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Einer der Goldenen

11.06.2021 • 20:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
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Kevin De Bruyne zählt zur Goldenen Generation bei Belgien.

Es war der Schreckmoment im diesjährigen Finale der Champions League. Kevin De Bruyne passte den Ball zu einem Mitspieler und setzte sofort den Sprint in den freien Raum an. Chelsea-Verteidiger Antonio Rüdiger ließ den Belgier allerdings hart auflaufen, vollzog sogar noch die aktive Bewegung mit der Schulter in ihn hinein. Der Star von Manchester City musste im Anschluss mit sichtlich weichen Beinen und einem geschwollenen Auge das Spielfeld unter Tränen verlassen. Im wohl wichtigsten Spiel seiner bisherigen Karriere konnte er seinem Team nicht mehr dabei helfen, den Rückstand noch wett zu machen. Für Manchester City blieb es bei der schmerzlichen 0:1-Niederlage, für De Bruyne bei schmerzlichen Verletzungen. Die Diagnose im Krankenhaus ergab einen Augenhöhlen- und Nasenbeinbruch.
Aus diesem Grund stieß der 29-Jährige erst verspätet zur belgischen Nationalelf und dürfte für die heutige Partie gegen Russ­land wahrscheinlich noch nicht mitwirken. Dabei ist er nicht nur Dreh- und Angelpunkt in der Mannschaft unter Pep Guardiola, sondern auch unverzichtbar bei den „Roten Teufeln“. Gemeinsam mit weiteren Stars wie Romelu Lukaku, Eden Hazard oder Thibaut Courtois führt er die Goldene Generation des Pommeslandes bei dieser Euro an.

Kevin De ­Bruyne jubelt gemeinsam mit Romelu Lukaku. Zwei Spieler aus der Goldenen Generation bei Belgien. <span class="copyright">REUTERS</span>
Kevin De ­Bruyne jubelt gemeinsam mit Romelu Lukaku. Zwei Spieler aus der Goldenen Generation bei Belgien. REUTERS

Affäre

Dabei wäre ein Akteur aus diesem Quartett beinahe nicht mehr Teil der Nationalmannschaft. Im Jahr 2013 überließ Marc Wilmots, der damalige Trainer, De Bruyne die Wahl, ob er aus dem Team verbannt werden soll. Mit „er“ ist in diesem Fall Torhüter Courtois gemeint. Denn der hatte im besagten Jahr eine Affäre mit der damaligen Freundin vom ManCity-Star. „Obwohl ich immer noch nicht glauben kann, was Courtois getan hat, arbeiten wir weiterhin professionell zusammen“, kann seiner Autobiografie „Keep it simple“ entnommen werden, die 2014 erschien. Weiter erklärte der Mittelfeldspieler in diesem Schriftstück: „Ich glaube nicht, dass ich das Recht hatte, zu sagen, dass er nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen darf, weil er etwas falsch gemacht hat. Also sagte ich, dass er bleiben könnte.“

Beste Freunde sollten sie keine mehr werden, dafür sind die beiden Belgier allerdings auch von ihrem Wesen zu unterschiedlich. Courtois ist einer, der große Sprüche klopft und keiner Konfrontation aus dem Weg geht. De Bruyne hingegen ist zurückhaltend, wirkt teilweise schüchtern. Ohne Tattoos, topmoderne Frisur, oder Bling-Bling wirkt er fast etwas aus der Zeit des modernen Fußballs herausgefallen. Doch auf dem Platz verkörpert er das moderne Spiel wie kaum ein anderer. Egal, ob mit links oder rechts, der Belgier ist mit beiden Füßen sehr versiert, verfügt über ein starke Technik, gute Übersicht, ein präzises Passspiel und guten Schuss. Zwar keiner, der seine Gegenspieler der Reihe nach austanzt, aber mit seiner Schnelligkeit durchaus Stärken im Dribbling hat. Spielintelligenz und das Auge für den freien Raum komplementieren sein Arsenal. Abgesehen von der Abwehr und dem Torhüter gibt es daher kaum eine Position, die er in der Vergangenheit nicht schon bekleidet hätte. Früher vorzugsweise auf den offensiven Außenbahnen agierend, spielte er unter Pep Guardiola zuletzt vermehrt im zentralen Mittelfeld. Im Finalspiel der Champions League lief er allerdings auch als ein verkappter Mittelstürmer auf.

