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„Es gibt noch sehr viel Luft nach oben“

25.06.2021 • 21:25 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Marlene Thalhammer und Clemens Rauch. <span class="copyright">Hartinger</span>
Marlene Thalhammer und Clemens Rauch. Hartinger

Ein grünes Urgestein tritt ab. Marlene Thalhammer übergibt an Clemens Rauch.


Sie legen Ihre Funktion als Stadträtin im Juli zurück und ziehen sich aus der ersten Reihe zurück. Warum?
Marlene Thalhammer:
Ich bin 65 Jahre alt, da ist es an der Zeit, an Jüngere zu übergeben. Ich bin keine Sesselkleberin. Wir haben das Glück, junge Leute im Team zu haben, die gerne größere Aufgaben übernehmen.

Clemens Rauch, der bereits Klub­obmann der Feldkircher Grünen ist, soll Ihnen nachfolgen. Was zeichnet ihn aus?
Thalhammer:
Clemens ist ein sehr ambitionierter junger Grüner, den ich schon von der Grünalternativen Jugend und vielen Wahlveranstaltungen her kenne. Clemens kann anpacken und vertritt unsere Positionen auf eine sehr angenehme Art und Weise. Clemens interessiert sich zudem sehr für meine Ressorts Umweltschutz und Abfallwirtschaft.

Bleiben Sie Stadtvertreterin?
Thalhammer:
Ja, ich übergebe nur die Stadtratsfunktion.

Wie lange möchten Sie das noch machen?
Thalhammer:
Das kann ich nicht genau sagen. Aber ich möchte mich dort, wo ich lebe, immer politisch engagieren und einbringen. Ich kann mir das gar nicht anders vorstellen.

Nina Tomaselli sitzt im Nationalrat und als Fraktionsführerin im U-Ausschuss. Sie ist offiziell zwar noch Stadtvertreterin in Feldkirch, tritt hier aber so gut wie nicht mehr in Erscheinung. Wie sehr fehlt ihre Mitarbeit?
Thalhammer:
Ihre Recherchearbeit fehlt uns sicher, aber da ist sie im U-Ausschuss derzeit sicher am wichtigerer Stelle. Sie ist auf dem vierten Platz unserer Liste. Clemens auf dem dritten, weil wir bei der Erstellung der Liste schon gewusst haben, dass er mich ablösen wird. Wenn Nina nicht im Nationalrat und U-Ausschuss sitzen würde, hätte sie in Feldkirch definitiv eine andere Rolle.

Nina Tomaselli. <span class="copyright">Steurer</span>
Nina Tomaselli. Steurer

Sie sind seit 1990 in der Stadtpolitik, sprich mehr als 30 Jahren. Wie hat sich Feldkirch in dieser Zeit entwickelt?
Thalhammer:
Feldkirch ist eine sehr interessante, offene und kreative Stadt. Hier ist vieles möglich, aber es gibt auch noch sehr viel Luft nach oben.
Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Thalhammer: Wenn ich von meinen Ressorts ausgehe, so muss ich sagen, dass die Abteilung sehr knapp bestückt ist. Da wäre mit mehr Personal sicher sehr viel mehr möglich. Die Stadt könnte in vielen Bereichen mehr für die Vorbildwirkung tun, etwa was die Begrünung der Dächer angeht.

Was würden Sie als Ihre größten politischen Highlights bezeichnen?
Thalhammer:
Das Augenscheinlichste ist sicher das Altstoffsammelzentrum. Das ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Es hat den neuen Zugang zum Thema Wiederverwerten sichtbar gemacht. In meiner Zeit ist aus der Umweltabteilung eine Umwelt-, Klima- und Energieabteilung mit einem wesentlich größeren Spektrum an Themen geworden. Die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern der Abteilung war großartig.

Sie haben Ihre ganze politische Karriere hindurch gegen den Letzetunnel bzw. Stadttunnel gekämpft. Wie sehr schmerzt es, dass das Mammutprojekt nun doch umgesetzt wird?
Thalhammer:
Naja, schauen wir mal, ob er wirklich kommt. Es braucht noch sehr viele Vorarbeiten, damit man überhaupt mit dem Bau beginnen darf. Zudem hat das Höchstgericht eine Ebene der Einsprüche noch gar nicht bearbeitet. Wenn er kommt, schmerzt es mich sehr, weil es einfach die falsche Verkehrspolitik ist. Es braucht Fahrradstraßen, keine Tunnelspinne.

