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Welche Fragen beantwortet werden müssen

29.06.2021 • 20:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
In Wien-Donaustadt wurde die Leiche des Mädchens gefunden
In Wien-Donaustadt wurde die Leiche des Mädchens gefunden APA/MICHAEL GRUBER

Der Mord an einer 13-Jährigen macht fassungslos.

Wer ist schuld am Mord an einem 13-jährigen Mädchen in Wien? Das Asylsystem, das zu lax ist, und Verbrecher im Land hält? Die Gesellschaft, die Menschen in prekäre Lagen drängt?

Was fest steht: Schuld hat der, oder die Täter, mutmaßlich zwei jugendliche Asylwerber aus Afghanistan. Die einfachste politische Reaktion („Abschiebeoffensive“) war schnell parat. Das Gegenargument („soziale Probleme schaffen Kriminalität“) ließ nicht lange auf sich warten. Zu kurz greifen beide. Denn auch, wenn sich kriminologisch schlüssig erklären lässt, warum manche Bevölkerungsgruppen eher gewalttätig sind als andere – wegdiskutieren darf man es trotzdem nicht.

Im Gegenteil. Der Mord zwingt dazu, ein paar Grundsätzlichkeiten ernsthaft zu klären:

Geredet werden muss darüber, ob Asylverfahren durch Rechtsmittel künstlich in die Länge gezogen werden. Einer der Tatverdächtigen hätte abgeschoben werden sollen, legte aber Berufung ein. Wie findet man das Gleichgewicht zwischen einem fairen Rechtsstaat und dem Ausnutzen desselben? Darauf gilt es eine Antwort zu finden. Denn schnelle Verfahren mit nachvollziehbaren Entscheidungen können Kriminalität den Nährboden entziehen.

Geredet werden muss auch darüber, dass bei sexuellen Gewaltverbrechen Asylwerber – insbesondere welche aus Afghanistan – in der Statistik überrepräsentiert sind. Neben Wertekursen sollte auch Sexualpädagogik zum Pflichtprogramm gehören.

Geredet werden muss über den Umgang mit Menschen mit Kriegserfahrungen. Schweizer Forscher lieferten kürzlich die wissenschaftliche Bestätigung: Männliche Asylwerber, die als Kinder einen Krieg miterlebten, haben eine um 35 Prozent höhere Anfälligkeit für Gewaltverbrechen als andere Asylsuchende. Gezielte Beratungs- und Therapieangebote könnten die Spirale durchbrechen.

Geredet werden muss auch darüber, welche Perspektiven Asylwerber bekommen. Eine frühe Integration am Arbeitsmarkt, auch das zeigt die Schweizer Studie, verringert die Kriminalitätsneigung von Asylwerbern trotz traumatischer Kindheit. Weil sie beschäftigt sind, ein Umfeld haben, das nicht nur aus anderen Asylwerbern besteht, und: weil sie etwas zu verlieren haben.

Geredet werden muss über Familienzusammenführung. Menschen mit Müttern, Schwestern, Tanten im Umfeld haben ein anderes soziales Korrektiv als junge Männer, die nur mit anderen jungen Männern leben.

Geredet werden muss aller angebrachten Härte zum Trotz über die andere Seite der Statistik: Viele Flüchtlinge sind gesetzestreu. Eine Minderheit fällt durch besonders viele Straftaten auf. Sie richten erheblichen Schaden an. Nicht zuletzt bei jenen Menschen, die wirklich Schutz brauchen.