhang mit (vergangenen) Beziehungen. Wie kann es da zu einer derartigen Eskalation kommen?
Furtenbach: Besonders die Beendigung ist ein Grund, welcher für Frauen oft zu einer Hochrisikosituation führen kann, und Gewalt hört leider auch manchmal nach dem Ende der Beziehung nicht auf. Ein Grund dafür kann ein sehr traditionelles Rollenverständnis sein. Frauen erzählen auch in der Beratung, dass ihr Mann ihnen androhte, sie umzubringen, wenn sie ihn verlassen oder einen neuen Partner haben.

Wie weit spielt ein migrantischer Hintergrund eine Rolle?
Furtenbach: Gewalt in Beziehung erleben immer noch zu viele Frauen, unabhängig von ihrer Herkunft. Das erwähnte traditionelle Rollenverständnis zwischen den Geschlechtern hat Auswirkungen. Wenn patriarchale Strukturen noch sehr verfestigt sind, stellt das manchmal einen Risikofaktor dar.

Zur Person

Ulrike Furtenbach

Geboren 1958 in Innsbruck, lebt in Feldkirch.

Sozialarbeiterin, Ausbildung im Sozialmanagement und in der Täterarbeit.

Seit 1995 beim Institut für Sozialdienste, seit 2002 in der ifs-Gewaltschutzstelle, seit 2009 Leitung der Stelle.ifs-Gewaltschutzstelle,

Tel. 05-1755-535,

gewaltschutzstelle@ifs.at

Es wird oft kritisiert, dass die Verurteilungsrate bei Gewalttaten an Frauen gering ist, Ist das so?
Furtenbach: Bei Beziehungsdelikten kommt es sehr häufig zu Einstellungen. Das liegt aber nicht primär daran, dass die Gerichte nicht gut arbeiten. Viele Frauen wollen im Gericht aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht mehr gegen Partner oder Expartner aussagen, und so müssen diese Verfahren auch eingestellt werden.

Wie oft haben Sie mit Hochrisikofällen zu tun?
Furtenbach: Die Frage ist schwer zu beantworten. Weil was ist eigentlich ein Hochrisikofall? Grundsätzlich ist jeder einzelne Gewaltvorfall ernst zu nehmen. In der Praxis gibt es mehrere Instrumente, mit denen Hochrisikofälle bewertet werden. Bei genauer Bewertung kann jedoch festgestellt werden, dass nicht jeder dieser Fälle tatsächlich einen Hochrisikofall darstellt. Das genaue Hinsehen ist jedoch sehr wichtig.

Was können Alarmzeichen sein, bei denen es gefährlich werden kann?
Furtenbach: Wenn mehrere Faktoren zusammentreffen, wie Trennungssituation, schwere Gewalttaten, Gewalt mit Waffen, Verstoß gegen Schutzverfügungen, sind das Alarmzeichen und besteht der Verdacht, dass es sich um einen Hochrisikofall handelt. In solchen Situationen sind wir dann natürlich immer besonders achtsam.

Was machen Sie dann?
Furtenbach: Dann unterstützen und beraten wir Frauen auch dahingehend, dass es die ifs-Frauennotwohnung gibt, und vermitteln die Frauen auch an die Kolleginnen. Wir erarbeiten gemeinsam mit den Frauen Sicherheitspläne, arbeiten mit Einverständnis der Klientin eng mit den Behörden zusammen, informieren aber auch über die gesetzlichen Schutzmöglichkeiten, wie die einstweilige Verfügung.

"Es ist immer noch schambesetzt, über Gewalt zu reden."  <span class="copyright">Hartinger</span>
"Es ist immer noch schambesetzt, über Gewalt zu reden." Hartinger

Warum scheuen viele Frauen, die Gewalt ausgesetzt sind, den Weg, sich Hilfe zu suchen?
Furtenbach: Hierfür haben Frauen unterschiedliche Gründe. Zum einen ist es natürlich immer noch schambesetzt, darüber zu reden, dass der Partner, der Vater der Kinder Gewalt ausübt. Zudem haben viele Frauen die Hoffnung, dass es das letzte Mal war und der Mann sich ändern wird. Viele Frauen haben den verständlichen Wunsch nach einer gemeinsamen Familie, gemeinsam alt zu werden, und dieser Wunsch wird natürlich mit einer Scheidung/Trennung zerstört. In vielen Fällen ist es allerdings auch die finanzielle Abhängigkeit, warum eine Trennung schwerfällt.

Wie können Lösungsmöglichkeiten ausschauen bzw. was muss noch verstärkt gemacht werden, um Frauen bestmöglich zu schützen?
Furtenbach: Besonders wichtig ist es, das Thema Gewalt an Frauen bzw. Gewalt in Beziehungen immer wieder zu thematisieren. Gewalt gegen Frauen darf nicht mehr verharmlost werden, und sie müssen die Unterstützung der Gesellschaft erfahren. An betroffene Frauen selber appellieren wir, die Beratungsstellen frühzeitig aufzusuchen. Die Beratung in der ifs-Gewaltschutzstelle ist kostenlos, und die Mitarbeiterinnen unterliegen der Schweigepflicht. Unsere Unterstützung besteht darin, über unterschiedliche Möglichkeiten zu informieren, die einen Weg aufzeigen können, aus einer Gewaltbeziehung auszusteigen.

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