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Betreuungsplatz für jedes Kind

19.06.2021 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vorarlberg hat Aufholbedarf in Sachen Kinderbetreuung. <span class="copyright">NEUE Archiv</span>
Vorarlberg hat Aufholbedarf in Sachen Kinderbetreuung. NEUE Archiv

Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung wird gefordert.

Die Sozialpartner drängen gemeinsam auf einen Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz. Denn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf habe sich in den vergangenen Jahren zu einem gesellschaftlichen Schlüsselthema entwickelt, heißt es in einer gemeinsamen Aussendung von Kammern, ÖGB und Industriellenvereinigung. Unter anderem will man mehr und besser ausgestattete Kindergarten-Plätze mit erweiterten Öffnungszeiten. Frühkindliche Betreuung und Bildung erfülle zwei wesentliche Funktionen: Sie unterstütze die elterliche Teilnahme am Arbeitsmarkt und fördere die Kindesentwicklung. Gleichzeitig erreiche sie mehrere Ziele: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mehr Fachkräfte am Arbeitsmarkt und faire Chancen für jedes Kind.

Der Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz soll ab dem ersten Geburtstag gelten, fordert ÖGB-Landesfrauenvorsitzende Iris Seewald. Der notwendige Ausbau der Kinderbetreuung sei eine der Voraussetzungen für die Beendigung so mancher Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in der Arbeitswelt. Seewald weist darauf hin, dass Vorarlberg beim „Equal Pay Day“ unrühmliches Schlusslicht sei. „Wir haben mit österreichweit 26,2 Prozent die größten Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen. Zudem arbeitet in Vorarlberg bereits jede zweite Frau in Teilzeit, das Beschäftigungsausmaß beträgt durchschnittlich circa 20 Wochenstunden.“ Für die ÖGB-Landesfrauenvorsitzende liegt es deshalb auf der Hand, „dass sich das langfristig auch negativ auf die soziale Absicherung der Frauen und die Altersvorsorge auswirkt“.

„Es braucht eine flächendeckende, leistbare und flexible Kinderbetreuung, um Frauen zu entlasten.“

Iris Seewald,
ÖGB-Landesfrauenvorsitzende
Iris Seewald, ÖGB-Landesfrauenvorsitzende <span class="copyright">Weinwurm</span>
Iris Seewald, ÖGB-Landesfrauenvorsitzende Weinwurm

Modellregion

Geht es nach Martin Ohneberg, Präsident der Industriellenvereinigung (IV) Vorarlberg, „muss Vorarl­berg eine Modellregion der Kinderbetreuung werden“. Das sei der logische nächste Schritt im Land, nachdem das Corona-Krisenmanagement gezeigt hat, dass Vorarlberg eine Vorreiterrolle einnehmen könne. „Es gibt keine Ausreden mehr. Die politische Umsetzungskompetenz für Verbesserungen liegt großteils direkt in Vorarlberg und nicht beim Bund. Der Aufholbedarf ist klar nachgewiesen und ein brennendes Thema in den Betrieben.“
Betrachtet man die Betreuungsquote von Kindern unter vier Jahren, so zeigt sich, dass zwar eine Aufholjagd begonnen hat, Vorarlberg aber immer noch im Mittelfeld Österreichs liegt. Sie lag im Jahr 2019/2020 bei 42,4 Prozent. Bei den unter Dreijährigen hatte lediglich ein gutes Viertel aller Kinder einen Betreuungsplatz. Insbesondere bei den täglichen Öffnungszeiten und den durchschnittlichen Schließtagen der Kinderbetreuungseinrichtungen sieht Ohneberg „erheblichen Aufholbedarf“. Vorarlberg belege hier den vorletzten Platz im Bundesländervergleich.

„Die Maßnahmen zur Verbesserung der aktuellen Situation müssen rasch eingeleitet werden.“


Reinhard Stemmer, ÖGB-Landesvorsitzender
Reinhard Stemmer, ÖGB-Landesvorsitzender <span class="copyright">Hartinger</span>
Reinhard Stemmer, ÖGB-Landesvorsitzender Hartinger

Kinder, Eltern, Wirtschaftsraum

ÖGB-Landesvorsitzender Reinhard Stemmer sieht die Politik auf Landes- und auf Gemeindeebene gefordert. „Es gilt, die einzelnen Themen und Forderungen rasch auf die politische Tagesordnung zu setzen und die notwendigen Maßnahmen zur Verbesserung der aktuellen Situation einzuleiten“, so Stemmer. Der ÖGB stehe hinter dem Ziel, Vorarlberg zur chancenreichsten Region für Kinder zu machen. „Aber diesem Ziel müssen auch die politischen Maßnahmen folgen; und zwar sowohl für die Kinder als auch für die Eltern und nicht zuletzt für die Absicherung unseres Wirtschaftsraums.“ Bestätigt fühlt man sich bei den Initianten der Kinderbetreuungsoffensive auch durch eine aktuelle Umfrage der Arbeiterkammer. Aus dieser geht hervor, dass für 65 Prozent der Befragten die Politik im Bereich der Kinderbetreuung nicht genug tut. 78 Prozent wollen, dass der Staat mehr Geld in die Kinderbildung investiert.

Bundesweite Forderung

Die bundesweite Forderung sieht weiters zielgerichtete und unbürokratische Förderungen für die Errichtung von Betriebskindergärten vor sowie die Prüfung steuerlicher Hürden für deren Ausbau und Nutzung. Zudem wollen die Sozialpartner ein Bundesrahmengesetz mit einheitlichen, hohen Mindeststandards für die pädagogische Qualität auf Bundesebene. Ebenfalls erarbeitet werden müssten hohe Qualitätsstandards im Sinne der frühkindlichen Förderung und elementaren Bildung, heißt es in dem Strategiepaper.

„Vorarlberg muss eine Modellregion für Kinderbetreuung werden. Keine Ausreden mehr.“

Martin Ohneberg, IV-Präsident
Martin Ohneberg, IV-Präsident <span class="copyright">Fasching Raum für Fotografie</span>
Martin Ohneberg, IV-Präsident Fasching Raum für Fotografie

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