<span class="copyright">Hartinger</span>
Hartinger

Jetzt kann man aber nicht alle Autofahrer aufs Fahrrad setzen, gleichzeitig ist der öffentliche Verkehr bereits sehr gut ausgebaut. Was wäre eine Alternative zum Stadttunnel?
Thalhammer:
Man kann sicher nicht alle Menschen dazu bewegen, mit Bus und Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen, aber sehr viel mehr als die, die es jetzt tun. Ein Großteil der Wege, die zurückgelegt werden, sind unter fünf Kilometer. Wenn wir jene, die diese kurze Strecken mit dem Pkw fahren, zum Umsteigen bewegen können, ist schon sehr viel getan. Neue Straßen für Autos zu bauen ist jedenfalls nicht der richtige Weg.

Der Bau des Stadttunnels steht in der Regierungsvereinbarung, sprich die Landesgrünen mussten hier Zugeständnisse machen. Wie sehr stört Sie das?
Thalhammer:
Die Landesgrünen denken verkehrspolitisch nicht anders als wir. Aber in einer Koalition muss man halt Kompromisse machen. Die tun sowohl auf Bundes- als auch Landesebene weh, und werden uns teilweise von den Wählern angekreidet. In meiner Rolle in Feldkirch muss ich aber nicht das vertreten, was die Landesgrünen in der Koalition vertreten.

Wie bewerten Sie das politische Klima in Feldkirch?
Thalhammer:
Kreative, andersdenkende, sich nicht im Mainstream bewegende Menschen, haben es schwer. Dazu zähle ich auch die Grünen. Die Koalitionspartner ÖVP und FPÖ passen da gut zusammen. Um eine Stadt weiterzubringen, braucht es aber eine Wertschätzung gegenüber kreativen und innovativen Kräften – ganz egal, ob es sich dabei um Rathausmitarbeiter oder Vertreter anderer politischer Parteien handelt. Diese Wertschätzung gibt es meiner Meinung nach nicht – und so geht eben ein großes Potenzial verloren.

<span class="copyright">Hartinger</span>
Hartinger

Warum ist es nach der letzten Wahl zu keiner Koalition zwischen ÖVP und Grünen gekommen?
Thalhammer:
Die ÖVP hat das überhaupt nie in Betracht gezogen. Es gab ja schon in der vorigen Periode ein stilles Abkommen zwischen ÖVP und FPÖ. Die Präferenz war hier ganz klar. Wir haben zwei Mal eine Stunde lang miteinander gesprochen. Das waren aber keine Koalitionsgespräche. Von der ÖVP hieß es sinngemäß: Wenn ihr nicht das macht, was wir wollen, dann müssen wir erst gar nicht weiterreden.

Wir haben gerade über Zugeständnisse gesprochen. Wollten Sie denn keine machen?
Thalhammer:
Natürlich kann man Zugeständnisse machen. Die ÖVP wollte, dass wir nicht mehr gegen den Bau der Tunnelspinne und die Veränderungen bei der Offenen Jugendarbeit ankämpfen. Da konnten wir nicht mit. Zudem werden immer noch alle Ortsvorsteher von der ÖVP gestellt. Das wäre mit uns nicht gegangen.

Marlene Thalhammer

Geboren: 4. August 1956 in Hohenems

Familienstand: in Partnerschaft, zwei Kinder

Beruf: Pensionistin, früher Lehrerin am Polytechnischen Lehrgang in Feldkirch

Politik: seit 1990 Haupt- oder Ersatzmitglied der Stadtvertretung

seit 2008: Stadträtin

Gibt es etwas, dass Sie nach ihrem Rücktritt als Stadträtin im politischen Alltag nicht vermissen werden?
Thalhammer:
Die abschätzige Behandlung und vielen Untergriffe, die meist hinter verschlossenen Türen passierten.

Wen meinen Sie da konkret?
Thalhammer:
Den Bürgermeis­ter, nicht nur den jetzigen. Und Stadtrat Benedikt König (ÖVP, Anm.).

Bürgermeister Wolfgang Matt. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Bürgermeister Wolfgang Matt. Stiplovsek

Die Fronten zwischen Ihnen und Bürgermeister Wolfgang Matt sind verhärtet. Glauben Sie, dass Ihr Nachfolger Clemens Rauch da einen anderen Zugang findet bzw. es leichter haben wird?
Thalhammer:
Clemens denkt inhaltlich sehr ähnlich wie ich. Vielleicht hat er den Bonus des Neuen, aber leicht wird er es sicher nicht haben.

Was werden Sie mit der gewonnenen Zeit anfangen?
Thalhammer:
Ich kümmere mich drei Mal in der Woche um meine Enkelkinder, da hab ich genug zu tun. Und ich mache das sehr gerne.