Allgemein

“Wir verlieren den Bezug zur Normalität”

01.06.2021 • 17:11 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
"Wenn wir drüber raunzen, wird das Wetter nicht besser": Marcus Wadsak kann auch einem verregneten Mai viel abgewinnen
“Wenn wir drüber raunzen, wird das Wetter nicht besser”: Marcus Wadsak kann auch einem verregneten Mai viel abgewinnen Akos Burg

Wir sind kühle Wetterphasen nicht mehr gewohnt, sagt Marcus Wadsak.

Flehende Frage an Österreichs bekanntestes Wetter-Gesicht: Wann kommt er denn nun endlich, der Sommer?

Marcus Wadsak: Ja, diese Frage kommt derzeit so circa hundert Mal am Tag. Es gibt nur leider noch keine Antwort darauf. In der kommenden Woche sehen wir zwar eine Tendenz zu höheren Temperaturen und zu einer Wetterstabilisierung. Aber es kommt nicht das, was die Menschen aus den vergangenen Jahren rund um die Zeit Ende Mai und Anfang Juni kennen: Badewetter mit 30 Grad. Das ist weiter nicht in Sicht. Ich sage immer: Es ist ja auch noch Frühling, der Sommer beginnt am 21. Juni. Und bis dahin darf es schon noch so sein wie derzeit.

Es bleibt vorerst auch im Juni bei unterdurchschnittlichen Temperaturen?

Wir nähern uns in der Fronleichnamswoche jenen Temperaturen, die wirklich im langjährigen Mittel liegen. Es ist nur so, dass die vergangenen Jahre alle deutlich darüber gelegen sind. Wir sind es aufgrund der warmen Phasen nicht mehr gewöhnt, dass eine Jahreszeit einmal dem Mittel entspricht. So etwas werden wir nächste Woche erleben und es wird uns trotzdem kalt vorkommen. Der heurige Frühling war die erste Jahreszeit seit acht Jahren, die bei uns kühler ausgefallen ist als im langjährigen Durchschnitt. Durch den Klimawandel haben wir den Bezug zur Normalität von früher fast schon verloren.

Was ist der Grund für diesen kühlen Ausreißer aus dem Erwärmungstrend?

Wir haben es mit einem komplett veränderten Strömungsmuster zu tun, das sich heuer sehr hartnäckig etabliert hat. Was wir seit Wochen erleben, sind sehr starke Tiefdruckgebiete, die zwischen den Britischen Inseln und Skandinavien herumpendeln. Dieser Wirbel saugt polare Kaltluft aus dem hohen Norden an und drängt sie an die Alpen. Man kann sich das wie eine Welle vorstellen, in deren Tal wir liegen. Östlich von uns gibt es einen Wellenberg, ein Hoch mit Sonnenschein. In Russland wurden letzte Woche am Polarkreis bereits 30 Grad gemessen. Die Wärme ist nicht weg, sie ist heuer nur ein paar hundert bis tausend Kilometer weiter östlich.

Warum halten sich diese Bedingungen derart beständig?

Das Wellental reicht heuer etwas weiter als üblich in den Süden und der Wellenberg mit der Hitze dafür weit in den Norden. Durch dieses Auslenken der Wellen ist diese Wetterlage sehr stabil. Normalerweise würde sie nach einer Woche oder zehn Tagen weiterziehen.

Was müsste eintreten, damit sich das ändert?

Ein ausgeprägtes Azorenhoch, das sich über weite Teile Europas ausdehnt und dieses Tief ein für alle Mal zurückdrängt. Bisher sind die Strömungen aus Südwesten zu schwach dafür.

Nervt es auch den Fernseh-Meteorologen, wochenlang keine wirklich erbaulichen Wetternachrichten im Gepäck zu haben?

Nein, definitiv nicht. Wir erleben derzeit eine Phase ohne Wetterprobleme. Es gibt keine schweren Unwetter, keine Überschwemmungen, auch die Nachtfröste haben sich halbwegs in Grenzen gehalten. Mir fehlt auch etwas die Sonne und ich hätte auch Verständnis für die Ungeduld vieler Menschen. Nur ich nehme sie eigentlich gar nicht so wahr. Es ist für mich absolut erstaunlich, dass mir über die sozialen Netzwerke so viele Menschen schreiben, sie sind so froh, dass es nach Jahren der Trockenheit und Hitze einen Frühling gibt, der ausreichend Niederschlag bringt. Wer in der Natur unterwegs ist, sieht es ja auch: So grün waren die Felder in den letzten Jahren nie. Es muss nicht immer sonnig und heiß sein. Das Wetter ist, wie es ist. Und wenn wir drüber raunzen, wird es auch nicht besser.

Zur Person

Macus Wadsak, geboren 1970 in Wien, leitet die Wetterredaktion des ORF. Der Meteorologe war jahrelang Wetter-Anchor im Ö3-Wecker und moderiert seit 2004 das ZiB-Wetter.