Der 29-Jährige musste im Champions-League-Finale mit Gesichtsverletzungen vom Feld und wurde von Pep Guardiola getröstet.<span class="copyright"> AP</span>
Der 29-Jährige musste im Champions-League-Finale mit Gesichtsverletzungen vom Feld und wurde von Pep Guardiola getröstet. AP

Ansporn

Der spanische Startrainer schwärmt mittlerweile von seinem Antreiber. „Egal, ob mit oder ohne Ball. Er hat alles“, meinte jener Mann, der bereits mit Größen wie Lionel Messi, Xavi oder Robert Lewandowski zusammenarbeitete. Der 50-jährige Übungsleiter war es auch, der seinen Schützling weiter antrieb und zu Höchstleistungen motivierte. Zwar hatte er in der Saison 2014/15 mit 21 Assists den Vorlagenrekord in der Bundesliga für den VfL Wolfsburg aufgestellt, dennoch äußerten Kritiker ihre Bedenken, ob es für das allerhöchste Niveau reichen wird. Dennoch überwiesen die SkyBlues 76 Millionen Euro nach Deutschland, damals Rekord für die Bundesliga. Und als ein Jahr später Guardiola nach Nordengland folgte, machte dieser beim ersten Treffer gleich eine klare Ansage. „Er setzte sich und sagte: Kevin, hör zu. Du kannst mühelos einer der Top-Fünf-Spieler der Welt werden“, berichtete De Bruyne von seinem ersten Treffen mit seinem neuen Chef. Dies stachelte den Nationalspieler an, wie er weiter ausführte: „Es hat meine ganze Mentalität geändert. Ich fand das genial, weil ich wollte, dass er Recht behält.“

Dabei war der Antrieb noch nie ein Problem beim Mann aus Drongen, einer Teilgemeinde von Gent. Als Jugendspieler bei KRC Genk lebte er bei einer Gastfamilie, kam nur in der spielfreien Zeit nach Hause. Nach einem weiteren Jahr überbrachte seine Mutter eine für ihn völlig überraschende Mitteilung. „Sie wollen dich nicht zurück, weil du so bist, wie du bist. Sie sagten, du bist ihnen zu ruhig. Sie können mit dir nicht interagieren, sie halten dich für schwierig“, klärte seine Mutter unter Tränen auf. Aus dieser Enttäuschung wurde Wut, aus der Wut entstand Energie und daraus wiederum Ehrgeiz. Nach dem Sommer startete er richtig durch, stand kurz darauf vor dem Sprung in die erste Mannschaft. Da wollte ihn die Gastfamilie zurück, er lehnte ab. „Diese Erfahrung war der Treibstoff für meine Karriere“, klärte er Jahre später auf.

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Titelsammlung

Seine Karriere erlebte bereits einige Höhen. Neben seinen vier nationalen Meistertiteln (drei in England mit ManCity, einer in Belgien mit KRC Genk) und elf Pokalerfolgen (inklusive Superpokal) zählt er in der Premier League zu den besten Vorlagengebern. Seine 20 Assists in der Saison 2019/20 wurden nur mehr von Thierry Henry in 2002/03 übertroffen. In jener Spielzeit erhielt der Belgier zudem die Auszeichnung als bester Kicker der Premier League. Und für das Jahr 2020 sowie für 2021 wurde er von den Spielern als bester Fußballer in England ausgezeichnet. Eine Trophäe oder Auszeichnung mit Belgien fehlt De Bruyne hingegen noch. Der Triumph bei dieser Euro würde nicht nur dem Abhilfe schaffen, sondern auch die Goldene Generation der Belgier veredeln.