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Mit Bauchweh gegen den Säbelzahntiger

04.07.2021 • 20:06 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Mein Körper und ich haben ein sehr ambivalentes Verhältnis zueinander. Das liegt daran, dass ich nicht verstehe, warum er gewisse Dinge tut, wie er sie tut. Ein einfaches Beispiel: Mein Körper agiert permanent so, als ob er sich auf eine neue Eiszeit vorbereiten müsste, und speichert fleißig jede Rosine, die ich esse, in sämtlichen vorhandenen Depots, die er zur Verfügung hat. Ich kann ihm noch so oft sagen, dass das mit der Eiszeit seit ein paar tausend Jahren nicht mehr aktuell ist, er geht lieber auf Nummer sicher.

Nun, damit kann ich noch umgehen, aber, dass er immer wieder meint, meinen Gefühlshaushalt auch noch mit diversen Unbequemlichkeiten zu unterstreichen, das geht zu weit. Mein Bauch zum Beispiel: schleppe ich lange etwas mit mir herum, das mein Verstand nicht richtig verarbeiten mag, zeigt mein Magen wie ein Einserschüler freudestrahlend auf und quiekt: „Ich übernehme das, ich übernehme! Darf ich, darf ich, darf ich?“ Und dann plumpst mein Stress, mein Ärger, meine Trauer, oder was auch immer dem Kopf gerade zu viel ist, in meinen Magen. Dort drückt, schmerzt und rumort es dann herum, und ich esse wieder eine Woche Zwieback. (Was im Übrigen überhaupt keinen Einfluss auf meine Depots hat, die bleiben gefüllt – die Eiszeit naht!)

Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass das mit unserem ursprünglichen Fluchtverhalten zu tun hat. Wenn der Körper sämtliche Energie braucht, um vor dem Säbelzahntiger zu fliehen, dann schaltet er den in diesem Moment recht unnötigen Verdauungsapparat ab, um alle Power in die Beine zu leiten. Lauf! Dann wird einem schlecht, und man hat Bauchweh. Leuchtet mir ein. Lieber einmal kurz ein wenig übel, als das Frühstück eines Tigers zu sein. Aber genauso wenig wie eine Eiszeit vor der Tür steht, zieht ein Säbelzahntiger vor meiner Wohnung seine Kreise. Und es löst doch auch nicht meine Probleme, wenn ich mit Wärmeflasche und Kamillentee ans Bett gefesselt bin.

Demnach muss ich gucken, dass all die Herausforderungen, die mein Kopf zu lösen hat, auch dort bewältigt und nicht jedes Mal dem Einserschüler Magen übergeben werden. Vielleicht ist genau das der Sinn. Im Bett liegen, Ruhe geben und dabei draufkommen, dass man viel zu viele Dinge unverarbeitet im Kopf lässt. Arbeit, Sorgen, Stress und nicht aussprechen, wenn’s einfach mal für einen kurzen Moment genug ist. Gut, ich gehe jetzt raus und brülle ein enthusiastisches „Jetzt langt’s abr oh amol!“ meinem ganz persönlichen Säbelzahntiger entgegen. Der wird sich mit eingezogenem Schwanz verkriechen und mein Bauch sich auf eine Eiszeit freuen. Erdbeereis-Zeit!

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt mit ihren Töchtern in Hohenems.