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Sicherer Schlafplatz für Jugendliche

07.06.2021 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
„Alle sind hier willkommen und jede Herausforderung und Mühe wert (…)“, erklärt Tatjana Tschabrun, Leiterin der Jugendnotschlafstelle „Anker“. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
„Alle sind hier willkommen und jede Herausforderung und Mühe wert (…)“, erklärt Tatjana Tschabrun, Leiterin der Jugendnotschlafstelle „Anker“. Klaus Hartinger

Am 16. Juni eröffnet Dornbirner Jugendnotschlafstelle “Anker”.

Die Frage nach der Notwendigkeit einer Notschlafstelle für Jugendliche steht schon lange im Raum. Und der Weg war hürdenreich. Eine langwierige Diskussion, unzählige Recherchen in anderen Bundesländern und in Deutschland sowie eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Thematik durch zwei Studentinnen der Fachhochschule Vorarlberg später, war es dann endlich so weit. Die Jugendnotschlafstelle „Anker“ in der Dornbirner Innenstadt geht endlich in Betrieb.

Eine Stiege seitlich des Gebäudes, welches auch seit vielen Jahren das Kino „Cinema 2000“ beheimatet, führt in die neue Dornbirner Jugendnotschlafstelle „Anker“. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Eine Stiege seitlich des Gebäudes, welches auch seit vielen Jahren das Kino „Cinema 2000“ beheimatet, führt in die neue Dornbirner Jugendnotschlafstelle „Anker“. Klaus Hartinger

Notschlafstelle geht in Betrieb

Im Oktober vergangenen Jahres beautragte der Vorarlberger Landtag die Landesregierung mit der Einrichtung der Notschlafstelle für Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, denn ab nächsten Mittwoch, dem 16. Juni, soll die sich direkt über dem Kino „Cinema 2000“ befindende Notunterkunft Hilfesuchenden endlich seine Tore öffnen können.

Tatjana Tschabrun und Landesrätin Katharina Wiesflecker bei der Besichtigung der neuen Jugendschlafstelle. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Tatjana Tschabrun und Landesrätin Katharina Wiesflecker bei der Besichtigung der neuen Jugendschlafstelle. Klaus Hartinger

„Mit der konkreten Umsetzung wurde das Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit und Entwicklung (‚koje‘) beauftragt, weil diese bereits jetzt einen sehr niederschwelligen Zugang zur Zielgruppe hat und von den Jugendlichen nicht als ‚Behörde‘ wahrgenommen wird, erklärte Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker in einer gestern zum Thema abgehaltenen Pressekonferenz und Begehung der neuen Notschlafstelle. So liegt neben der Erstellung des Konzepts außerdem die Aufnahme des operativen Betriebs in der Hand der Koordinationsstelle für offene Jugendarbeit.

15 Jugendliche jährlich obdachlos

Ein Projekt, das dringend nötig geworden war, wie die Soziallandesrätin weiter betont –immerhin gelten schätzungsweise 15 Jugendliche jährlich in Vorarlberg als obdachlos oder nicht mehr erreichbar.Ein genauer Wert ließe sich nicht erfassen, immerhin werde das Thema Wohnungslosigkeit von den Betroffenen meist verschwiegen. Und das, obwohl die Situation mitunter gefährliche Folgen nach sich ziehen kann, wie Wiesflecker erklärt. Gerade für Mädchen bestünde die Gefahr der sexuellen Ausbeutung.

