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Armutsgefahr im Ländle wächst

07.06.2021 • 21:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Essensausgabe beim „Tischlein deck dich“ in Dornbirn.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Essensausgabe beim „Tischlein deck dich“ in Dornbirn. Klaus Hartinger

Fast ein Viertel der Vorarlberger ist von Armut und Ausgrenzung bedroht.

Die Armutsgefährdung hat in Vorarlberg in den vergangenen Jahren zugenommen. Zu diesem Schluss kommt die Vorarlberger Armutskonferenz aufgrund von jüngst veröffentlichten Erhebungen der Statistik Austria für das Jahr 2019. Landesweit sind demnach etwa 75.000 Menschen armutsgefährdet, das sind 18,8 Prozent der Bevölkerung und damit der höchste Wert seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2003. Im Bundesschnitt waren im Vergleich nur 13,3 Prozent armutsgefährdet.

Landesregierung unter Kritik

Die Armutskonferenz übt deshalb in einer Aussendung heftige Kritik an der Landesregierung, deren Armutspolitik sie für „wirkungslos“ erklärt. Das Versprechen der schwarz-grünen Koalition, ein besonderes Augenmerk auf die Armutsprävention zu legen, sei nicht erfüllt worden. „Seit 2012 stiegen in Vorarlberg die Armutsgefährdungsquoten unbeeinflusst von den Maßnahmen der Landesregierung kontinuierlich“, so die Armutskonferenz. Im Bundesschnitt sanken die Zahlen hingegen. Das Büro der zuständigen Landesrätin Katharina Wiesflecker (Grüne) wollte vorerst keine Stellungnahme abgeben.

Michael Diettrich, Sprecher der Vorarlberger Armutskonferenz. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Michael Diettrich, Sprecher der Vorarlberger Armutskonferenz. Klaus Hartinger

Als armutsgefährdet gilt, wer mit 60 Prozent oder weniger eines mittleren Einkommens leben muss. Die Grenze lag 2019 bei 1328 Euro netto im Monat.
Besonders schlecht steht das ärmste Viertel der Haushalte da: Beim Jahresnettoeinkommen pro Kopf lag Vorarlberg hier im Ländervergleich vor Wien an vorletzter Stelle. Zwar weist Vorarlberg im Bundesvergleich relativ hohe Haushaltseinkommen auf, diese berücksichtigen aber nicht die Anzahl der Haushaltsmitglieder.

Rechnet man jene Vorarlberger Haushalte hinzu, die zwar nicht armutsgefährdet sind, aber beispielsweise ihre Miete nicht regelmäßig bezahlen, unerwartete Ausgaben nicht tätigen oder im Winter nicht heizen können, sind sogar 91.000 Menschen betroffen. „Hier geht es de facto um fast ein Viertel der Vorarlberger Bevölkerung“, so Michael Diettrich, Sprecher der Armutskonferenz.

„Die Mieten sind unangemessen hoch.“

Michael Diettrich, Vorarlberger Armutskonferenz

Migration nicht alleiniger Faktor

Dass die Armutsgefährdung gerade in Vorarlberg und Wien, zwei Bundesländern mit einem hohen Migrantenateil, hoch ist, kann laut Diettrich nicht allein darauf zurückgeführt werden: „Über alle Bundesländer hinweg betrachtet, lässt sich kein direkter Zusammenhang zwischen dem Migrantenanteil und der Armutsgefährdung erkennen.“ Tatsächlich leben in Salzburg und Tirol zwar ähnlich viele Zuwanderer, die Armutsgefährdung ist dort jedoch deutlich geringer.

Mieten als Armutsfalle

Laut Armutskonferenz wird die Debatte außerdem zu sehr auf die Mindestsicherung zugespitzt, man müsse das Augenmerk vielmehr verstärkt auf die Wohnbeihilfe legen. Diese erweist sich derzeit als wenig treffsicher. „Die Mietkosten sind wirklich explodiert“, verweist Diettrich auf die Entwicklung des Wohnungsmarktes. Viele Menschen würden etwa keine Beihilfe bekommen, da ihre Mieten zu hoch sind: „Wenn die Gemeinde die Miete vor Ort als unangemessen hoch einstuft, kann die Wohnung nicht gefördert werden. Die Mieten sind aber nun mal so unangemessen hoch“, kritisiert Diettrich die Förderpraxis des Landes.

Man verzeichne Rückgänge bei den Wohnbeihilfen, die bei der Preisentwicklung eigentlich nicht zu erklären wären.
Frauen besonders betroffen. Zur Armutsgefährdung trägt auch die traditionelle Rollenverteilung in Vorarlberg bei. In keinem anderen Bundesland verdienen Frauen im Verhältnis zu den Männern so wenig. Lag das Bruttojahreseinkommen einer Wienerin 2019 im Schnitt bei 81,2 Prozent des Gehalts eines Wieners, so kamen die Vorarlbergerinnen gerade einmal auf 52,5 Prozent eines durchschnittlichen heimischen Männereinkommens. Eine Hauptursache für den Unterschied ist die hohe Quote an Arbeitnehmerinnen in Teilzeit. Aber sogar die vollzeitbeschäftigten Frauen kommen im Ländle nur auf 76,7 Prozent des Gehalts der Männer.

Die Armutslage in Vorarlberg sei insgesamt mit jener in einer Großstadt vergleichbar, so ­Diettrich.

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