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Im Schnitt jeden Tag ein Igel

29.05.2021 • 19:30 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Anneliese Dalpez hat ihr Leben den Igeln verschrieben.<br><span class="copyright">Hartinger</span>
Anneliese Dalpez hat ihr Leben den Igeln verschrieben.
Hartinger

Anneliese Dalpez betreibt seit 37 Jahren die Igelstation Nüziders.

Information:

Igelstation Nüziders

Fraßenweg 4, Nüziders

Tel: 0664/1820750

dalpez.annelies@vcon.at

www.igelstation.at

Spendenkonto Igelstation:

AT91 3746 8001 0001 8457

Wenn es um meine Tiere geht, nehme ich mir die Zeit“, ist Anneliese Dalpez’ Reaktion auf die Interview­anfrage. Sie ist gerade 80 Jahre alt geworden – und kümmert sich als Obfrau des Tierschutzvereins Bludenz mit der Igelstation Nüziders seit sage und schreibe 37 Jahren um kranke Igel.
„Im zurückliegenden Jahr habe ich 360 Igel aufgenommen und gepflegt. Es kommen Menschen aus ganz Vorarlberg, sogar aus Tirol und Liechtenstein und bringen mir pflegebedürftige Igel“, erzählt sie. Nach so vielen Jahren ist sie eben bekannt – und hat viel Erfahrung. „Ich habe jemanden, der mir hilft bei der Pflege, aber er hat eine Familie mit drei Kindern und nicht beliebig viel Zeit. Sonst gibt es leider niemanden, der bereit wäre, einmal meinen Platz einzunehmen“, bedauert die Tierfreundin zutiefst.

Die kleinen Besucher fühlen sich bei Anneliese Dalpez sichtlich wohl.<br><span class="copyright">Hartinger</span>
Die kleinen Besucher fühlen sich bei Anneliese Dalpez sichtlich wohl.
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Kein Streicheltier

Sie arbeitet seit vielen Jahren mit einer Tierärztin zusammen, die auch zu ihr ins Haus kommt, wenn etwas ist. Ein Igel ist kein Streicheltier, das betont auch sie. Man kann vom Fenster aus am Abend Igel beobachten und sich freuen, wenn man Igel im Garten hat. Außer, wenn es nicht anders geht, sollte man sie aber auch dort belassen. „Vor Corona sind viele Kindergartengruppen zu mir gekommen, denen habe ich dann vom Igel erzählt. Dass er ein Wildtier ist und seine Ruhe braucht, verstehen Kinder fast besser als Erwachsene“, ist Dalpez’ Erfahrung. „Wenn jemand wegen eines Igels anruft, frage ich zum Beispiel, ob er frisst, ob er hustet und so weiter. Meine Beobachtung ist: Es werden immer mehr Igel gebracht.“ Das liege daran, dass häufiger Gift im Garten eingesetzt werde. Dass der Lebensraum immer beengter wird und Igel deshalb mehr Gefahrenquellen ausgesetzt sind, wie viel befahrenen Straßen. Aber auch daran, dass viele Menschen sensibilisiert sind für das Thema und bereit, zu helfen.

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Im Notfall anrufen

Wenn jemand Dalpez anruft wegen eines kranken oder verletzten Tiers, verweist sie entweder zum Tierarzt, gibt Rat und der Anrufer übernimmt die Pflege selbst, oder er bringt ihr den Findling. „Igel sollten keine Milch bekommen, die vertragen sie nicht.“ Eine große Kiste ist nun gefragt, in der wiederum eine kleinere Kiste als Unterschlupf dient. Möchte man einen Rückzugsort für Igel im Freien bauen, sollte dieser zwei Eingänge, aber keinen Boden besitzen. Igel lassen sich lieber vom Gras oder der Erde wärmen beziehungsweise kühlen. Bevor man einen Laubhaufen verbrennt, sollte man ihn nach Igeln absuchen.
Anneliese Dalpez entlässt alle Igel wieder in die Natur, am liebs­ten paarweise und in Gärten von Igelliebhabern. Ihr Wunsch? „Noch mehr Igelstationen im Land.“

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Helfen statt sich einzuigeln

Igel sind bei uns allerhand Gefahren ausgesetzt: Autos, Teichen, Rasenrobotern. Denise Helth vom Verein Wildtierhilfe Vorarlberg erklärt, wie man Igeln am besten helfen kann.

gel sind nachtaktive Tiere. Findet man tagsüber ein solches Stacheltier, braucht dieses in den meisten Fällen Hilfe. Manchmal sind es allerdings Jungtiere, die im Herbst auch den Tag für die Futtersuche nutzen, um sich ein ausreichendes Fettpolster zuzulegen. Schaffen sie das nicht, sollten auch sie in menschliche Obhut genommen werden. Am besten, man ruft in solchen Fällen und bevor man das Tier anfasst, zum Beispiel beim 2015 gegründeten Verein Wildtierhilfe Vorarlberg an. Sieben engagierte Tierpflegerinnen und Wildtiererfahrene können Anleitungen für die erste Hilfe geben.

