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“Landeverbote sind reine Symbolpolitik”

29.05.2021 • 13:30 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Alexis von Hoensbroech
Alexis von Hoensbroech (c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

AUA-Chef Alexis von Hoensbroech über schlechte Maßnahmen der Regierung.

Die AUA ist kurz zum Spielball im Konflikt der EU mit Weißrussland geworden. Russland vereitelte einen AUA-Flug nach Moskau. Sind da noch mehr Probleme zu befürchten?
ALEXIS VON HOENSBROECH: Wir freuen uns, dass wir für unseren Flug am Freitag wieder eine Genehmigung erhalten haben und sind auch im Hinblick auf weitere Flüge optimistisch.

Auch ein politisches, aber ganz anderes Thema: Die Rufe nach einem Ende von Kurzstreckenflügen werden lauter. Die ÖBB rüstet ihr Nachtzug-Angebot auf. Was bedeutet das für die AUA?
Nachtzüge sind eine gute Ergänzung zum Flugangebot. Ein Nachtzug nach Amsterdam kann jedoch keine drei Airbus ersetzen, die diese Strecke täglich hin und her fliegen.

Die AUA fährt gerade ihr Angebot wieder in die Höhe. Wie entwickeln sich die Buchungen?
Die haben sich in den vergangenen vier Wochen vervierfacht. Seit der Öffnung sind wir jetzt bei der Hälfte der Buchungen wie zu dieser Zeit vor der Krise. Weil wir uns als Hobby-Virologen jetzt mit Exponentialfunktionen auskennen: die Buchungszahlen erinnern stark an die steile Kurve. Der Grüne Pass ist auch der Weg in die richtige Richtung. Nur brauchen wir schnell eine globale Lösung.

Zeigt sonst die Kurve im September wieder steil nach unten?
Glaube ich nicht. Die Pandemie sollte ja bald durch die Impfungen beendet werden.

Klimaministerin Leonore Gewessler will bei der EU einen Vorschlag einbringen, wie Ticket-Dumping gestoppt werden kann. Halten Sie das für realistisch?
Wir sind gegen Dumpingpreise, die Kosten nicht decken und nur künstliche Nachfrage schaffen. Die sind ökologisch, ökonomisch und politisch nicht sinnvoll, weil sie eine Diskussion befeuern, die nicht gut ist. Wenn eine solche Regelung kommt, dann halte ich sie grundsätzlich für vernünftig.

Nur einmal im Jahr in den Urlaub fliegen, wie EU-Klimakommissar Frans Timmermans appelliert hat, ist das vernünftig?
Es ist gut, dass Fliegen kein Privileg mehr der Reichen und Schönen ist. Flüge werden für jedermann erschwinglich bleiben. Zug statt Flug klingt gut, aber der Bereich, wo sich das Geschäft überlappt, ist klein.

Das sehen Kritiker anders.
Die Kurzstreckenflüge sind für vier Prozent des CO2-Ausstoßes der Fluggesellschaften verantwortlich. Aus der Klimaperspektive wären doch die anderen 96 Prozent viel wichtiger. Dazu finde ich die politische Diskussion zu undynamisch.

Vielleicht, weil die alternativen Treibstoffe in weiter Ferne liegen?
Es gibt kein Naturgesetz, dass Treibstoff aus fossilen Rohstoffen bestehen muss. Synthetische Alternativen sind bekannt. Wenn man nicht mehr im Labor zu Apothekerpreisen, sondern industriell produziert, erreicht man ein Preisniveau, das nur moderat höher ist als der Kerosinpreis. Und wie alle anderen erneuerbaren Energieformen sollte man das auch fördern.

Was sagt Ihr Radar: Sind die Billig-Airlines schon im Anflug?
Wien war 2019 wirklich der Ground Zero der europäischen Billigflug-Schlachten. Alle außer uns haben Geld verloren. Die Lust, in große Preisschlachten zu investieren, könnte jetzt geringer sein. Die Billigairlines haben im Gegensatz zu uns auch ihre Piloten zum größten Teil entlassen. Möglicherweise fällt es denen nicht leicht, kurzfristig die Kapazitäten hochzufahren. Aber sie werden mit Macht zurückkommen.

Zur Person

Alexis von Hoensbroech, geboren am 3. Oktober 1970 in Köln. Der Astrophysiker heuerte nach dem Doktorat bei der Boston Consulting Group an.

Projekte mit Kunden der Airline-Industrie führten ihn 2005 in die Strategieabteilung des Lufthansa-Konzerns, wo er in Folge viele operative Schlüsselfunktionen bekleidete, bevor er Anfang August 2018 zum Chef der Austrian Airlines wurde.

Die AUA musste 2020 mit Staatshilfe gerettet werden. Die Airline wurde deutlich verkleinert.
Der 50-Jährige lebt mit seiner Frau und fünf Kindern in Wien.

Wie viel Geld verbrennt die AUA derzeit noch pro Tag?
Im Moment gar keins, weil die Buchungen so gut sind.

Die Bilanz heuer wird noch tiefrot sein. Kann die AUA die Staatshilfe zurückzahlen?
Wir zahlen Ende 2021 die ersten 60 Millionen zurück, das schaffen wir. 2022 wollen wir schwarze Zahlen schreiben.

Liegt das Langstreckengeschäft nicht noch am Boden?
Unsere Flüge nach Asien rechnen sich zum Glück durch das starke Luftfrachtgeschäft. Das Passagieraufkommen wird bis 2023 schwach bleiben. Unsere Flieger über den Nordatlantik sind recht gut gefüllt. Mit Albanern, Armeniern oder Ukrainern. Dass nur EU-Bürger nicht fliegen dürfen, das muss dringend fallen. Wir brauchen für schwarze Zahlen 2022 ein Ende der Restriktionen in und um Europa und über den Nordatlantik. Manchmal legt uns auch Österreich Steine in den Weg.

Wie meinen Sie das?
Weil man ab 1. Juni nicht einfach wie andere Länder strenge Einreisebestimmungen für Passagiere aus Großbritannien vorsieht, sondern zusätzlich ein Landeverbot verhängt. Nur Österreich macht das. Das ist reine Symbolpolitik. Was passiert jetzt: Wir müssen tausende Menschen umbuchen, Tickets bei anderen Airlines für sie kaufen, damit sie über andere Orte fliegen, um nach Wien zu kommen. Wir hatten das Problem auch mit Südafrika. Da wurde uns hoch und heilig versprochen, das nie wieder zu machen. Das ist nur kontraproduktiv. Beim Flieger, der aus Amsterdam in Wien landet, weiß niemand, woher die Passagiere eigentlich gekommen sind.

Wird der Arbeitsplatzabbau verschärft?
Nein. Die Hälfte des geplanten Stellenabbaus (1350 Vollzeitstellen, Anm.) ist schon durch Fluktuation gelungen, bei allen wird sich das nicht vollständig ausgehen. Wir reden gerade mit dem Betriebsrat, um Kündigungen zu vermeiden. Vielleicht wäre kollektive Teilzeit etwa bei betroffenen Bereichen eine mögliche Lösung.

Sie haben vor und während der Krise die AUA massiv umgebaut. Wie viel produktiver ist sie jetzt?
Obwohl wir künftig kleiner sind, werden wir deutlich günstiger fliegen als vorher. Die Flieger werden viel mehr in der Luft sein. Die Flotte ist bald bereinigt. Wir haben uns von ganz viel Infrastruktur getrennt, brauchen nur noch die Hälfte des Headoffices in Schwechat. Im Rest richten wir Co-Working-Spaces ein. Auch ich habe dann kein eigenes Büro mehr.

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