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Soll die sechste Urlaubswoche kommen?

26.06.2021 • 21:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
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Eine aktuelle Frage aus zwei Blickwinkeln beantwortet

Eine Woche zusätzlichen Urlaub fordern die Gewerkschafter um GPA-Geschäftsführer Bernhard Heinzle. Martin Ohneberg, Präsident der ­Industriellenvereinigung Vorarlberg, hält nichts von dieser Idee.

PRO: Bernhard Heinzle, Geschäftsführer der GPA Vorarlberg

Aufgrund der Digitalisierung hat Urlaub nicht mehr die Qualität vergangener Tage. Ärzte warnen vor zu wenig Erholungstagen, und es hat eine schleichende Arbeitszeitverlängerung stattgefunden.

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Bernhard Heinzle. GPA

Es gibt ein paar Dinge, bei denen sich die Österreicherinnen und Österreicher einig sind. Eines davon ist die klare Zustimmung zur sechsten Urlaubswoche für alle. In einer aktuellen repräsentativen Umfrage der Gewerkschaft GPA sprechen sich 86 Prozent dafür aus, dass alle in diesen Genuss kommen sollen.
Momentan steht Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die sechste Urlaubswoche nach 25 Jahren beim gleichen Arbeitgeber zu. Als diese Regelung im letzten Jahrhundert eingeführt wurde, war das eine Form der Arbeitszeitverkürzung. Weil aber mittlerweile Beschäftigte viel öfter Jobs wechseln als früher, erreicht kaum jemand mehr die sechste Urlaubswoche. Wir haben also eine Phase der schleichenden Arbeitszeitverlängerung hinter uns – und das in einer Zeit, in der die Produktivität unglaublich gestiegen ist! Menschen schaffen in immer weniger Zeit immer mehr Arbeit. Gleichzeitig sollen sie mehr arbeiten.
Im Jahr 2019 wurden in Öster­reich über 216 Millionen Überstunden geleis­tet. 30 Millionen davon wurden nicht einmal bezahlt.
Dazu kommt, dass die Digitalisierung für viele eine Art ständige Erreichbarkeit mit sich gebracht hat. Zwei Drittel der Beschäftigten geben an, im Urlaub für ihren Arbeitgeber erreichbar zu sein, die Hälfte davon sogar jederzeit. Das macht ein echtes Abschalten schwierig und wirkt sich negativ auf die Qualität der Erholung aus.
Ärztinnen und Ärzte warnen schon lange, dass zu viel Arbeit krank macht und Körper und Geist Erholungsphasen brauchen. Wer die Möglichkeit hat, sich auszurasten, arbeitet danach produktiver. Die sechste Urlaubswoche ist ein Gewinn für alle. In einigen Kollektivverträgen hat die Gewerkschaft GPA sich bereits durchgesetzt und die Erreichbarkeit deutlich erleichtert oder sogar mehr Urlaubstage durchgesetzt. Jetzt ist der Gesetzgeber am Zug.
Nach Jahrzehnten ohne dass sich im Bereich der Arbeitszeit gesetzlich irgendetwas getan hat, ist es jetzt höchst an der Zeit für eine Entlastung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Viele, vor allem jüngere, wünschen sich mehr Zeit für sich. Dazu kommt, dass der Urlaub oft für die Betreuung der Kinder (Stichwort Sommerferien) und zur Pflege der Eltern gebraucht wird. Für wirkliche Erholung bleibt oft nicht viel über. Corona hat diese Entwicklung wie ein Brennglas deutlich aufgezeigt.
Internationale Beispiele zeigen vor, wie es geht: Spanien, Finnland oder auch Frankreich haben bereits die sechste Urlaubswoche umgesetzt. Litauen, Estland und das Vereinigte Königreich stehen bei 28 Urlaubstagen. Österreich wäre also kein Vorreiter, sondern hat in dieser Hinsicht Einiges aufzuholen.

KONTRA: Martin Ohneberg, Präsident der IV Vorarlberg

Nach der schwersten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren braucht es wettbewerbsfördernde und keine wett­bewerbsschädlichen Maßnahmen. Bezüglich freien Tagen liegt Österreich ohnehin schon an der Spitze.

Martin Ohneberg. <span class="copyright">IV</span>
Martin Ohneberg. IV

Die Debatte um die „sechste Urlaubswoche für alle“ ist nichts Neues. Gebetsmühlenartig wird vor allem von Vertretern der Arbeitnehmer vorgebracht, wie die „Wunderwaffe“ für mehr Zufriedenheit am Arbeitsplatz oder eine gerechtere Aufteilung der Arbeitszeit beitragen kann. Bevor wir uns die Forderung und deren Auswirkungen im Detail anschauen, erst mal zu den Fakten:
Mit 25 Urlaubstagen und 13 gesetzlichen Feiertagen liegt Österreich schon heute an der Spitze unter den entwickelten Staaten. Die aktuelle gesetzliche Regelung besagt außerdem, dass man nach 25 Jahren in einem Betrieb Anspruch auf eine sechste Urlaubswoche erhält. Mit möglichen Anrechnungen von Vordienst- und Ausbildungszeiten können bis zu 12 Jahre angerechnet werden, das heißt, die Jahre beim gleichen Arbeitgeber können so auf 13 Jahre reduziert werden.
Diese Regelungen sind großzügig, fair und gut argumentierbar. Gut argumentierbar ist auch, dass sich viele Betriebe darüber hinaus zu zusätzlichen Leistungen für ihre Mitarbeiter entscheiden oder freiwillig eine „sechste Urlaubswoche für alle“ anbieten. Die Betriebe sind zu unterschiedlich aufgestellt und sollen auf Betriebsebene individueller entscheiden können, was sie über den gesetzlichen Rahmen hinaus für ihre Mitarbeiter leisten. Das sorgt für einen guten Wettbewerb unter den Betrieben um die besten Köpfe. All das aber Stück für Stück zu einem gesetzlichen Anspruch zu machen, ist der falsche Weg und führt zu einem großen Wettbewerbsnachteil – insbesondere für Betriebe, die international tätig sind. Nicht zuletzt deshalb haben die Schweizer Eidgenossen bei einer Volksabstimmung über die „sechste Urlaubswoche für alle“ trotz der durchschnittlich höchsten Wochenarbeitszeit in Europa mit 67 Prozent dagegen gestimmt: Sie fürchteten den Wettbewerbsnachteil für den Wirtschaftsstandort und sehen die direkten Auswirkungen auf den eigenen Arbeitsstandort. Gerade jetzt – nach der schwersten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren – braucht es wettbewerbsfördernde Maßnahmen. Wir haben keinen Spielraum für wettbewerbsschädliche Maßnahmen, das möchte ich so deutlich formulieren. Immerhin wird es in vielen Branchen noch Jahre dauern, bis sie die wirtschaftliche Stärke von 2019 erreicht haben. Unser gemeinsames Ziel – als Arbeitgeber wie auch als Arbeitnehmer – muss es deshalb vielmehr sein, an einem Strang zu ziehen.
Wir Arbeitgeber sind uns der Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern sehr bewusst, wissen, was wir an ihnen haben und dass wir nur gemeinsam erfolgreich sind. Ich bin überzeugt, der Großteil der Mitarbeiter sieht das genauso. In der aktuellen Diskussion wäre aber auch das Verständnis der Arbeitnehmervertreter wichtig, dass nur wettbewerbsfähige Unternehmen auch qualitativ gute und gut bezahlte Arbeitsplätze halten und schaffen können.