Jüngstes Buch: Klimawandel: Fakten gegen Fake & Fiction (Braumüller 2020)

Im Netz wird geätzt, es habe immer geheißen, der Klimawandel mache es auch bei uns wärmer, jetzt sei es aber kälter geworden.

Was wir derzeit erleben, ist das lokale Wetter in Österreich und bei unseren Nachbarn. Insgesamt hat der Klimawandel keine Pause gemacht, ganz im Gegenteil. Die angesprochenen 30 Grad am Polarkreis gab es vorher noch nie. Die globale Mitteltemperatur liegt jeden einzelnen Tag über dem Durchschnitt, die Erwärmung nimmt an Fahrt zu. Wir haben eben derzeit eine Wetterlage mit einer kühleren und nasseren Phase. Seit dem Jahr 2000 hatten wir in Österreich kein einziges Jahr, das unterdurchschnittlich warm war. Wir leben bei uns also seit 20 Jahren in einer Heißzeit. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir auch heuer bereits einen Februar erlebt haben, der um 2,7 Grad über dem Mittel lag.

Es gibt Menschen, denen das mehr zugesagt haben dürfte als ein kalter Monat. Gut für sie, dass es den Klimawandel gibt?

Ich verstehe ja, dass es Menschen gibt, die es gern sonnig und heiß haben. Ich gehe aber davon aus, dass die nicht in Städten leben. Dort weiß man, was im Sommer 35 Grad und mehr bedeuten, vor allem verbunden mit einer stark anwachsenden Zahl von Tropennächten, in denen es nicht mehr abkühlt. Das ist Stress und kein Wohlfühlen mehr. Aufgrund der Hitze sterben in Österreich bereits Menschen, 2015 waren es rund tausend. Der Klimawandel richtet schon jetzt enorme Schäden an, auch jenseits unserer Grenzen. Das droht bald katastrophale Ausmaße anzunehmen, sodass Menschen in ihren Regionen nicht mehr leben können. Das auszublenden und zu sagen, juhu, bei mir hat’s 30 Grad, der Rest ist mir wurscht, das ist in meinen Augen ein falscher Zugang. Der Klimawandel ist die größte Herausforderung, vor der wir in diesem Jahrhundert stehen.

Sogenannte „Klimaleugner“ zweifeln immer noch daran.

Die Treibhausgase, die wir ausstoßen, treiben die Erwärmung der Atmosphäre voran. Das ist simple Physik und ein Faktum. Der wissenschaftliche Konsens dazu liegt bei 100 Prozent. Darüber brauchen wir nicht mehr zu diskutieren.

Dennoch scheinen sich die oft in Foren verbreiteten „alternativen Theorien“ hartnäckig zu halten.

Aus meinen eigenen Beobachtungen heraus kann ich sagen, dass die Menschen, die so etwas glauben, in den letzten Jahren weniger geworden sind. Das wissen sie auch, denn sie kommen immer weniger gegen die Fakten an. Das Thema ist durch, bei der Politik, in der Wirtschaft, bei den Menschen.

Warum ist dann kein echter politischer Kraftakt gegen die Klimakrise auszumachen, wie er bei der Coronakrise gesetzt wurde?

Die Klimakrise wird uns wesentlich länger beschäftigen und wir werden auch keine Impfung dagegen erfinden. Ich durfte darüber letzte Woche im Parlament mit Vertretern aller Parteien sprechen. Mein Appell war: Es muss einen politischen Schulterschluss geben, das ist kein parteipolitisches Thema, sondern eine Bedrohung für jeden Menschen auf der Erde.

Sie haben von den Politikern auch gefordert: „Seien Sie ehrlich und sagen Sie den Menschen, was kommt!“ Was kommt denn?

Wenn wir so weitermachen wie bisher, haben wir noch neun Jahre Zeit, die Temperaturkurve auf höherem Niveau zu stabilisieren. Die Kurve geht gerade in Richtung eines exponentiellen Anstiegs. Wir hatten seit Ende der letzten Eiszeit stabile Klimaverhältnisse auf der ganzen Erde, was das Sesshaftwerden der Menschen erst ermöglicht hat. Wenn wir jetzt nichts unternehmen, wird die Erwärmung zum Selbstläufer. Dann ist sie nicht mehr aufzuhalten und wir kommen von der Klimakrise direkt in die Klimakatastrophe.

Von der Klima-Zukunft zurück in die Wetter-Gegenwart: Droht nach dem unterkühlten Frühjahr ein durchwachsener Sommer?

Grundsätzlich hat der Frühling keine Auswirkungen auf dem Sommer. Aber im Juni wird jetzt interessant, wie sich die Großwetterlage entwickelt. Kommt es zu einem ausgedehnten Azorenhoch, ist das ein deutliches Signal für einen überwiegend freundlichen und warmen Sommer. Passiert das nicht, ist aber nicht alles verloren, dann bleibt das Rennen offen.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.