Die Dornbirner Bürgermeisterin Andrea Kaufmann. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die Dornbirner Bürgermeisterin Andrea Kaufmann. Klaus Hartinger

So ist auch die Dornbirner Bürgermeisterin Andrea Kaufmann von der Notwendigkeit der Einrichtung überzeugt: „In dieser niederschwelligen Anlaufstelle können betroffene Jugendliche in einer prekären Situation zumindest vorübergehend eine gewisse Stabilität finden.“ Hierfür bedarf es der Bürgermeisterin zufolge „ein gutes Netzwerk, um den Jugendlichen in ihrer schwierigen Situation optimal unter die Arme greifen zu können.“

Sicherer Schlafplatz

Doch was genau bedeutet „unter die Arme greifen“? Wie wird Betroffenen geholfen? In der Jugendnotschlafstelle finden Jugendliche, die von akuter Wohungslosigkeit betroffen sind, einen vorübergehenden Schlafplatz. Maximal sieben Nächte pro Woche wird den Betroffenen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren hier neben einem Unterschlupf in sicherer Atmosphäre auch Zugang zu Essen und die Möglichkeit zur Körperhygiene gewährt – jedoch nur zwischen 18 Uhr abends und 9 Uhr morgens, immerhin handelt es sich um eine Notunterkunft und keine längerfristige Wohnmöglichkeit, wie Wiesflecker erläutert.

Das Angebot bildet ein Teilelement der Gesamtversorgungsstrategie für Jugendliche ab 14 Jahren. Somit liegt der Fokus der Kinder und Jugendhilfe darauf, die Betroffenen dabei zu unterstützen, wieder eine Lebensperspektive zu entwickeln und entsprechend ihrem Willen an bestehende Unterstzützungsangebote herangeführt werden. So werden die Jugendlichen morgens geweckt und dazu ermutigt, ihrer Alltagsroutine nachzugehen – etwa in Form von Schule, Arbeit oder eines Beschäftigungsprojekts.

Zielgruppe des Angebots

Der Zugang zur Notunterkunft erfolgt niederschwellig und unbürokratisch, wie Kaufmann weiter erklärt. Es bestehen keine generellen Zugangskritierien, einzig das Einhalten der Hausordnung gilt es zu beachten. Die einzige Vorraussetzung besteht darin, dass die betroffenen Jugendlichen von sich aus um Hilfe aus ihrer prekären Lage bei der Einrichtung ansuchen.

"Anker"-Leiterin Tatjana Tschabrun. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
"Anker"-Leiterin Tatjana Tschabrun. Klaus Hartinger

Das Angebot richtet sich vor allem an Jugendliche ab dem vollendenten 14. Lebensjahr bis zur Erreichung der Volljährigkeit. In speziellen Fällen wird aber auch jungen Erwachsene im Alter bis maximal 21 Jahre Unterschlupf gewährt. Das Projekt ist für die Dauer von zwei Jahren angesetzt und wird gemeinsam mit der koje, der Offenen Jugendarbeit als Träger, dem Fachbereich Kinder- und Jugendhilfe sowie der Kinder- und Jugendanwaltschaft begleitet und laufend evaluiert.

„Alle sind willkommen”

„Alle sind willkommen.“ Für die Aufnahme und Betreuung der Jugendlichen wurde ein aus ausgebildeten Fachkräften der Sozialarbeit, Psychiatrie und Jugendberatung zusammengestellt, welches der Leitung von Tatjana Tschabrun untersteht. „Wesentlich für die Gestaltung der Jugendnotschlafstelle ‚Anker‘ sind jedoch die Jugendlichen mit ihren Bedürfnissen und Problemlagen, die fachlichen Einschätzungen meines Teams und der Systempartner“, erklärt die Leiterin und ergänzt:

Thomas Dietrich, Geschäftsführer koje. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Thomas Dietrich, Geschäftsführer koje. Klaus Hartinger

„Ich freue mich auf die Begegnungen mit den Jugendlichen – egal ob aus gesellschaftlich randständigem oder solidem Umfeld. Alle sind willkommen und jede Herausforderung und Mühe wert, auch wenn es mehrerer Anläufe zur Veränderung der Lebenssituation bedarf.“ Dem kann auch Thomas Dietrich, Geschäftsführer der koje, nur zustimmen: „Die Notschlafstelle für Jugendliche ist eine langjährige Forderung von unterschiedlichsten Seiten. Wir freuen uns sehr, dass die Offene Jugendarbeit und koje mit der Umsetzung in Vorarlberg betraut wurden.“

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