Wurde das Tier angefahren, liegt es auf der Seite oder atmet es schwer, ist es wichtig, einen Tierarzt aufzusuchen – es gibt häufig einen tierärztlichen Notdienst. „Auch Tiere haben ein Recht darauf, von ihren Schmerzen erlöst zu werden“, sagt die 24-jährige Denise Helth von der Wildtierhilfe in Vorarlberg. In allen anderen Fällen wird telefonisch zum Beispiel mit der Wildtierhilfe abgeklärt, ob das Tier Hilfe braucht und man es mitnehmen sollte oder man es in seinem Lebensraum belässt. Ist es unterkühlt, empfiehlt sich eine Wärmflasche, die so platziert sein sollte, dass der Igel auf Abstand gehen kann, wenn es ihm zu warm wird. Außerdem kann ein Schälchen mit Wasser hingestellt werden und etwas Katzentrocken- oder Nassfutter. Ist der Igel sehr schwach, sollte zunächst abgeklärt werden, was ihm fehlt. Er könnte sich sonst am Futter verschlucken.

Verein Wildtierhilfe Vorarlberg kümmert sich um die Vierbeiner.<br><span class="copyright">Hartinger</span>
Verein Wildtierhilfe Vorarlberg kümmert sich um die Vierbeiner.
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Ist der Igel krank, hat er möglicherweise viele Parasiten. Allerdings sollte auch beim Tierarzt keine Behandlung gegen Parasiten erfolgen, diese chemischen Mittel würden den geschwächten Körper überfordern. Auch Zecken sollen nicht sofort entfernt werden, da jede Zecke dann noch einmal Gift absondert. Igel können von Hautpilzen befallen sein, die auf den Menschen übertragbar sind. Deshalb ist es wichtig, im Umgang mit dem Tier stets Handschuhe zu tragen.
Für jedes Wildtier gilt: Es hat vor dem Menschen Angst, der Mensch ist sein Feind. Daher sollte man sich dem Tier nur nähern, wenn es offensichtlich krank ist und es auch, wenn man es in seine Obhut genommen hat, so weit wie möglich in Ruhe lassen. Alles andere wäre unnötiger Stress für den Igel. Es eignen sich dafür ruhige, dunkle Räume wie der Keller. „Außerdem sollte man sich darüber im Klaren sein, dass Igel Eiweißfresser sind und sehr stark riechen“, erklärt Helth. Sie und ihre Kolleginnen nehmen kranke Tiere auf.
Häufigste Krankheiten sind Lungenentzündungen und Würmer in der Lunge, Infektionen, Pilzbefall oder verstümmelte Beine durch Rasenroboter. „Wir bitten darum, dass die Leute ihre Roboter nur tagsüber fahren lassen und diese die Igel, die nachts auf der Suche nach Schnecken und anderen Insekten durch die Gärten wandern, verschonen.“ Igel erstarren oder rollen sich zusammen – kein Verhalten, das den Rasenroboter erfolgreich zum Umkehren bewegen könnte.

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“Leider haben die Menschen eigene Vorstellungen vom aufgeräumten Garten. Wir schlagen vor, dass man im Garten ein ruhiges Eck schafft, wo die Tiere in Ruhe leben können. In Wasserschalen im Garten sollten Steine liegen, auf die kleine Tiere klettern können, um wieder hinauszugelangen. Auch für Teiche sollte man eine Ausstiegshilfe basteln, Pools am besten nachts abdecken. Viele Igel ertrinken in Pools oder Teichen“, erklärt Helth. Es gibt Holzhäuschen speziell für Igel, die man zum Beispiel unter seine Hecke stellen kann, um unseren Gartennachbarn ein Zuhause zu bieten. „Man sollte nicht vergessen, dass der Igel ein Nützling ist, der verlässlich Schnecken und Insekten vertilgt. Daher sollte man auch im eigenen Garten vollständig auf Chemie verzichten“, lautet ihr Plädoyer.
In Egg hat sie eine Kollegin, die wie sie selbst kranke Igel aufnimmt. Das Schönste an der Igelpflege? „Wenn man sie auswildert und sie von hinten sieht. Man hat ihnen eine zweite Chance geschenkt, und das zu wissen, tut gut. Wir nehmen diesen Tieren so viel, zum Beispiel ihren Lebensraum. Da ist es nur gerecht, wenn wir uns im Tier- oder Naturschutz engagieren.“

Information:

Wildtierhilfe Vorarlberg

Tel. 0664-3711639

Telefonzeiten: 9–11 und 17–19 Uhr

wildtierhilfe-vorarlberg@outlook.at

www.wildtierhilfe-vorarlberg.at

IBAN: AT86 3745 8000 0435 1086

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