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Unterflurtrasse finanziell und technisch machbar

05.07.2021 • 21:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Gleise, die am See in Richtung Lochau führen, sollen unter die Erde verschwinden. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Gleise, die am See in Richtung Lochau führen, sollen unter die Erde verschwinden. Hartinger

Verlegung der Bahn von Wolfurt nach Hörbranz unter die Erde sei umsetzbar.

Nur 72 Stunden nach der Vision für Bregenz-Mitte präsentierte der Bregenzer Bürgermeister Michael Ritsch das zweite Großprojekt der Landeshauptstadt. Die Verlegung der Bahngleise unter die Erde. Nach Beschluss in der Bregenzer Stadtvertretung wurde durch ein Expertengremium, welchem auch Bauunternehmer Hubert Rhomberg, Unternehmensberater Michael Grahammer und Zivilingenieur Gunther Zierl angehörten, die Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2002 aktualisiert.

Die Studienautoren kamen zu dem Schluss, dass sowohl die technische als auch die finanzielle Machbarkeit gegeben ist. Die Streckenführung wurde etwas angepasst, würde nun vom Wolfurter Güterbahnhof bis zur Staatsgrenze in Hörbranz unterflur verlaufen. Ursprünglich war die Rückkehr über Tage in Lochau geplant. Auch Überlegungen, die Bahn durch den Pfänderstock zu führen wurden verworfen, weil dazu Häuser in Bregenz abgerissen werden müssten, unter anderem die Bezirkshauptmannschaft.

„Die Streckenführung ist leicht nachvollziehbar, ist sie doch ident mit der jetzigen Gleislegung – nur eben einen Stock tiefer“, bringt es Rhomberg auf den Punkt.

Weg von der Straße

Der Bauunternehmer führte aus, dass es nicht nur aufgrund der Lebensqualität für Bregenz und die profitierenden Gemeinden sowie ob der gewonnen Flächen oberhalb der geplanten Unterflurtrasse ein absolutes Muss ist, diese Überlegungen in die Umsetzung zu bringen. „Jährlich fahren 1,4 Millionen Lkw durch den Pfändertunnel. Großteil deshalb, weil die eingleisige Bahnstrecke Bregenz–Lochau gar keine Verlegung auf die Schiene zulässt. Im Sinne der Wirtschaft, aber auch des Klimas muss es umgesetzt werden. Ich habe immer damit gerechnet, dass es eines Tages kommt und rechne nun mehr denn je damit“, gab sich der Bregenzer optimistisch.

Außerdem rechnete er vor, dass der Bedarf an Gütertransporten, aber auch an Personentransporten aus dem umliegenden Ausland in den nächsten 15 Jahren noch massiv zunehmen werde. Spätestens dann wäre das Nadelöhr Bregenz–Lochau mit seinem einzelnen Gleis überfordert. Derzeit werden in Vorarlberg, vor allem ins benachbarte Ausland, 88 Prozent des Güter- und Warenverkehrs auf der Straße statt auf der Schiene abgewickelt. Mit dem Ausbau könnten bis zu 85 Prozent der Treibhausemissionen eingespart werden.

Finanzierung

Doch dahinter stecken nicht alleine umweltpolitische Verbesserungen, sondern vor allem auch finanzielle Anreize. Denn die EU fördert den Bahnausbau. Die EU-Förderung wäre jedoch nur ein kleiner Teil der kompletten Finanzierung. Immerhin kostet die Unterflurlösung laut den Studienautoren 1,5 Milliarden Euro. Hört sich im ersten Moment viel an, ist aber durchaus finanzierbar, meint Grahammer vom Vorarlberger Ableger des Finanzierungsexperten BDO.

Zum einen darf die Laufzeit von 50 Jahren für mögliche Rückzahlungen nicht außer Acht gelassen werden. Zusätzlich die Wertschöpfung im Land, die ein solches Projekt mit sich bringt. Grahammer spricht von 9000 Arbeitsplätzen während der Bauzeit und fiskalischen Effekten wie Lohnnebenkosten in Höhe von 545 Millionen Euro.

Alles in allem stellt der Experte eine Finanzierung auf (siehe Infotext), welche für Bund, Land und Gemeinden durchaus zu stemmen wäre. „Sollte es scheitern, dann nicht daran, dass man nicht kann, sondern dass man nicht will“, sagt Grahammer.

Finanzierungskonzepte Quelle: BDO

ÖBB-Rahmenplan – Berechnungsbeispiel

(Konventionelle Finanzierung – Beträge in Euro)

Annahmen

Gesamtinvestitionskosten: 1.500.000.000

Private Beiträge: 100.000.000

EU-Förderung: 50.000.000

Finanzierungserfordernis: 1.350.000.000

– davon ÖBB/Bund: 950.000.000

– davon Land/Vorarlberg: 300.000.000

– davon Stadt/Gemeinden: 100.000.000

Steuereinnahmen öffentliche Hand: 522.000.000

Zins Fremdkapital: 1,00% p.a.

Laufzeit Fremdkapital: 50 Jahre

Indexierung: 2,00% p.a.

Ergebnisse

Jährliche Nettobelastung Bund: 14.865.418

Jährliche Nettobelastung Land: 4.694.342

Jährliche Nettobelastung Stadt/Gemeinden: 1.564.781

Jährliche Gesamtbelastung öffentliche Hand: 21.124.541

Politischer Zusammenschluss

Nun ist die Politik am Zug. In Bregenz muss am 15. Juli in der Stadtvertretung abgestimmt werden, ob man sich zu dem Projekt bekennt. Ähnliches müssen die anderen fünf betroffenen Gemeinden Hörbranz, Lochau, Hard, Lauterach und Wolfurt tun. Dann muss das Land ins Boot geholt werden und von den wirtschaftlichen Vorteilen eines zweigleisigen Unterflur­ausbaus überzeugt werden. In weiterer Folge geht das Vorhaben zum Bund und somit zu den ÖBB. Ziel ist es, mit dem Projekt bis 2026 oder in der darauffolgenden Sechs-Jahres-Periode in den Zielplan der Bundesbahnen zu kommen.

Dazu müssen aber alle Vorarlberger Verantwortlichen auf politischer Ebene an einem Strang ziehen, wie Rhomberg festhält. Das betriebswirtschaftliche Interesse der ÖBB an einem derart teuren Ausbau für so einen kurzen Streckenabschnitt sei nicht gegeben. Umso mehr müssen die Vorarlberger Geschlossenheit zeigen. „Wenn die Gemeinden und das Land eine Stimme haben, dann wird Österreich nicht über ein ganzes Bundesland drüberfahren können. Das ist meine Überzeugung“, schließt der Bauunternehmer.