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Vom Kuhstall ins Büro und wieder zurück

30.05.2021 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Technisch ist der 2010 neu erbaute Stall auf dem neuesten Stand.<br><span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Technisch ist der 2010 neu erbaute Stall auf dem neuesten Stand.
Klaus Hartinger

Petra und German Nigsch bringen Hof und Hauptberuf unter einen Hut.

Der Arbeitstag von German Nigsch aus Sonntag beginnt um 4.45 Uhr. Jeden Morgen macht sich der 55-Jährige um diese Uhrzeit auf den Weg in den Stall, um die 13 Milchkühe zu versorgen. Nach getaner Stallarbeit tauscht er Arbeitskleidung gegen Büro-Outfit: Tagsüber geht er als Geschäftsführer des Maschinenrings Oberland einer gänzlich anderen Tätigkeit nach.
Das frühe Aufstehen und die unzähligen Arbeitsstunden machen dem dreifachen Familienvater nichts aus, im Gegenteil: „Die Arbeiten auf dem Hof sind ein Ausgleich zu meinem Bürojob. Ich mache das sehr gerne“, betont er. Auch seine Frau Petra vereinbart ihre Anstellung in einem Büro, Familie, Haushalt und die Landwirtschaft. Zum Glück packt auf dem Bauernhof die komplette Familie mit an. Neben den drei Kindern Luca (18), Lea (16) und Elisa (12) sind das auch noch die 80-jährige Mutter und der 85-jährige Vater von German Nigsch, sowie sein Bruder und seine Neffen.

Bereits als die Eltern den Betrieb noch führten, war dieser auf Milchwirtschaft ausgerichtet. Damals wurde der Hof allerdings noch im Vollerwerb bewirtschaftet. „Mit der Milchwirtschaft ist es momentan sehr schwierig. Das Einkommen reicht nicht, um eine Familie zu ernähren“, bedauert der Landwirt. Und da ist noch ein Punkt, der ihn nachdenklich stimmt: „Ich vermisse die Wertschätzung uns Milchbauern gegenüber. Wir werden oft kritisiert. Es gibt sicher auch ein paar schwarze Schafe, aber man kann nicht alle in einen Topf werfen.“

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Aufklärungsarbeit

Diesbezüglich Aufklärungsarbeit zu leisten, das hat sich Familie Nigsch zum Ziel gesetzt. „Wir wollen zeigen, wer wir sind und was wir tun. Die Leute können uns besuchen und sich selbst ein Bild davon machen, wie es in der Realität auf einem Bauernhof zugeht. Deshalb haben wir unseren Betrieb auch „Luag ihi – Erlebnisbauernhof“ genannt“, erklärt Petra Nigsch. Im Rahmen der Projekte „Schule am Bauernhof“ und „Bauernhof-Detektive“ versucht die Landwirtin, Kindern spielerisch Themen rund um die Herstellung und Qualität von Lebensmitteln, Tiere am Hof und dem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur näherzubringen. Sie sieht ihre Aufgabe nicht nur darin, zu informieren, sondern auch zwischen Konsumenten und Landwirten zu vermitteln: „Bei den Gesprächen auf dem Hof müssen wir uns auch immer wieder mit kritischen Fragen auseinandersetzen.“

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Social Media

Wenn es die Zeit erlaubt, berichtet die 45-Jährige auch auf Social Media über den Alltag auf einem Bauernhof. Unter dem Titel „Ein paar Dinge, die man als Erwachsener wissen sollte“ verfasste sie einen Beitrag, der über 650 Mal geteilt wurde und mehr als 68.000 Menschen erreichte.
In diesem Post geht es unter anderem auch darum, dass ein Rind zur Milchkuh wird, wenn es ein Kalb zur Welt bringt, und eine Kuh nur so lange Milch gibt, wie das Kalb Milch benötigt. Wenn die Kuh nicht erneut trächtig wird, gibt sie auch keine Milch mehr. Warum Petra Nigsch solche scheinbar auf der Hand liegende Informationen postet? „Weil ich immer wieder mit sehr viel Unwissenheit von Seiten der Konsumenten konfrontiert bin und die Menschen hellhörig machen möchte. Ich möchte das Interesse dafür wecken, nachzuforschen, wo das Fleisch oder der Käse herkommt. Vielleicht erkundigt sich der eine oder andere auch mal in der Gastronomie nach der Herkunft der Lebensmittel, die dort verwendet werden.“

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Seit über 20 Jahren

Petra und German Nigsch führen den Betrieb, der inmitten des Biosphärenparks Großes Walsertal liegt, seit mittlerweile über 20 Jahren. Insgesamt werden rund 16 Hektar bewirtschaftet. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um sehr steile Bergwiesen, die mit Maschinen nicht befahrbar sind.
Im Jahr 2019 wurde die Familie durch ein Unglück von heute auf morgen vor die Entscheidung gestellt, wie es mit dem Hof weitergehen soll. Ein Großbrand zog sowohl das Stallgebäude als auch das Wohnhaus der Eltern arg in Mitleidenschaft. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. „Wir mussten uns ganz viele Gedanken machen, wie der Betrieb in Zukunft geführt werden soll und welche Investitionen gemacht werden“, erzählt Petra Nigsch. Die Entscheidung fiel auf einen kompletten Neubau.

Die Heumilch wird an in die Sennerei Thüringerberg geliefert, wo sie großteils zu Bergkäse verarbeitet wird. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die Heumilch wird an in die Sennerei Thüringerberg geliefert, wo sie großteils zu Bergkäse verarbeitet wird. Klaus Hartinger

Seither sind die 13 Brown-Swiss-Kühe inklusive Nachzucht in einem geräumigen Laufstall untergebracht, von wo sie auch ins Freie gelangen. Im Frühling und im Herbst grasen die Kühe je nach Witterung auf den umliegenden Wiesen. „Heuer ist die Vegetation sehr spät dran. Wir müssen uns an die Natur anpassen und mit den Jahreszeiten leben“, betont die Landwirtin. Im Sommer ziehen dann die Alt-Bauern mit den Kühen und Hühnern auf die Alpe Laguz, während sich ihr Sohn und dessen Familie um die daheim gebliebenen Pferde und die Heuernte kümmern. „Wir machen das alle mit einer Riesenbegeisterung“, schwärmt German Nigsch. Auch die nächste Generation zeigt bereits Interesse an der Landwirtschaft. Die Zukunft des luag-ihi-Erlebnisbauernhofs in Sonntag scheint gesichert.

Luag ihi Erlebnisbauernhof

Petra und German Nigsch

Garsella 41, Sonntag

Telefon: 0680 3238426

13 Brown-Swiss-Kühe inkl. Nachzucht, drei Pferde, zehn Hühner und ein Hahn

Milchwirtschaft, Schule am Bauernhof und Bauernhof-Detektive

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